Kommentar

Gipfel-Gastgeber Frankreich Macron hat seine Wette gewonnen

Stand: 26.08.2019 17:43 Uhr

Frankreichs Präsident Macron hat das Format des G7-Gipfels bewusst aufgebrochen. Das Konzept ist aufgegangen. Macron hat dem Treffen des Klubs der reichen Länder neue Kraft und Legitimität verliehen.

Ein Kommentar von Marcel Wagner, ARD-Studio Paris, zzt. Biarritz

Die Zeiten, in denen ein Klub reicher Länder die Geschicke der Welt lenkt, sind vorbei. Das sagte kein Geringerer als Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, schon vor fast einem Jahr vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen. Die Frage ist also durchaus berechtigt, ob es dieses G7-Format - das in Wahrheit ja nichts anderes ist als das Treffen eines Klubs reicher Länder - überhaupt noch braucht.

Macron hatte sich selbst die Latte also ziemlich hoch gehängt. Der Gastgeber wollte in Biarritz beweisen, dass die G7 durchaus noch Sinn ergeben. Er ging dabei ohne Zweifel ziemlich geschickt vor: Ganz nach oben auf die Tagesordnung setzte er den Kampf gegen Ungleichheiten in der Welt. Das kann man scheinheilig finden. Wirklich kritisieren lässt sich das aber kaum.

Verzicht auf Erklärung nahm Druck aus dem Kessel

Dann brach er das Format bewusst auf, bat gerade zu Fragen der Gerechtigkeit Vertreter etwa afrikanischer Länder mit an den Verhandlungstisch. Die Partnerschaft auf Augenhöhe, die er zwischen den reichen Demokratien und den ärmsten Staaten der Welt gefordert hatte - in Biarritz sendete er so ein starkes Signal dafür.

Und die heftigen Streitigkeiten unter den G7 selbst? Auch die fing Macron geschickt ein, indem er die sonst übliche Abschlusserklärung aller sieben einfach von vornherein fallen ließ. Wirklich scheitern konnte der Gipfel also gar nicht. Das nahm eine Menge Druck aus dem Kessel.

Nach zweieinhalb dichten und intensiven Gipfeltagen lässt sich also feststellen: Die Wette, die Macron mit seinem Gipfelkonzept einging, hat er ziemlich deutlich gewonnen. Das lag auch und vor allem an Macron selbst: Schon vor dem eigentlichen Eröffnungsessen hatte der Gastgeber einen wahren Marathon an Gesprächen hingelegt.

Zaghafte Fortschritte im Verhältnis zu den USA

Sogar die größte Gefahr für das Gelingen dieses Gipfels - US-Präsident Donald Trump und seine ständig scharf geladene Twitter-Kanone - hatte Macron in einem ausgedehnten gemeinsamen Mittagessen nahezu entschärft. Den Handelskrieg mit China will Trump zwar beinhart weiterführen. Aber wer vor dem Gipfel behauptet hätte, dass es in Biarritz große Fortschritte im Atomstreit mit dem Iran geben würde, wie es die Kanzlerin nun am Ende des Gipfels feststellte, der wäre vermutlich für unzurechnungsfähig erklärt worden.

Auch im Ukraine-Konflikt scheint es voranzugehen, EU und USA wollen bald Handelsgespräche führen - und so vielleicht Strafzölle auf deutsche Autos vermeiden. Der britische Premierminister Boris Johnson - der zweite Unberechenbare dieses Gipfels - stand trotz des Brexits eng an der Seite der Europäer. Und im Kampf gegen die Ungleichheiten auf der Welt, für den Klima- und Artenschutz gab es immerhin konkrete, wenn auch kleine Ansätze. Selbst die Proteste blieben weitgehend friedlich.

Und dann am Ende die Krönung: Es gab sie doch, die Abschlusserklärung, die gar nicht geplant war, aber die Einigkeit der G7 sogar noch hervorhob.

Die Art und Weise, wie Macron diesen Gipfel organisierte, gestaltete und leitete, war eigentlich eine Absage an die G7. Und genau das verlieh dem Format plötzlich neue Kraft und Legitimität. Chapeau, Monsieur le Président - Hut ab, Emmanuel Macron.

Macron auf dem G7-Gipfel. Chapeau, Monsieur le President
Marcel Wagner, ARD Paris
26.08.2019 17:39 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors und nicht die der Redaktion wieder.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 26. August 2019 im "Echo des Tages" ab 18:30 Uhr.

Darstellung: