Kommentar

"Ballermann"-Schließung Mehr Schaden als Nutzen

Stand: 16.07.2020 13:08 Uhr

Mit dem Partytourismus, den Mallorca jetzt verdammt, hat die Insel fünf Jahrzehnte viel Geld verdient. Die harten Maßnahmen der Lokalregierung tun vielen Partyurlaubern unrecht - und treiben Wirte in den Ruin.

Ein Kommentar von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Das soll jetzt kein Plädoyer für den Sauftourismus werden. Überhaupt nicht. Was sich seit Jahren im Sommer an der Playa de Palma und in der Briten-Hochburg Magaluf auf Mallorca abspielt, ist schrecklich. Horden von Menschen benehmen sich regelmäßig daneben, reisen nur zum Krawallmachen an und rauben den Anwohnern damit den letzten Nerv.

Wenn sich solche Szenen dann auch noch in Zeiten einer Virus-Pandemie wiederholen - wie am vergangenen Freitag - und das Risiko eines Corona-Ausbruchs einfach mal so in Kauf genommen wird, ist das unerträglich.

Wenig Polizei im Einsatz

Wo war an diesem Abend die Polizei? Nach ihrer eigenen Darstellung an der Playa de Palma und in Magaluf, Beamte hätten dort eingegriffen. Doch offenbar waren es nur wenige Einsatzkräfte, sonst hätte sich die Situation nicht derart zugespitzt.

Die Rolle der Polizei ist eines der Grundprobleme seit Jahren in den Partyhochburgen. Anwohner beklagen, die Beamten würden sich kaum zeigen, wenn es rund um die Bars und Clubs heiß hergeht. Es scheint so, als steckten die Behörden in einem Interessenkonflikt: Einerseits müssen sie geltende Regeln durchsetzen, andererseits wollen sie den Touristen gegenüber keine Härte zeigen. Denn sie bringen das Geld nach Mallorca und Co., mit ihnen möchte man es sich nicht verscherzen.

Tourisminister spricht von "Asozialen"

Doch Tourismusminister Iago Negueruela nimmt genau das nun in Kauf. Er spricht offen von unzivilisierten, asozialen Urlaubern, die die Balearen nicht haben wollten. Es wirkt so, als kämen die Feier-Exzesse vom Freitag dem Minister gerade recht, um ein Argument zu haben, derart aggressiv gegen Partyurlauber zu wettern.

Denn seit Jahren betont die Balearen-Regierung schon, dass sie lieber mehr sogenannte Qualitätstouristen auf ihren Inseln hätte. Also Reisende mit gut gefülltem Geldbeutel, die sich stets gut benehmen. Diese Urlauber hätte wahrscheinlich jede Urlaubsregion gerne - doch es gibt nicht genügend von ihnen für alle. Es existieren nun einmal auch Partytouristen.

Wenige treiben es wirklich zu bunt

Und Mallorca hat die vergangenen 50 Jahre mit diesem Tourismusmodell gutes Geld verdient. Jetzt zu sagen: "Wir wollen euch nicht mehr, ihr seid unzivilisiert und asozial", ist nicht fair. Denn Partyurlauber ist auch nicht gleich Partyurlauber. Diejenigen, die tatsächlich beim Feiern über die Stränge schlagen, machen nur wenige Prozent der Gesamtzahl der Urlauber aus.

Die Regionalregierung argumentiert: Man schließe die Partyhochburgen, um einen größeren Virusausbruch zu verhindern und so die Wirtschaft zu schützen, die vom Tourismus abhängt. Doch das ist zu kurz gedacht. Denn nun stehen die Wirte in den Partyzentren vor dem Ruin. Sie mussten schon die Corona-Zwangspause von drei Monaten durchstehen; jetzt fällt für sie auch noch die langersehnte Hauptsaison ins Wasser, die ohnehin nur kurz ausgefallen wäre. Ein wirtschaftliches Desaster.

Den Balearen mangelt es nicht an Vorschriften, um Saufgelage einzudämmen. In den vergangenen Jahren kamen immer neue Regeln dazu. Doch die Regierung muss sie auch umsetzen. Nötig ist ein entschiedenes Durchgreifen der Polizei, kein totales Aus für Ballermann & Co.

Kommentar: Die Ballermann-Schließung schadet mehr als sie nützt
Oliver Neuroth, ARD Madrid
16.07.2020 12:19 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 16. Juli 2020 um 17:36 Uhr.

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