Fußball-Fans vom FC Southampton mit Nikolausmützen im Stadion  | Bildquelle: AFP

"Boxing Day" Von der Festtafel aufs Fußballfeld

Stand: 24.12.2019 08:00 Uhr

In England rollt der Ball auch an Weihnachten - aus Tradition. Die Fans auf der Insel zelebrieren ihre Andersartigkeit. Auswärtige Trainer wie Jürgen Klopp klagen vergebens über zu viele Spiele.

Von Hendrik Buchheister, Manchester

Weihnachten war im englischen Fußball noch nie die Zeit der Besinnlichkeit. Im Gegenteil. Im Mittelalter kam es im Zeichen des Sports auf der Insel sogar regelmäßig zu ritualisierten Massen-Schlägereien. Beim sogenannten "Mob Football", einem anarchischen Vorläufer des Fußballs, kämpften Dörfer im wörtlichen Sinne gegeneinander um den Ball oder einen ähnlichen Gegenstand. Auch Tier- oder Wikinger-Köpfe sollen bei den weihnachtlichen Gewaltorgien zum Einsatz gekommen sein.

Das zeigt schon, dass die Angewohnheit der Engländer, über die Feiertage Fußball zu spielen, keine Erfindung der Fernsehsender ist, sondern eine lange Tradition hat - auch wenn es auf den Plätzen der Premier League mittlerweile natürlich friedlicher zugeht. Während auf dem Kontinent der Ball über Weihnachten ruht, ist es für die Engländer ganz normal, am zweiten Weihnachtstag (Boxing Day) und um den Jahreswechsel ins Stadion zu gehen. Der englische Fußball zelebriert seine Andersartigkeit im Vergleich zum Rest Europas.

Hochamt des englischen Fußballs

Etabliert wurde der (moderne) Fußball an Weihnachten in der Zeit von Königin Victoria im 19. Jahrhundert. Damals wurde nicht nur am zweiten Weihnachtstag gespielt, sondern auch am ersten. Für die Arbeiterklasse waren die Termine an den freien Feiertagen oft die einzige Chance im Jahr, ein Fußballspiel zu sehen.

Außerdem war der Sport ein guter Grund, das Haus zu verlassen, wie der Historiker Martin Johnes in seinem Buch "Christmas and the British" schreibt: "Die Unterkünfte der Arbeiterklasse waren oft unbequem, überfüllt und nicht besonders einladend. Ein freier Tag war ein guter Anlass, rauszugehen, anstatt zu Hause zu entspannen." Erst mit steigendem Wohlstand wurde der erste Weihnachtstag zum Feiertag für die Familie. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts werden an diesem Tag keine Spiele mehr ausgetragen. Der Boxing Day ist als Hochamt des englischen Fußballs geblieben.

Fraizer Campbell (l.) im Zweikampf mit Toni Leistner | Bildquelle: Action Images
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Toni Leistner (r.) im Championship-Spiel der Queens Park Rangers gegen Hull City.

"Fett- und vollgefressen gefühlt"

Um die Reisestrapazen für Auswärtsfans so gering wie möglich zu halten, versuchen die Spielplan-Macher, an dem Tag Vereine mit geografischer Nähe gegeneinander antreten zu lassen. Die Anhänger von Premier-League-Tabellenführer und Klub-Weltmeister FC Liverpool müssen dieses Jahr am Boxing Day rund 100 Meilen zum Spitzenspiel bei Verfolger Leicester City reisen, die von Tottenham Hotspur haben nur rund 60 Meilen zur Partie nach Brighton an der Südküste vor sich. Verkompliziert wird die Lage allerdings dadurch, dass an Weihnachten gerne Reparaturen am britischen Schienennetz vorgenommen werden oder Lokführer streiken.

Für auswärtige Spieler und Trainer ist der volle Spielplan über die Feiertage gewöhnungsbedürftig. Der einstige Union-Berlin-Profi Toni Leistner, seit dem vergangenen Jahr beim englischen Zweitligisten Queens Park Rangers tätig, erzählte vor einer Weile im Interview mit der "Berliner Zeitung" über seinen ersten Boxing Day: "Das war schon irgendwie lustig. Eben feiert man noch mit der Familie und schon musst du ins Stadion." Er habe sich "so fett- und vollgefressen gefühlt" und war froh, dass es nur gegen den Tabellenletzten Ipswich Town ging: "Ich weiß nicht, wie das gegen ein Top-Team ausgesehen hätte."

Winterpause wird eingeführt - im Februar

Bei den Trainern gehören Pep Guardiola und Jürgen Klopp zu den schärfsten Kritikern der Terminhatz. Sie fürchten um die Gesundheit ihrer Profis. Aber an der Tradition können sie nicht rütteln. Die Winterpause, die in der Premier League in dieser Saison eingeführt wird, findet im Februar statt. Die Spiele an Weihnachten bleiben unangetastet.

Dafür ändert sich in diesem Jahr das TV-Erlebnis für Fans. Der Streaming-Dienst Amazon Prime ist als dritter Anbieter neben Sky Sports und BT Sport in die Übertragung der Premier-League-Partien eingestiegen. Anders als die beiden bisherigen Platzhirsche, die nur einzelne Spiele übertragen, zeigt Amazon Prime am Boxing Day alle Partien live. Für das englische Fernsehpublikum ist so viel Auswahl neu. "Es zeigt sich, dass Amazons wichtigstes Verkaufsargument - man kann alle Spiele sehen - das Schlimmste daran ist. Man KANN alle Spiele sehen. Man KANN Crystal Palace gegen Bournemouth sehen", notierte neulich nach den ersten Prime-Übertragungen der Moderator Max Rushden im Guardian. Englands Fußball an Weihnachten hat einen langen Weg genommen - von mittelalterlichen Massenschlägereien zu Amazon Prime.

Quelle: sportschau.de

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 27. Dezember 2019 um 11:00 Uhr.

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