Joachim Löw und Toni Kroos | Bildquelle: RONALD WITTEK/EPA-EFE/REX/Shutte

Analyse des 2:1-Siegs Dieses Mal greift Löws Plan

Stand: 24.06.2018 09:41 Uhr

Anders als gegen Mexiko greift Bundestrainer Joachim Löw früh in das Spiel ein. Sein Plan greift, in Unterzahl gelingt der Sieg. Bezeichnenderweise gelingt er Toni Kroos von der linken Seite.

Der schwedische Trainer Janne Andersson bat um Verständnis. Er werde das Spiel später analysieren, gerne auch im Detail. Aber jetzt, weniger als eine Stunde nach dem Abpfiff seien da noch "zu viele Emotionen im Spiel".

Tatsächlich brauchte es eines gewissen Abstands, um nüchtern über Taktik, System, Ballbesitzquoten und Zweikampfwerte zu brüten. So spät wie Toni Kroos am Samstag (24.06.2018), nämlich in der fünften Minute der Nachspielzeit, traf eine deutsche Nationalmannschaft noch nie bei einer Weltmeisterschaft. Der Schuss in den Winkel bedeutete, dass die Eliteauswahl des DFB erstmals seit 1974 wieder einen Pausenrückstand in einen Sieg wendete - damals auch gegen Schweden.

Das 2:1 - zunächst wollte Reus schießen

Der Treffer allein ist schon eine Analyse wert, vor allem in der direkten Vorbereitung. Kroos verriet nach Schlusspfiff, dass Marco Reus direkt aufs Tor habe schießen wollen. Der Weltmeister und viermalige Gewinner der Champions League brachte den Dortmunder aber aufgrund eben jener Meriten von dem Plan ab. Er werde schießen, so Kroos, und zwar nach einem kurzen Pass auf Reus, "damit der Winkel wenigstens etwas besser wird".

Toni Kroos - ein Tor, zwölf Perspektiven
WM 2018: Toni Kroos - ein Tor, zwölf Perspektiven

Marco Reus kommt damit auf ein Tor und einen Assist in seinem ersten Spiel bei einer Weltmeisterschaft, bei dem er den Anpfiff auf dem Platz erlebte. Löw setzte ihn als "Zehner" auf der Position ein, die ansonsten für Mesut Özil reserviert war. Julian Draxler blieb in der Mannschaft. Sebastian Rudy ersetzte Sami Khedira im zentralen Mittelfeld vor der Viererkette, in der Antonio Rüdiger für den verletzten Mats Hummels spielte.

Matchplan: Mehr Ballsicherheit, mehr Geschwindigkeit

Rudy sollte mehr Ballsicherheit einbringen, Draxler, Reus und Werner Geschwindigkeit. Das war der schlüssige Plan gegen die Schweden, die - genau wie erwartet - in einem 4-4-2 spielten und sich weit in die eigene Hälfte zurückzogen. Rudy habe "zweifelsohne die Qualität, das Spiel zu gestalten und das Tempo zu bestimmen", sagte ARD-WM-Experte Thomas Hitzlsperger vor dem Spiel. "Im Idealfall können sich er und Toni Kroos abwechseln."

Hitzlsperger vor dem Spiel über Rudy in der Doppel-Sechs
WM 2018: Hitzlsperger vor dem Spiel über Rudy in der Doppel-Sechs

Von der Grundformation her wählte Löw wieder ein 4-2-3-1, aber es waren schnell deutliche Änderungen in der Taktik zu erkennen. Die vier Offensivspieler Draxler, Reus, Werner und Thomas Müller wechselten häufig die Positionen. Das bescherte den Schweden zunächst Probleme in der Übergabe von Gegenspielern. Reus und Werner gelangen gute Läufe hinter die letzte Kette, daraus ergab sich schon sehr früh eine sehr gute Möglichkeit für Draxler.

Viele Seitenwechsel, wenige Passempfänger

Viel besser - weil häufiger als gegen Mexiko - wurde auch die Seite mit weiten Pässen gewechselt. So kam Deutschland häufig über die Außenpositionen in Strafraumnähe oder sogar hinein. Es fanden sich aber oft zu wenig Abnehmer dort. Ein Problem, das Löw seit vielen Monaten benennt.

Nach einem krassen Fehler von Antonio Rüdiger endete die sehr überzeugende Phase in der 12. Minute. Die deutschen Spieler verloren die Geduld und flankten früh aus dem Halbfeld hoch in den schwedischen Strafraum - in jener Besetzung nahezu aussichtslos. "Die Angst war wieder präsent - und dann ging eben nichts mehr", sagte Hitzlsperger.

Hitzlsperger in der Halbzeit: "Das Gebilde ist fragil"
WM 2018: Hitzlsperger in der Halbzeit: "Das Gebilde ist fragil"

Folgenschwere Fehlpässe von Toni Kroos

Der Abwärtstrend setzte sich nach dem Fehlpass von Kroos fort, den die Schweden zum Führungstreffer ausnutzten. "Das geht klar auf meine Kappe", sagte Kroos, der sich damit verteidigte: "Wenn du im Spiel 400 Pässe spielst, dann kommen auch mal zwei nicht an." Diese Selbstwahrnehmung widerlegten die Statistiker. Nur fünf Prozent Fehlpässe bei 139 Aktionen mit Ball sind immer noch eine gute Quote, aber zu dem Fehler vor dem Tor kam auch noch ein missglückter Pass, der Sebastian Rudy in einen Zweikampf schickte, bei dem er sich vermutlich das Nasenbein brach.

Löws Glücksgriff: Werner auf links

Löw, so sagte er nach Abpfiff im Ersten, habe den Spielern in der Pause geraten, "nicht in Panik zu verfallen." Sie sollten die Torabschlüsse "gut vorbereiten", mit kurzen flachen Pässen. Er wechselte mit Mario Gomez einen Spieler ein, der in der Mitte des Strafraums sein Aufgabengebiet sieht und schickte Werner strikt an die linke Seite, um "da einen weiteren Spieler" zu haben. Diese Idee war glänzend, denn auf der linken Seite - die gegen Mexiko brachlag - wurden sehr viele gefährliche Angriffe eingeleitet, auch das 1:1 durch Reus.

Hitzlsperger über Werner: "Viele gute Laufwege"
WM 2018: Hitzlsperger über Werner: "Viele gute Laufwege"

Müller, Gündogan, Boateng mit Luft nach oben

Die Absicherung gegen Konter blieb manchmal auf der Strecke. "Wir haben mit und ohne Ball noch einiges zu verbessern", sagte Thomas Müller trotz des euphorischen Moments, den das 2:1 bei ihm auslöste. Müller sucht weiter nach seiner Form. Auch der für Rudy eingewechselte Ilkay Gündogan, der gehemmt wirkte, hatte kaum gute Szenen. Jérôme Boateng wirkte weiterhin, als brauche er nach der Verletzung noch Zeit, um an seine Leistungsgrenze zu kommen. Die Gelb-Rote Karte nach zwei Fouls, bei denen das Timing im Zweikampf fehlte, zeichneten sich ab.

Hitzlsperger sieht im deutschen Umschaltspiel Luft nach oben
WM 2018: Hitzlsperger sieht im deutschen Umschaltspiel Luft nach oben

Werner und Reus herausragend

Herausragende Feldspieler der deutschen Mannschaft waren Werner und Reus, die nach der Pause für Tempo sorgten und den Plan des Bundestrainers auf der linken Seite bestens umsetzten. Werner war es auch, der vor dem Freistoß zum 2:1 gefoult worden war. "Wir sind mit dem Tor belohnt worden", sagte Kroos, der nicht nur ein ordentliches, sondern "ein gutes Spiel" seiner Mannschaft gesehen hatte. Die Phase zwischen der 12. Minute bis zum Pausenpfiff ausgeklammert, hält diese Betrachtung einer nüchternen Analyse stand.

Deutschland gegen Schweden - die lange Zusammenfassung
WM 2018: Deutschland gegen Schweden - die lange Zusammenfassung

Quelle: sportschau.de

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