Blutampullen im Anti-Doping-Labor | Bildquelle: IMAGO

Ermittlung "Operation Aderlass" Doping-Razzia bei deutschem Arzt

Stand: 02.08.2019 19:30 Uhr

Exklusiv: Deutsche Ermittler haben das Haus eines Arztes aus der Nähe von Rosenheim durchsucht. Der Mediziner soll laut Zeugen Dopingmittel beschafft haben. Er streitet das ab.

Von Hajo Seppelt, Jörg Winterfeldt, Anne Armbrecht und Wigbert Löer

Der nächste Beschuldigte, zwei Belastungszeugen und ein Dementi – die Ermittlungen gegen ein aus Deutschland operierendes Dopingnetzwerk weiten sich aus. Nach Informationen der ARD-Dopingredaktion und der "Süddeutschen Zeitung" führt die Staatsanwaltschaft Innsbruck nun auch den deutschen Arzt Ulrich Haegele als Beschuldigten. Der Mann lebt in der Nähe von Rosenheim. Er soll geholfen haben, Dopingmittel für Spitzenathleten zu organisieren. Haegele war ab 2006 bis vor Kurzem für den Österreichischen Skiverband (ÖSV) tätig.

Operation Aderlass: Mediziner soll Dopingmittel beschafft haben
Operation Aderlass: Mediziner soll Dopingmittel beschafft haben

Am Dienstag (30.07.2019) dieser Woche durchsuchten deutsche Ermittler Haegeles Haus. Sie nahmen Computer und andere Datenträger mit. Dopingmittel fanden die Beamten, die Amtshilfe für die Staatsanwaltschaft Innsbruck leisteten, nicht. "Zur weiteren Sachverhaltsabklärung wurden von deutschen Behörden elektronische Daten sichergestellt, die sie jetzt und in nächster Zeit sichten", sagte der Innsbrucker Staatsanwalt Thomas Willam gegenüber der ARD-Dopingredaktion. Der Beschuldigte sei vernommen worden und habe die Vorwürfe zurückgewiesen.

 "Die sind mit großer Kavallerie hier angekommen"

Haegele ist der zweite deutsche Arzt, der im Rahmen der Ermittlungen der "Operation Aderlass" beschuldigt wird. Stand er mit dem deutschen Arzt Mark Schmidt in Kontakt? Haegele verneint das. Der Erfurter Schmidt befindet sich im Zentrum jener Dopingermittlungen, die Aussagen des Skilangläufers Johannes Dürr in der ARD-Dokumentation "Die Gier nach Gold" im Januar 2019 ausgelöst hatten.

Der Österreicher Dürr gab später gegenüber Ermittlern an, der Erfurter Arzt Schmidt habe ihn beim Blutdoping unterstützt. Es folgten Razzien während der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft in Seefeld Ende Februar. Mehrere Personen wurden damals festgenommen. Einige kamen inzwischen wieder frei. Schmidt sitzt weiter in Untersuchungshaft. Insgesamt werden 21 Sportler aus acht Nationen belastet, Kunden von Schmidt gewesen zu sein, darunter Leichtathleten, Eisschnellläufer, Skilangläufer, Biathleten und Radfahrer.

Die ARD-Dopingredaktion traf Ulrich Haegele zwei Tage, nachdem Beamte sein Haus durchsucht hatten. "Die sind mit großer Kavallerie hier angekommen. Zwölf oder 13 Mann", sagte er. Man habe ihm einen Durchsuchungsbeschluss vorgelegt, "weil der Athlet Dürr und der Trainer Heigl mich beschuldigt hätten, dass ich ihnen EPO verkauft hätte". Gerald Heigl ist der ehemalige ÖSV-Cheftrainer. "Die haben also alles hier umgedreht, selbst die Schublade, wo die Unterwäsche von meiner Frau drin ist", sagte der beschuldigte Haegele weiter, "und sind aber, ohne dass sie was gefunden haben, wieder abgezogen, etwas bedeppert." Damit meinte Haegele offenbar Dopingsubstanzen – Computer und Mobiltelefone wurden ja mitgenommen.

Den Skilanglaufer Dürr bezeichnete Haegele als "netten Kerl". Aber: "In der Zwischenzeit beschuldigt er ja jeden. Das ist mal 'n Kroate, mal 'n Serbe, mal Mark Schmidt, mal den, mal den. Der profiliert sich da. [...] Und da ist es natürlich naheliegend, dass er mich beschuldigt. Ich war der gesamtverantwortliche Teamarzt im Österreichischen Skiverband für den Ausdauerbereich. Es hat mich sogar ein bisschen gewundert, dass sie erst so spät gekommen sind."

Haegele sagt, er habe sich nicht einmal einen Anwalt genommen

Haegele bemühte sich in dem Gespräch, zuversichtlich und gelassen zu wirken. "Ich habe in meinem ganzen Leben nie EPO-Präparate oder irgendsowas gekauft oder bestellt, und ich hab sie nicht verkauft", sagte er. Auf die Frage, ob irgendwer ihn mal darauf angesprochen hätte, ob er EPO besorgten könnte, sagte er: "Also angesprochen nicht. Aber es war sicher irgendwo die Hoffnung von Leuten."

Dass viele Spitzenathleten dopen, glaubt der deutsche Arzt allerdings. "Jeder Athlet hat irgendwo einen Arzt in der Gemeinde oder weiß der Teufel wo sitzen, der ihn behandelt. Und was die machen, das wissen wir gar nicht, wir wissen nicht mal, wer das ist." Er selbst sei von Peter Schröcksnadel, dem Chef des ÖSV, beauftragt worden, "die Dopingproblematik, sagen wir mal, in Kontrolle zu halten". Das war 2006, nach dem Dopingskandal bei den Olympischen Winterspielen in Turin. Der Präsident haben ihm damals gesagt: "Du bist dafür verantwortlich, dass nicht mehr gedopt wird." Laut Haegele wusste die ÖSV-Spitze nichts von den Dopingpraktiken österreichischer Skilangläufer in den vergangenen Jahren.

Ulrich Haegele sagt, er habe nicht zu befürchten. "Meiner Ansicht nach kann mir gar nichts passieren." Er hat nach eigener Aussage nicht einmal einen Anwalt beauftragt. "Der kostet mich 1.000 Euro, und raus kommt gar nichts." Nach 14 Tagen werde ohnehin wieder eine andere Sau durchs Dorf getrieben.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben ein Zitat von Ulrich Haegele gegenüber einer früheren Version leicht gekürzt, weil die Ausgangsformulierung ohne Beleg getroffen wurde und nicht den Tatsachen entspricht. Bei einem zweiten Zitat haben wir zur Klarstellung des Sachverhalts eine Erweiterung und Einordnung hinzugefügt.

Quelle: sportschau.de

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 02. August 2019 um 21:03 Uhr.

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