Reinhard Grindel  | Bildquelle: dpa

Rücktrittsforderungen Der DFB braucht Grindel - noch

Stand: 24.07.2018 09:46 Uhr

Der Druck auf DFB-Präsident Reinhard Grindel in der Affäre Özil steigt, es gibt Forderungen nach seinem Rücktritt. Doch der DFB braucht Grindel noch, in zwei Monaten will er die EM 2024 nach Deutschland holen. Einziger Konkurrent: die Türkei.

Harald Stenger wählte klare Worte. "Er ist nicht mehr tragbar und haltbar", sagte der frühere Pressesprecher der Nationalmannschaft in der Tagesschau und meinte den DFB-Präsidenten Grindel. Stenger wirft Grindel ein Hin und Her im Umgang mit der Diskussion um Mesut Özils Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan vor. "Wer so einen Wischiwaschi-Kurs fährt, der ist einfach nicht der ideale Repräsentant eines so großen Verbandes wie des Deutschen Fußball-Bundes."

Grindel ist angezählt, ein Rücktritt aber unwahrscheinlich

Tatsächlich zeigte Grindel lange keine klare Haltung zu Özil. Erst beklagte er, dass sich Özil und Ilkay Gündogan hätten missbrauchen lassen, dann wollte er die Angelegenheit durch sportlichen Erfolg bei der WM in Russland vergessen machen, und als dieser ausblieb, wandte er sich wieder öffentlich gegen Özil, statt ihn gegen eine Medienkampagne und rassistische Beleidigungen in Schutz zu nehmen.

Das fragwürdige Verhalten des DFB
Das fragwürdige Verhalten des DFB

Özil warf ihm nun auf digitalem Wege das Trikot der Nationalmannschaft vor die Füße und griff ihn mit seiner Abschiedserklärung frontal und gnadenlos an. Neben Stenger forderten mehrere Bundestagsabgeordnete wie Renate Künast, Omid Nouripour (beide Bündnis 90/Die Grünen) und Frank Schwabe (SPD) den Rücktritt des früheren CDU-Politikers Grindel. Und der ist nun angezählt. Doch dass er zurücktritt, ist zumindest kurzfristig unwahrscheinlich.

Die UEFA-Zentrale im schweizerischen Nyon | Bildquelle: picture alliance / dpa
galerie

Die UEFA-Zentrale im schweizerischen Nyon

Der DFB will die EM 2024 - die Türkei auch

Der Zeitpunkt der Affäre Özil ist für den DFB äußerst ungünstig, für Grindel ist er dagegen vielleicht die Rettung. Denn am 27. September entscheidet das UEFA-Exekutivkomitee, welches Land die EM 2024 austragen darf. Der DFB hat sich bekanntlich beworben. Und die Geschichte bekommt in der aktuellen Debatte eine ironische Note, weil der einzige Mitbewerber die Türkei ist.

In zwei Monaten wird im schweizerischen Nyon abgestimmt, es ist die entscheidende Phase im Geschacher um die Stimmen der stimmberechtigten Mitglieder der 15 Männer und eine Frau umfassenden UEFA-Exekutive. Grindel darf wie der türkische Vertreter Servet Yardimci zwar nicht votieren. Doch die Gespräche und Verhandlungen mit den 14 stimmberechtigten Mitgliedern im Hintergrund sind nun Grindels Aufgabe. Während der WM zeigte er sich mit dem stimmberechtigten Schweden Karl-Erik Nilsson beim launigen Wimpeltausch.

Grindel würde theoretisch zwar auch nach einem Rücktritt als DFB-Präsident zunächst in dem UEFA-Gremium verbleiben. Aber er wäre in seiner Position stark geschwächt - also werden der DFB und Grindel den Gegenwind wohl vorläufig aushalten.

Erst wenn die EM verloren geht, wird es eng für Grindel

Dass sich Grindel zunächst auf die Unterstützung im DFB verlassen können wird, liegt zudem an einem Mangel an Alternativen. Für eine Nachfolge hat sich bislang niemand öffentlich in Stellung gebracht. Das dürfte sich erst ändern, wenn die Abstimmung am 27. September für den DFB verloren gehen sollte. Und chancenlos ist die Türkei nur auf den ersten Blick. Der fortschreitende Abbau des Rechtsstaats in der Türkei hat zwar für die Gesellschaft nur Nachteile, ist aber der Austragung von Großveranstaltungen förderlich. Wie ernst die UEFA Menschenrechtsfragen nimmt, bleibt ohnehin abzuwarten.

Fußball-EM 2024: Türkei mit guten Chancen - trotz Menschenrechtsverletzungen?
Fußball-EM 2024: Türkei mit guten Chancen - trotz Menschenrechtsverletzungen?

Die Stadien in der Türkei seien weitgehend mietfreies Staatseigentum und Erdogans Einfluss auf die Baubranche würde eine gute Infrastruktur gewährleisten, sagte der Türkei-Experte Daniel Heinrich im Deutschlandfunk. Der Kampf um ein Turnier ist auch der Wettbewerb um größtmögliche Zugeständnisse, die Türkei kann unter Erdogans autokratischer Führung viel leichter Steuerfreiheit und andere Staatsgarantien gewährleisten, während sich Deutschland an Steuergesetze halten müsse, wie Grindel selbst beklagte.

Die deutsche Diskussion um Özil, Integration und Rassismus, die in ganz Europa beachtet wird, werden die Macher der türkischen Bewerbung selbstverständlich für sich nutzen. Auch die nicht aufgeklärten Vorwürfe des möglichen Stimmenkaufs für die WM 2006 belasten die deutsche Bewerbung. Für den DFB-Präsidenten werden es zwei spannende Monate - mit ungewissem Ausgang.

Quelle: sportschau.de

Darstellung: