Symbolbild Dopingprobe | Bildquelle: AP

Olympia Pyeongchang Sicherheitslücken bei Dopingtests?

Stand: 07.10.2018 16:30 Uhr

Das Internationale Olympische Komitee betont stets, konsequent und glaubwürdig gegen Doping vorzugehen. Der ARD-Dopingredaktion liegt Filmmaterial aus Pyeongchang vor, das gravierende Sicherheitslücken und Unachtsamkeit bei den olympischen Dopingkontrollen nahelegt und womöglich Testergebnisse angreifbar macht.

Der Würzburger Thomas Bach, Sohn eines kleinen Textilhändlers, hat seine Ausbildung, die letztlich mit dem Jurastudium samt Promotion endete, dafür genutzt, sich argumentativ in jeder Lebenslage behaupten zu können. Auch damit hat er es aus einfachen Verhältnissen bis an die Spitze des Internationalen Olympischen Komitees geschafft.

Als vor den Winterspielen in Pyeongchang plötzlich haufenweise russische Athleten, die sein Komitee angeblich eigentlich hatte sperren lassen wollen, plötzlich ihr Startrecht erfolgreich einklagten, wusste der Tauberbischofsheimer Rechtsanwalt Bach umgehend, daraus eine positive Erkenntnis zu verkaufen: "Trotz der schwierigen Situation gibt es auch die schöne Seite des Lebens", behauptete er also in Südkorea, "denn wir können daraus lernen, und es kann der Beginn von Veränderungen werden in der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, im CAS (Anm. der Redaktion: Weltschiedsgericht für Sport) und auch im IOC."

Doping Control Formular | Bildquelle: imago/ITAR-TASS
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Doping Control Formular

Regelwidrige Verhältnisse

Das klang gut. Es sollte aller Welt die besten Absichten signalisieren. Und, wie so oft, hatte der Jurist eine Absicherung in den Satz gemogelt, so dass ihn niemals jemand darauf würde festnageln können: das modale Hilfsverb "kann". Wie nötig das ist, legen nun neueste Recherchen der ARD-Dopingredaktion offen: Ihr vorliegende Videos über den Ablauf der Dopingkontrollen in Pyeongchang legen den Verdacht nahe, dass es um den Lernwillen und den Kampf gegen den Sportbetrug nicht besonders gut bestellt ist, ja, dass diese Sätze Bachs im Nachhinein gar wie Hohn und Heuchelei wirken können.

Der ARD-Dopingredaktion sind Filmaufnahmen zugespielt worden, die ein Betreuer in einer Dopingkontrollstation der Spiele gemacht hat. Sie zeigen, wie sich der Betreuer über einen längeren Zeitraum so allein und unbeobachtet in dem Raum befindet, dass er Unterlagen durchblättern und gar den Kühlschrank öffnen kann, in dem Behälter mit Dopingproben gelagert sind. Das für Dopingproben nötige Material steht und liegt überall herum. Es wäre überhaupt kein Problem, Proben oder Unterlagen zu manipulieren, zu vernichten oder zu entwenden. Mehrere ähnliche Aufnahmen erwecken den Eindruck, diese regelwidrigen Verhältnisse seien eher der Regelfall als die Ausnahme gewesen.

Ungereimtheiten bei Dopingkotrollen der Olympischen Winterspiele 2018
sportschau
08.10.2018 07:30 Uhr

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"Große Chance auf Freispruch"

Fachleute haben der ARD-Dopingredaktion bestätigt, ähnliche Erfahrungen in Südkorea gemacht zu haben. Alle Experten, denen die ARD-Dopingredaktion die Aufnahmen vorgeführt hat, geben sich entsetzt. Die Filmdokumente kompromittieren womöglich in Pyeongchang genommene Proben. "Hier in dem Fall, wo ich wirklich nachweisen kann durch das Video, das Labor hat nicht funktioniert, die minimalsten Standards, wie auch von der WADA vorgegeben, sind nicht eingehalten. Da kann man sagen, ist eine große Chance auf Freispruch", folgert der deutsche Sportrechtsexperte Michael Lehner aus Heidelberg, "einfacher geht es eigentlich nicht mit so einem Video zu sagen: Also jede Probe, die dort im Dopinglabor war, ist nicht verwertbar."

Besonders die vier Sünder Pyeongchangs dürften die Enthüllungen daher mit Interesse vernehmen: Während der Winterspiele wurde der japanische Shorttracker Kei Saito positiv auf das verbotene Diuretikum Acetazolamid getestet. Dem slowenischen Eishockeyspieler Žiga Jeglič wurde das Asthmamittel Fenoterol nachgewiesen. Der russische Curler Alexander Alexandrowitsch Kruschelnizki fiel mit dem verbotenen Herzmittel Meldonium auf. Und die russische Bobfahrerin Nadeschda Wiktorowna Sergejewa wurde wegen der unerlaubten Einnahme des Herzmittels Trimetazidin aus dem Verkehr gezogen. Alle vier wurden von der Veranstaltung ausgeschlossen.

Thomas Bach auf einer Pressekonferenz | Bildquelle: imago/Kyodo News
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IOC-Präsident Thomas Bach

Eher unwillig Lehren ziehen

Für den Chef-Olympier Bach wirken sich die neuen Erkenntnisse deswegen so verheerend aus, weil Olympia in Pyeongchang als eine Art Lackmustest betrachtet wurde, dass das IOC doch in der Lage ist, ehrlichen Sportlern mit einem sicheren Dopingkontrollsystem faire Wettkämpfe zu garantieren. Bei den Vorgänger-Winterspielen in Sotschi 2014 schließlich hatte ein staatlich organisiertes Manipulationssystem der Russen das IOC bis auf die Knochen blamiert und den Spielen die Glaubwürdigkeit gestohlen. Zudem hatte die ARD-Dopingredaktion erst kurz vor den Spielen in Pyeongchang vorgeführt, wie anfällig die angeblich sicher verschlossenen Dopingbehältnisse für Manipulationen sind.

Doch offenkundig waren die Verantwortlichen vor Ort eher unwillig, die Lehren zu ziehen – allen frommen Ankündigungen des deutschen IOC-Präsidenten zum Trotz. Der Schweizer Sportmediziner Lukas Weisskopf war als Teamarzt bei den Spielen und hat die Kontrollen ebenfalls so erlebt. Bei Begutachtung der Videos ist er erschüttert: "Das sind Zustände, die dürfen nicht sein.", sagt er, "alles offen, oder? Alles offen. Man kann da alles manipulieren, man könnte alles wegnehmen, könnte die Barcodes nehmen. Wahnsinn."

51 Seiten langer Bericht

Fachleute im Anti-Dopingkampf erklären: "Aus meiner Sicht darf ein Kontrollraum, der Processing-Room, nicht unbeaufsichtigt sein", sagt der deutsche Doping-Kontrolleur Volker Laakmann, "das ist definitiv nicht ok, insbesondere wenn in dem Kontrollraum auch Proben sind, die genommen wurden und die Dokumentation offen rumliegt."

Die Institution, die federführend agieren soll im weltweiten Anti-Doping-Kampf, müht sich vor allem, zuvorderst die Schuld an den Missständen zu delegieren: Das IOC sei bei Olympia für die Probennahme zuständig, teilt die WADA mit. Allein: Sie scheint auch als Kontrollbehörde nicht genau hingeschaut zu haben. Die WADA entsendet nämlich stets ein unabhängiges Beobachterteam. In dessen Report finden sich zwar einige Hinweise, dass nicht alles perfekt gelaufen sei, aber keineswegs die womöglich erwartbare Fundamentalkritik angesichts solcher Zustände.

Die WADA-Entsandten notierten zwar auch "unverschlossene Kühlschränke" und "unbewachte Zugänge", aber taten es als "vereinzelte" Fälle ab. Der ARD liegen hingegen zahlreiche Videos ähnlichen Inhalts vor. Die Aufpasser der WADA hielten dennoch als Quintessenz ihres 51 Seiten langen Berichts fest, sie seien "allgemein zufrieden" mit den Kontroll-Arrangements gewesen und "gratulierten allen Betroffenen zu den beträchtlichen Investitionen, Aufwendungen und Möglichkeiten, die genutzt wurden, um den sauberen Sport zu schützen".

Doping-Kontrolleure als Selbstzahler

Das muss dann in Fachkreisen tatsächlich wie der pure Hohn klingen – nicht nur wegen der Zustände in Kontrollstationen. Während die Olympia-Funktionäre bevorzugt First-Class fliegen, üppige Tagespauschalen einstreichen und in Südkorea in einer Herberge logierten, die der Betreiber als "Alpines Luxusresort in Pyeongchang" bewirbt, mussten etliche Dopingkontrolleure ihre Anreise zu den Spielen tatsächlich selbst finanzieren, als sei es ein Wald- und Wiesensportfest. "Kontrolleure, die nach Pyeongchang geflogen sind, haben das aus eigener Tasche bezahlt", sagt Andrea Gotzmann, Chefin der Nationalen Anti-Doping-Agentur Deutschland (NADA) der ARD-Dopingredaktion, "ich weiß das von den Kollegen aus Norwegen, die haben das abgelehnt, weil es hier um eine hochklassige, erstklassige, professionelle Leistung geht, die auch entsprechend finanziert werden muss."

Das IOC erklärte sich nun auf ARD-Anfrage standardmäßig unzuständig für die Reisekostenregelung bei Dopingkontrolleuren. Und für die Zukunft falle das Thema bei den Spielen ohnehin in die Verantwortung der dann für die Testbelange eingesetzten neuen, unabhängigen Institution.

NADA-Chefin Andrea Gotzmann, promovierte Biochemikerin, schimpft: "Das erschreckt mich eigentlich, dass bei einem der größten Sport-Ereignisse der Welt hier die Professionalität fehlt auch im Bereich Anti-Doping. Das muss minutiös aufgearbeitet werden und hier müssen Vorkehrungen getroffen werden für die nächsten Olympischen Spiele." Auffällig ist besonders das keinen Spielraum lassende modale Hilfsverb, das die entschiedene Anti-Doping-Kämpferin im Gegensatz zum Olympier Bach wählt: müssen.

Quelle: sportschau.de

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. Februar 2018 um 18:40 Uhr.

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