Archivbild: 08.05.1945. Franzosen schwenken die Nationalflaggen der Alliierten vor dem Arc de Triomphe. | Bildquelle: dpa

8. Mai in Frankreich Erinnern mit emotionalem Abstand

Stand: 08.05.2020 10:42 Uhr

Auch wenn im zeremonieverliebten Frankreich dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa ein Feiertag gewidmet ist - in der Erinnerungskultur ist den Franzosen der Erste Weltkrieg wichtiger.

Von Martin Bohne, ARD-Studio Paris

Ein Armeechor singt die Marseillaise, zuvor hatte der Präsident am Grab des Unbekannten Soldaten unter dem Pariser Triumphbogen einen Kranz niedergelegt und die Ewige Flamme symbolisch neu angefacht - im Beisein von Kriegsveteranen, Widerstandskämpfern und ehemaligen Deportierten. In vielen Städten und Gemeinden treffen sich Bürgermeister und Veteranen an den Kriegsdenkmälern.

An jedem 8. Mai gedenkt man im zeremonieverliebten Frankreich auf diese Weise des Sieges über Hitlerdeutschland. La Journée de la Victoire ist in Frankreich ein nationaler Feiertag. Normalerweise.

"Emotionale Bindung ist nicht so groß"

In diesem Jahr fällt Singen aus den bekannten Gründen aus und Kriegsveteranen werden natürlich auch nicht zum Arc de Triomphe gebracht. Die lokalen Veranstaltungen sind abgesagt, aber die meisten Franzosen werden das wohl verschmerzen.

Eine Frau mit Mund-Nasen-Schutz steht vor Arc de Triomphe in Paris. | Bildquelle: REUTERS
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In diesem Jahr fällt das Gedenken am Arc de Triomphe wegen Corona kleiner aus.

Die emotionale Bindung an den 8. Mai 1945, den Tag, an dem die deutsche Kapitulationserklärung in Berlin-Karlshorst unterzeichnet wurde, ist nicht so groß, sagt Ulrich Pfeil, Professor für deutsch-französische Beziehungen an der Université Lorraine in Metz. "Es wäre für Frankreich sicherlich schlimmer, wenn man den 11. November nicht feiern könnte, wie man es der Vergangenheit gemacht hat. Das ist immer noch in Frankreich wichtiger", erklärt Pfeil. Der 11. November ist der Tag, an dem 1918 der Erste Weltkrieg zu Ende ging. Der Erste Weltkrieg bedeutet den Franzosen mehr als der Zweite.

Ein Grund ist sicherlich, dass Frankreich sich da mit Fug und Recht als Sieger fühlen kann: "Und dann hat dieser Erste Weltkrieg ja vor allen Dingen auch im Westen auf französischem Territorium stattgefunden. Mit dem Symbolort Verdun und den Tausenden von Toten dort", sagt Pfeil. Frankreich hatte im Ersten Weltkrieg über 1,2 Millionen Tote zu beklagen, im Zweiter Weltkrieg über 400.000 - "also auch die Todeszahlen sind im Ersten Weltkrieg sehr viel höher."

Kollaboration mit dem NS-Regime in Teilen des Landes

Der Zweite Weltkrieg fügt sich da viel schwerer in die nationale Erinnerungslandschaft ein, erläutert der Experte für deutsch-französische Geschichte: "Historisch denkende Franzosen haben natürlich nicht vergessen, dass sie 1940 gegen die Wehrmacht innerhalb von wenigen Wochen erst einmal den Krieg verloren hatten und das als Schande, als Debakel gesehen wurde." Ein Großteil Frankreichs wurde deutsche Besatzungszone, im restlichen Land regierte das mit Hitler kollaborierende Vichy-Regime.

Auch wenn in Deutschland manchmal die Tendenz bestehe, so Pfeil, den französischen Eigenanteil an der Befreiung von Hitler-Deutschland zu gering zu schätzen: Die Hauptlast trugen natürlich die Allierten. Und sie nahmen Frankreich nach dem Krieg dann auch nur widerstrebend in den Kreis der Siegermächte auf.

25. August 1944 als entscheidendes Datum

General Charles de Gaulle, der Anführer des Freien Frankreichs, setzte daher von Anfang an alles daran, den befreiten Franzosen die Bedeutung des Widerstands einzuhämmern. Das dafür entscheidende Datum ist der 25. August 1944, die Befreiung von Paris durch die französische Armee. De Gaulle hatte die Amerikaner gedrängt, sich dabei im Hintergrund zu halten. Und so konnte der General auf den Champs-Elysée seine berühmte Triumphrede halten:

"Paris! Das beleidigte Paris! Das zerbrochene Paris! Das Paris, das ein Martyrium erlitt! Aber, Paris ist frei! Es hat sich selbst befreit, befreit durch sein Volk, dem die Armeen Frankreichs zu Hilfe eilten, mit der Hilfe und der Unterstützung von ganz Frankreich, vom kämpfenden Frankreich, vom einzigen Frankreich, dem wahren Frankreich, dem ewigen Frankreich."

Es sind vor allem die Bilder des Freudentaumels am 25. August 1944, die die Franzosen mit dem Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg verbinden - weit mehr als das offizielle Ende dieses Krieges am 8. Mai 1945.

Der 8. Mai in Frankreich - im Gedenken ist der Erste Weltkrieg wichtiger
Martin Bohne, ARD Paris
08.05.2020 09:24 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 08. Mai 2020 um 17:00 Uhr.

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