Homosexualität

Homophobie in Ägypten Überwacht, verhaftet und erniedrigt

Stand: 10.03.2019 11:39 Uhr

Der Druck auf Schwule und Lesben in Ägypten ist groß. Unter der Regierung von Präsident al-Sisi habe er noch zugenommen, sagen Menschenrechtsorganisationen. Die Polizei gehe gezielt mit Razzien gegen die ohnehin kleine Szene vor. Auch auf Online-Dating-Portalen und Apps.

Von Sabine Rossi, ARD-Hörfunkstudio Kairo

Sie seien unvorsichtig gewesen, sagt Dalia Abdel Hameed, und meint die elf jungen Männer, die Ende April von einem Gericht in Kairo verurteilt wurden. Zwischen drei und zwölf Jahre müssen sie ins Gefängnis für Vergehen wie "Ausschweifung" und "Anstachelung zu unsittlichem Verhalten". Diese Paragraphen werden in Ägypten unter anderem gegen Schwule und Lesben herangezogen. Denn Homosexualität an sich ist nicht strafbar.

Adresse im Internet gefunden

Dalia Abdel Hameed arbeitet für die "Ägyptische Initiative für Menschenrechte". Auf ihrem Schreibtisch liegt die Prozessakte der elf jungen Männer - eine von vielen. Für Hameed ein Beispiel für das harte Vorgehen der Polizei. Die Polizisten verfolgten gründlich, was auf Internetseiten und in Dating-Apps vor sich gehe, erklärt sie. "Im konkreten Fall haben sie die Adresse einer der jungen Männer auf einer Internetseite gefunden. Sie haben sein Apartment durchsucht und - so heißt es in der Akte - von einer weiteren Wohnung erfahren. Deshalb konnte die Polizei so viele Männer auf einmal verhaften.“

Angriff auf das traditionelle männliche Rollenbild

Rund 200 Festnahmen gab es seit Ende 2013 in Ägypten. Überwiegend treffe es Männer, sagt Hameed. Allein im vergangenen Monat habe es drei Razzien gegeben. In den ägyptischen Medien ist davon jedoch kaum die Rede. Homosexualität ist gesellschaftlich geächtet. Ein schwuler Mann ist für viele ein Angriff auf das traditionelle Rollenbild des starken Ernährers der Familie.

Abdel Fattah al-Sisi
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Präsident Al-Sisi: Hartes Vorgehen gegen Minderheiten

"Für die Gesellschaft sind Homosexuelle minderwertig", sagt Hameed. "Es sind keine richtigen Männer. Genauso werden Schwule dann auch im Gefängnis behandelt: Sie werden geschlagen, entwürdigt, ihnen wird sexuelle Gewalt angedroht. Die Liste der Demütigungen ist lang: Von Schlägen bis hin zu intimen medizinischen Untersuchungen.“

Damit, so Hameed, soll festgestellt werden, ob die Angeklagten mit einem Mann geschlafen haben oder nicht. Aussagekräftig seien die Ergebnisse dieser Tests allerdings so gut wie nie.

Internationaler Tag gegen Homophobie

Der internationale Tag gegen Homophobie und Transphobie geht auf den 17. Mai 1990 zurück: Damals beschloss die Weltgesundheitsorganisation (WHO), Homosexualität von der Liste psychischer Krankheiten zu streichen. Um öffentlich auf die Diskriminierung hinzuweisen, der Schwule, Lesben oder Transsexuelle vielerorts noch immer ausgeliefert sind, riefen Betroffene den 17. Mai im Jahr 2004 zum Gedenktag aus.

Inzwischen haben ihn mehrere Staaten und internationale Institutionen offiziell anerkannt - wie im April 2007 zum Beispiel das Europäische Parlament.

Regierung als Hüter von Moral und Sittlichkeit

Doch aus welchem Grund gehen Regierung und Polizei so vehement gegen eine kleine Minderheit vor? Auf diese schwierige Frage gibt es zahlreiche Antworten. Die wohl verbreiteteste: Die Regierung und Präsident Abdel Fattah al-Sisi präsentieren sich als Hüter von Moral und Sittlichkeit. "Die Botschaft ist, dass diese Regierung islamischer ist als die Islamisten, und dass sie Werte verteidigt, die die Islamisten nicht verteidigt haben“, sagt Hameed und meint damit auch die Vorgängerregierung der Muslimbruderschaft.

"Dann gibt es die Erklärung, dass die Sexskandale die Ägypter von der sozialen und wirtschaftlichen Krise im Land ablenken sollen. Wieder andere gehen davon aus, dass dies die Rückkehr der Polizei in Ägypten ist. Die Polizei will die Gesellschaft wieder fester im Griff haben, und dazu gehört, dass sie Homosexuelle und Transgender verhaftet."

Die elf Männer, die Ende April wegen "Ausschweifung" verurteilt wurden, können nun Berufung einlegen. In vorangegangenen Verfahren milderten die Richter die Gefängnisstrafen in der zweiten Instanz oft ab. Der Ruf und damit auch die Zukunft der jungen Männer ist jedoch für immer zerstört.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandradio Kultur am 17. Mai 2016 um 08:13 Uhr.

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