Bei einer Demonstration am 29.1.2011 in Kairo gegen Präsident Mubarak hält ein Demonstrant ein Schild in die Höhe: "Game over" | Bildquelle: AP

Rückblick auf Mubaraks Sturz "Brot, Freiheit, Menschenrechte"

Stand: 24.01.2021 08:02 Uhr

Als Korrespondentin hat Esther Saoub 2011 in Kairo die Tahrir-Proteste und den Regimewechsel miterlebt. Ein Tagebuch-Rückblick auf Demonstranten-Euphorie, Polizeigewalt und die enttäuschte Hoffnung auf Wandel.

Von Esther Saoub, SWR

25. Januar 2011, Dienstag

"Tag der Polizei", ein Feiertag in Ägypten. Ermutigt durch den Erfolg der Revolution in Tunesien haben junge Aktivisten landesweit zu Demonstrationen aufgerufen. Die Spannung auch im ARD-Studio Kairo ist schon am Morgen groß: Werden sich die Leute trauen, auf die Straße zu gehen?

Mittags klingelt mein Mobiltelefon - Mustafa, ein junger Arzt und Aktivist ist am Apparat. Er sagt: "Komm sofort, die Demonstration bewegt sich." Immer mehr Menschen ziehen von der Innenstadt in Richtung Nil.

Ich laufe los, am Nil entlang, dem Zug entgegen. Kurz vor dem Gebäude der Regierungspartei reihe ich mich ein, mit laufendem Aufnahmegerät. "Yaskut Hosni Mubarak - Nieder mit Mubarak" rufen sie, und: "Brot, Freiheit, Menschenrechte".

Direkt vor dem Parteigebäude schreien sie nur noch ein Wort: "Haramiya - Diebe!" Oben auf dem Dach stehen Männer in Anzügen und fotografieren die Menge unten. Die zieht immer weiter. Der Bereitschaftspolizei gelingt es nicht, sie zu stoppen.

Abends sitzen noch einige Demonstranten auf dem Tahrir-Platz im Zentrum. "Ich bleibe hier, bis Mubarak geht", sagt eine junge Frau.

alt Esther Saoub, SWR

Esther Saoub

gehört zur Multimedialen Chefredaktion des SWR. Sie war von 2006 bis 2011 Korrespondentin für den ARD-Hörfunk in Kairo - zur Zeit der Revolutionsserie, die als "Arabischer Frühling" oder "Arabellion" in die Geschichtsbücher eingegangen ist.

28. Januar, Freitag

In den sozialen Medien heißt er "Tag des Zorns". Nach dem Gebet füllen sich die Straßen mit Demonstrierenden - Männer, Frauen, sogar Kinder.

Gute Stimmung. Dann detoniert etwas - ein Nebel aus Tränengas breitet sich aus. Er habe heute Geburtstag, sagt hustend ein junger Mann. Er ist rausgegangen, "um Ägypten zu befreien".

Diesmal hat sich die Regierung besser vorbereitet: Internet und Mobilfunknetze sind abgeschaltet, um die Koordination zu stoppen. Das Ergebnis ist das Gegenteil: Weil sie niemanden mehr erreichen, gehen noch mehr Leute auf die Straße. Die Polizei regiert mit immer mehr Tränengas und Gummigeschossen. Eine Frau wird wenige Straßen entfernt von mir tödlich in den Kopf getroffen. Eines der ersten von insgesamt 850 Toten bei dieser Revolution.

Abends brennt das Parteigebäude, auf dem wenige Tage vorher noch die Funktionäre standen.

Während einer Demonstration am 28.1.2011 küsst eine Demonstrantin einen Polizisten | Bildquelle: AP
galerie

Hoffnung auf Gewaltlosigkeit: Am. 28.1.2011 küsst eine Demonstrantin in Kairo einen Polizisten.

Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizeieinheiten am 29.1.2011 in Kairo | Bildquelle: AP
galerie

Doch die Hoffnung erfüllt sich nicht - an diesem und am kommenden Tag kommt es zu schweren Zusammenstößen.

29. Januar, Samstag

Plötzlich ist die Polizei verschwunden. Zurück in den Kasernen, heißt es. Erstmals nach Tagen gehe ich nach Hause. Auf der Straße stehen Männer. "Guten Abend", sagt einer. "Ich wohne da oben. Wir verteidigen die Nachbarschaft." Unter feinem Jackett hat er ein Messer, "von meiner Frau, aus der Küche", raunt er. Sein eher schmächtiger Sohn schwenkt einen Baseball-Schläger. Später kochen wir Tee für unsere kleine Bürgerwehr.

Anderswo ist es weniger beschaulich als bei uns. Gefängnisse werden geöffnet, Läden geplündert, Menschen ausgeraubt. Der Staat inszeniert das Chaos, um als Ordnungsmacht aufzutreten.

Ab 16 Uhr herrscht nun Ausgangssperre, es donnern Kampfjets im Tiefflug über die Stadt. Die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz ducken sich kurz, aber nach Hause gehen sie nicht.

Esther Saoub interviewt im Januar 2011 Menschen auf dem Tahrir-Platz in Kairo | Bildquelle: Martin Durm
galerie

Intensive Gespräche: Esther Saoub interviewt im Januar 2011 Menschen auf dem Tahrir-Platz in Kairo.

                   

1.Februar, Dienstag

Der "Marsch der Millionen". Die Menschenmassen in den Straßen sind nicht mehr zählbar. Und nirgendwo Polizei. Aber die Massen sind unfassbar diszipliniert. An diesem Tag gibt es keinen einzigen Toten, nicht mal Verletzte.

2. Februar, Mittwoch

Bedrohliche Stimmung. Armee-Hubschrauber kreisen über der Innenstadt. Über die Nil-Brücken zieht eine wütende Menge mit Eisenstangen und Mubarakplakaten. Unterstützer des Präsidenten? Später wird klar: Es waren gekaufte Schläger.

Sie greifen an wie im Mittelalter: auf Pferden und Kamelen, werfen Steine und Molotow-Cocktails. Die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz verbarrikadieren sich hinter Teilen eines Bauzauns.

Irgendwo dazwischen sitzt Mustafa, der junge Arzt aus unserem Haus. Nach Stunden erreiche ich ihn. Er ruft euphorisch ins Handy: "Wir sind bereit, hier zu sterben, es geht uns gut, die Stimmung ist fast feierlich."

Die brutalen Bilder gehen um die Welt. 24 Stunden kämpft das Regime mit kriminellen Schlägertrupps um den Erhalt seiner Macht. Wir kampieren im ARD-Büro - zehn Gehminuten entfernt von diesem Schlachtfeld.

4. Februar, Freitag

Erstmals wieder draußen. Durch verwüstete Straßen Richtung Tahrir. Ein Offizier streckt die Hand aus: "Welcome to Egypt". Es ist vorbei. Die Armee hat sich gegen Mubarak gestellt.

Der macht noch einen Versuch, verspricht Reformen, doch es ist zu spät: die friedlichen Demonstranten fordern seinen Rücktritt.

1/20

Zehn Jahre "Arabischer Frühling": Aufstand gegen Mubarak

Demonstration in Kairo

Am 25. Januar 2011 gehen in Ägypten die Menschen für mehr Demokratie auf die Straße - Tausende ziehen zum Tahrir-Platz ("Platz der Befreiung") in Kairo. Vorbild für die Proteste ist Tunesien. Dort hatte sich im Dezember der Gemüsehändler Mohammed Bouazizi aus Verzweiflung über Behördenwillkür selbst verbrannt. Zwei Tage nach der Verzweiflungstat fordern Tausende auf einer Kundgebung Reformen und bilden den Keim zur tunesischen "Jasmin-Revolution". | Bildquelle: REUTERS

11. Februar, Freitag

Ich stehe im Supermarkt, kaufe ein für die "Korrespondenten-WG", als plötzlich eine Frau quer durch den Laden ruft: "Tanaha! - Er ist zurückgetreten!". Die Einkäufe bringe ich noch nach Hause, dann laufe ich raus: durch überfüllte Straßen voll euphorischer Menschen bis zur kollektiven Feier auf dem Tahrir-Platz. Drei junge Männer singen: "Mubarak ist weg und wir können endlich duschen gehen".

Für den Arzt Mustafa ist dieser Tag bis heute einer der wichtigsten seines Lebens: "Als hätten wir ein schweres Gewicht auf der Brust gehabt, und das wäre ganz plötzlich weggenommen worden."

Esther Saoub interviewt kurz nach dem Rücktritt von Hosni Mubarak auf einer Nilbrücke eine Frau | Bildquelle: Andreas Jacobs
galerie

Als die Hoffnung noch groß war: Kurz nach dem Rücktritt von Hosni Mubarak spricht ARD-Korrespondentin Saoub auf einer Nilbrücke mit einer Frau.

Nachbemerkung: Seit 2014 regiert in Ägypten Präsident al-Sisi - mit eiserner Hand. Viele, die 2011 auf der Straße waren, sitzen im Gefängnis. Mustafa arbeitet in einer psychiatrischen Klinik. Politisch aktiv ist er nicht mehr.

Über dieses Thema berichtete das Erste im "Weltspiegel" am 24. Januar 2021 um 19:20 Uhr.

Darstellung: