Vertreter der afghanischen Regierung und der radikalislamischen Taliban bei Friedensgesprächen am 15. September 2020 in Doha | Bildquelle: AFP

Afghanistan-Dialog in Doha Kaum Fortschritte bei Friedensgesprächen

Stand: 21.09.2020 09:20 Uhr

Die Hoffnung auf Frieden in Afghanistan war mit dem Auftakt der Gespräche vor einer Woche groß. Doch eine Annäherung zwischen Regierung und Taliban ist noch nicht absehbar. Dazu kommt ein erneuter Luftangriff.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Eine Woche nach dem feierlichen Start des innerafghanischen Dialogs in Doha kommen die Delegationen der Taliban und der afghanischen Regierung offenbar kaum voran. Die Gespräche stockten noch bei Grundsatzfragen, berichtete das afghanische Fernsehen.

So hätten die Kontaktgruppen beider Seiten, die den Verlauf und die Rahmenbedingungen für die Verhandlungen festlegen sollen, noch keine Einigung darüber erreicht, wie der zurückliegende Krieg der vergangenen 19 Jahre bezeichnet werden soll. Die Taliban bestünden darauf, dass es sich um einen heiligen Krieg, einen Jihad, gehandelt habe - möglicherweise, um damit ihre Kampfhandlungen als gerechtfertigt erscheinen zu lassen.

Uneinigkeit über Glauben und Religion

Außerdem gebe es Streit um die klare Definition von unterschiedlichen Religionen und Glaubensrichtungen. Nach der Verfassung der islamischen Republik Afghanistan gelten für unterschiedliche Glaubensgemeinschaften, wie beispielsweise die Schiiten oder die Sunniten, unterschiedliche Auslegungen der islamischen Rechtsprechung, um der Diversität der verschiedenen religiösen und ethnischen Gruppen im Land gerecht zu werden, hieß es. Die Taliban hingegen wollten bei der Regelung religiöser Angelegenheiten nur eine Auslegung der Scharia zulassen.

Der dritte umstrittene Punkt ist nach Berichten des Fernsehsenders TOLO News die Vereinbarung von Doha, die die Taliban mit den USA Ende Februar unterzeichnet hatten. Die Taliban wollen sie offenbar zur Grundlage des innerafghanischen Dialogs machen. Für den Fall, dass die Zugeständnisse der USA, etwa der Abzug der US-Truppen, nicht nach ihren Vorstelllungen erfüllt würden, würden auch die Gespräche mit der Delegation der Regierung hinfällig.

Angriff auf Taliban mit vielen Toten

Zusätzlich belastet wurden die Gespräche in Doha am Wochenende mit einem Luftangriff der afghanischen Streitkräfte auf Stellungen der Taliban. Dabei waren in der nördlichen Provinz Kundus 24 Zivilisten ums Leben gekommen. Die Luftwaffe hatte am Samstag im Bezirk Khan Abad, das Haus eines Anführers der Taliban beschossen und dabei mehrere Wohnhäuser in dem Dorf zerstört, wie auf Filmmaterial der Nachrichtenagentur AP zu sehen war.

Die Dorfbewohner machten ihrem Ärger über die Regierung Luft. "Wenn die Regierung Frieden machen will, warum werfen sie dann Bomben? Um einen Taliban zu kriegen, haben sie mehr als 20 Zivilisten getötet", sagt Mozafer Khan, ein Angehöriger eines der Opfer.

Die Taliban betrachten die afghanische Regierung als Marionette der USA und lehnen bis heute direkte Gespräche mit ihr ab. Auch ihren Kampf gegen die Regierungstruppen betrachten sie als gerechtfertigt und verstehen sich selbst als Befreier des afghanischen Volkes von einer fremden Besatzungsmacht.

Friedensgespräche, Luftangriff, zivile Opfer
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
21.09.2020 10:06 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 21. September 2020 um 15:50 Uhr.

Darstellung: