Straßen in Kabul werden desinfiziert | Bildquelle: AP

Dialog in Afghanistan Gemeinsamer Feind Corona

Stand: 02.04.2020 10:24 Uhr

Es ist das erste Treffen zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban seit 20 Jahren: Die Corona-Krise hat die beiden verfeindeten Parteien an einen Tisch gebracht. Das Virus hat sich zuletzt auch in Afghanistan ausgebreitet.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu Delhi

Nach fast 20 Jahren Krieg und Terror trafen sich in Kabul erstmals Vertreter der afghanischen Regierung mit einer Delegation der Taliban. Zuvor hatte es bereits zwei Video-Konferenzen zwischen beiden Seiten gegeben, nachdem die Taliban am Dienstag in der afghanischen Hauptstadt eingetroffen waren.

Es sei um Details des geplanten Gefangenenaustauschs gegangen, berichtete das afghanische Fernsehen. 100 inhaftierte Taliban-Kämpfer sollen gegen 20 von den Taliban gefangen gehaltenen Regierungssoldaten ausgetauscht werden. Politische Gespräche seien nicht geplant, hieß es.

Die Taliban erwarten die Freilassung von 5000 ihrer Anhänger, die sich in afghanischer Haft befinden. Präsident Ashraf Ghani hatte dies zunächst kategorisch abgelehnt, stimmte dann aber einer schrittweisen Freilassung von Taliban-Kämpfern zu, um die Friedensgespräche in Gang zu bringen. Unklar ist noch, wann der sogenannte "innerafghanische Dialog" beginnen kann, denn die Taliban lehnen die von der Regierung ernannt Verhandlungsdelegation bislang ab.

Taliban zur Bekämpfung des Virus bereit

Mit dem Coronavirus, das sich auch in Afghanistan immer weiter ausbreitet, haben die Taliban und die afghanische Regierung jetzt einen gemeinsamen Feind. Mit einer Video-Kampagne, die über Twitter verbreitet wurde, erklärten sich die Taliban bereit, die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Epidemie zu unterstützen.

Das "Islamische Emirat", so heißt es in dem Video, sei zur Bekämpfung des Coronavirus bereit und habe Quarantäne-Zentren zum Schutz der Bevölkerung eingerichtet. Sollte in Gebieten, die von den Taliban kontrolliert werden, das Coronavirus auftreten, würden die Kämpfe in dieser Region eingestellt, sagte Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahed der Nachrichtenagentur AP.

Anfang der Woche wurden mehrere hundert verurteilte Straftäter aus afghanischen Gefängnissen entlassen, um eine Ausbreitung des Coronavirus in den Haftanstalten zu verhindern. Laut Maiwand Samadi, Gefängnisdirektor in der gleichnamigen Hauptstadt der westlichen Provinz Herat, waren es 400 bis 500 Gefangene, die auf der Grundlage einer speziellen Anordnung des Präsidenten freigelassen worden seien. Taliban-Kämpfer und andere Terroristen waren davon jedoch ausgenommen.

In der Provinz Herat, die am stärksten von der Corona-Epidemie betroffen ist, warteten Angehörige und Freunde vor dem Gefängnistor, wie auf Filmmaterial der Nachrichtenagentur Reuters zu sehen war.

Ausgangssperren in mehreren Provinzen

Freiheit ist jedoch relativ. In Herat, zwei benachbarten Provinzen und in Kabul gilt inzwischen eine Ausgangssperre. Geschäfte und Märkte sind geschlossen. Die Menschen, die noch auf den Straßen Kabuls unterwegs sind, haben ganz unterschiedliche Meinungen über die Maßnahmen gegen Corona - wie anderswo auch.

Er unterstütze die Maßnahmen der Regierung, sagt beispielsweise Ahmad Haidari. Jeder solle zuhause bleiben, um sich nicht mit dem tödlichen Virus anzustecken. "Wenn sich jeder daran hält, dann können wir die Ausbreitung des Coronavirus vielleicht stoppen. Wir sind doch ohnehin das ärmste Land der Welt", so Haidari. Hassibullah Jan gibt zu bedenken: "Die Leute werden vor Hunger sterben und nicht wegen des Coronavirus. Wenn alle Märkte geschlossen sind, wo sollen die Leute etwas zu essen herbekommen?"

Offiziell gibt es in Afghanistan inzwischen fast 180 bestätigte Corona-Fälle, vier Menschen seien bereits infolge einer Covid-19-Erkrankung gestorben, heißt es.

Taliban einverstanden mit Waffenruhe in afghanischen Virusgebieten
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
02.04.2020 06:33 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. April 2020 um 06:45 Uhr.

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