Arbeiter des Gesundheitswesens in Kenia ziehen sich gegenseitig Schutzanzüge an | Bildquelle: dpa

Afrika und das Coronavirus Aus früheren Epidemien gelernt?

Stand: 25.09.2020 20:11 Uhr

Afrika wird besonders unter dem Coronavirus leiden - diese Befürchtung war zu Beginn der Pandemie groß. Doch die Opferzahlen sind vergleichsweise niedrig. Das könnte mit früheren Epidemien zusammenhängen.

Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi

Die Fieberpistole hat Richard Musoni immer im Anschlag. Wer in Kenias Hauptstadt Nairobi ein Geschäft betreten möchte, der muss seine Temperatur messen lassen und sich die Hände desinfizieren. Musoni steht am Eingang eines Supermarkts. "Jeder hat Vorgaben bekommen, wie wir uns gegen die Krankheit schützen sollen", sagt er.

Sehr schnell, nachdem der erste Corona-Fall im März entdeckt wurde, erließ die Regierung des ostafrikanischen Landes harte Maßnahmen. Kenia wurde vier Monate lang international abgeriegelt. Auch eine Maskenpflicht für alle und eine nächtliche Ausgangssperre wurde eingeführt. Derzeit gilt sie von 21 Uhr abends bis 4 Uhr morgens. Die strengen Maßnahmen sollen einer der Hauptgründe sein, warum die Fallzahlen in Kenia jetzt sinken.

Ein burundischer Flüchtling aus Ruanda wird nach seiner Rückkehr auf Fieber untersucht | Bildquelle: dpa
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Konsequent kontrollieren: In Ruanda wird ein Flüchtling auf Fieber untersucht.

"Wir sehen einen allgemeinen Abwärtstrend"

Und nicht nur dort: Weniger Corona-Fälle, das beobachtet das Africa Centres for Disease Control and Prevention, die oberste Seuchenschutzbehörde der Afrikanischen Union, seit einigen Wochen. "Der Kontinent hat rund 1,2 Milliarden Menschen in 55 Staaten", erklärte John Nkengasong, Virologe und Direktor des Instituts. "Wenn wir alle Daten zusammenziehen, sehen wir einen allgemeinen Abwärtstrend der Pandemie von zehn bis zwölf Prozent in den letzten Wochen." Der ganze Kontinent zählt derzeit nach offiziellen Zahlen nur rund 34.000 Todesopfer - weniger als in Großbritannien.

Natürlich müssten die Zahlen mit Vorsicht betrachtet werden, darauf weist der Direktor selbst hin. Auf dem Kontinent werde erheblich weniger getestet als beispielsweise in Europa. "Wir haben nur rund ein Prozent der Bevölkerung des Kontinents getestet", sagt Nkengasong. "Wir müssen besser werden. Aber ich kann die Bedeutung der Schutz-Maßnahmen, die viele afrikanische Länder früh getroffen haben, nicht überbetonen. Sie haben uns geholfen, die Wirkung des Virus abzuschwächen."

Einige Antikörperstudien, die bereits auf dem Kontinent durchgeführt wurden, legen etwas höhere Infektionsraten nahe, als die Tests zeigen, doch das Phänomen bleibt: Die von vielen Experten vorhergesagte große Sterbewelle in Afrika ist bisher ausgeblieben.

Viele Infizierte zeigen keine Symptome

Warum das so ist, darüber rätselt jetzt die Wissenschaft. Die afrikanische Seuchenschutzbehörde sieht neben den sehr früh ergriffenen Schutzmaßnahmen in vielen Ländern vor allem die junge Bevölkerung als einen Grund. "Es gibt ein hohes Maß an Patienten, die sich infizieren, aber keine Krankheitssymptome zeigen", sagt der Virologe Nkengasong. "Ich führe das auf unsere junge Bevölkerung zurück. Etwa 70 Prozent sind jünger als 30, das mittlere Alter liegt um die 17 Jahre. Das hat uns wahrscheinlich beschützt und abgeschirmt." Eine Einschätzung, die viele Wissenschaftler teilen.

Hinzu käme, dass das Virus sich in Afrika offenbar schwerer ausbreiten könne, sagt Nkengasong. Sonst ein Nachteil, könnte die schlechte Zugänglichkeit vieler Regionen im Fall der Pandemie ein Vorteil gewesen sein. "Vielleicht hat uns auch die schlechte Infrastruktur geholfen", ergänzt er. "Wir haben kaum U-Bahnen oder Massen-Transportsysteme. Und nicht so gute Straßensysteme wie in Europa oder den Vereinigten Staaten."

In Johannesburg erklärt ein Mediziner einem Patienten den Ablauf eines Corona-Tests | Bildquelle: dpa
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So verläuft ein Corona-Test: Ein Mediziner erklärt in Johannesburg einem Bürger den Ablauf.

Die Lehren von Ebola

Und eine andere, gefährliche Krankheit könnte auch geholfen haben: Ebola. Länder wie Sierra Leone oder Liberia aus West- und Zentralafrika haben bei der Epidemie 2014 wichtige Erfahrungen gesammelt. Vor allem Information und Aufklärung der Bevölkerung, durchgeführt nicht von den Eliten und der Politik, sondern von Helfern aus der eigenen Gemeinschaft, halfen entscheidend. Das wichtigste sei es, Vertrauen auf der lokalen Ebene zu bilden, stellte Miriam Nanyunja,von der Weltgesundheitsorganisation in Afrika, bereits im Sommer fest: "Wir müssen kulturelle Empfindlichkeiten in unserer Antwort (auf die Pandemie) berücksichtigen."

Doch wie soll es in Afrika jetzt weitergehen? Wie nach Europas erster Welle werden die Stimmen lauter, die nach einer kompletten Öffnung und der Aufhebung der Maßnahmen rufen. Auch in Kenia. "Ich fordere die Regierung auf, die Wirtschaft komplett zu öffnen", sagt Aromba Mwando, ein Geschäftsmann aus dem Transportsektor. "Corona hat unser Land viel gekostet. Viele Menschen haben ihre Arbeit verloren."

Die Corona-Krise hat die Wirtschaft hart getroffen. "Quer über den Kontinent ist die Wirtschaft um 80 Prozent geschrumpft", sagt der Ökonom James Shikwati. "Etwa 400 Milliarden US-Dollar hat ganz Afrika durch die Ausgangssperren schon verloren." Während die Politik den Druck längst spürt, und viele afrikanische Länder sich öffnen, warnen die Virologen vor zu viel Optimismus. "Das ist ein sehr heikler Virus, der sich schnell ausbreitet", sagt Nkengasong. "Wir sehen die Trends in Europa. Wir müssen sehr sehr vorsichtig sein."

Afrikas Wunder - Corona scheint den Kontinent nicht so hart zu treffen
Antje Diekhans, ARD Nairobi
26.09.2020 06:44 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. September 2020 um 20:05 Uhr.

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