Konflikt um Tigray Bangen vor dem Sturm auf Mekele

Stand: 27.11.2020 10:38 Uhr

Äthiopiens Zentralregierung hat einen Sturm auf Tigrays Metropole Mekele angekündigt, in der viele vor den Kämpfen Schutz suchten. Alle mit Angehörigen in der Region leben zwischen Hoffen und Bangen.

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi

"Ich bin erst vor einem Monat nach Addis Abeba gekommen", sagt Asmeret Berhane - als Zwischenstation auf der Suche nach Arbeit. Den größten Teil ihrer Familie hat die 24-Jährige in der umkämpften Provinz Tigray zurückgelassen. Nun sitzt sie hier, in der Hauptstadt Äthiopiens, die sich plötzlich so feindlich anfühlt. Ihre Heimatstadt in Tigray, Adigrat, wurde vor fünf Tagen von äthiopischen Truppen eingenommen.

Asmeret Berhane in den Straßen von Addis Abeba. | Bildquelle: Norbert Hahn, Studio Nairobi
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Asmeret Berhane sucht in Addis Abeba Arbeit. Ihre Familie ist in Tigray - wie es ihr geht, weiß sie nicht.

Wie es ihrer Familie geht, weiß sie nicht - die Region ist von jeder Kommunikation abgeschnitten. Berhane bleibt nur die Hoffnung: "Ich möchte, dass die Menschen, die fernab der Heimat leiden, wieder nach Hause können, zu ihren Familien."

Aber wo ist das in diesen Zeiten - zu Hause? Nach UN-Schätzungen sind schon 40.000 Flüchtlinge aus Tigray im Sudan gestrandet, wie Haftoun Berha: "Ich bin mit meiner Familie und meinen Eltern gekommen. Wir haben nur, was wir auf dem Körper tragen", erzählt er. "Keine Wäsche zum Wechseln. Viele mussten dort bleiben - das ist noch schlimmer."

Massaker und verstümmelte Zivilisten auf der Flucht

Schlimmer könnte es vor allem für Mekele, das Verwaltungszentrum der Region Tigray, werden. Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed hat inzwischen den Angriff auf Mekele befohlen. Man wolle Menschen und historische Gebäude schonen, wiegelt der Friedensnobelpreisträger von 2019 nun ab - dabei ließ die Armee am vergangenen Wochenende noch verbreiten, für die Menschen in der 500.000-Einwohner-Stadt werde es keine Gnade geben, wenn sie sich nicht ergeben.

"Wenn es, wie erwartet, für die Führung Tigrays einen echten Rückhalt in der Bevölkerung gibt und Abiy Ahmeds Zentralregierung diese Führer dennoch vor Gericht stellen will, dann wird das nicht ohne große Schäden in der Stadt und Leiden der Zivilbevölkerung gehen", sagt William Davison von der Denkfabrik International Crisis Group.

William Davison, Analyst International Crisis Group. | Bildquelle: Norbert Hahn, Studio Nairobi
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William Davison, Analyst der International Crisis Group.

Geschenkt haben sich beide Seiten in ihrer Rigorosität in den vergangenen Wochen nichts - im Gegenteil, die Berichte von Gräueltaten reißen nicht ab. Allein in einem Ort im Westen Tigrays sollen mehr als 600 Menschen grausam massakriert worden sein. Beide Kriegsparteien bestreiten nicht, dass es ein Massaker gab, geben aber der Gegenseite die Schuld.

So ist es auch mit den Verletzungen oder Verstümmelungen mancher Kriegsopfer, die es noch bis in den Sudan schaffen. Unabhängige Recherchen gibt es nicht. Journalisten und viele Organisationen leiden unter der Kommunikationssperre, manche werden zusätzlich eingeschüchtert.

Nachbarstaaten unterstützen die Zentralregierung

William Davison ist einer, der das Land verlassen musste, Richtung Europa. "Ich denke, Propaganda spielt eine Rolle in jedem Krieg", sagt Davison - und möchte es dabei bewenden lassen. Die Regierung in Addis Abeba sieht sich bei all dem im Recht. Die Argumentation: Der Kampf um Tigray sei eine inner-äthiopische Angelegenheit. Tatsächlich aber zieht er schon weite Kreise in der Region.

Äthiopier lesen Zeitungen und Zeitschriften, die über die aktuelle militärische Konfrontation im Land berichten (Archivbild vom 7.11.2020). | Bildquelle: dpa
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Ein Magazin berichtet über die aktuelle militärische Konfrontation im Land (Archivbild vom 7.11.2020).

"Wir wissen, dass Eritreas Regierung die äthiopischen Truppen kräftig unterstützt hat", sagt Davidson. Tigray grenzt im Norden fast komplett an Eritrea - die äthiopische Armee hätte Tigray also nicht in die Zange nehmen können, wenn sich Eritrea nicht als Aufmarschgebiet angeboten hätte. Aber auch Somalias Regierung, Sudan und Djibouti scheinen auf Addis Abeba zu setzen. Und die Vereinigten Arabischen Emirate, heißt es immer wieder, würden dem äthiopischen Militär mit Drohnen aushelfen. Aber natürlich lässt sich auch das nicht mit letzter Sicherheit sagen.

Asmeret Berhane wollte eigentlich weiter, wie so viele Äthiopier und Äthiopierinnen, und Arbeit im Ausland suchen. Nun möchte sie nur noch nach Hause, sich vergewissern, dass es der Familie gut geht: "Es soll endlich wieder Frieden einkehren."

Doch das kann noch lange dauern. Aus der Führungsriege in Tigray heißt es, man werde weiterkämpfen - wenn die Städte fielen, dann eben auf dem Lande.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. November 2020 um 12:00 Uhr.

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