Die Lebensmittelchemikerin Gabriele Ratz auf der Umweltforschungsstation Schneefernerhaus in den Alpen | Bildquelle: Leonie Fößel/BR

Krebserregende Stoffe Forscher weisen Schadstoffe in Alpen nach

Stand: 19.02.2020 11:59 Uhr

Den Giften auf der Spur sind Forscher in den Alpen. Mit dem weltweit einzigartigen Projekt PureAlps konnten sie krebserregende Stoffe wie DDT und Quecksilber eindeutig nachweisen. Das Fazit: Nur weltweite Verbote helfen.

Von Leonie Fößel, BR

Die Alpen sind für viele ein Ort der unberührten Natur, fernab von menschlicher Zivilisation. Doch das ist längst vorbei. Überall hinterlassen die Menschen ihre Spuren - zum Teil auch sehr giftige: DDT etwa.

Das Pestizid ist seit 1972 in Deutschland wegen seiner gesundheitsschädigenden Wirkung verboten. Und trotzdem ist eine DDT-Belastung in der Umweltforschungsstation noch messbar: Luftströmungen transportieren das Gift von den tropischen Ländern Afrikas oder von Indien bis in die Alpen. In diesen Regionen wird DDT weiterhin zur Bekämpfung von Malariamücken eingesetzt.

Der Nachweis der weltweiten Verbreitung ist eines der Ergebnisse der 15-jährigen Messreihe des Projekts PureAlps vom Bayerischen Landesamt für Umwelt.

Gabriele Ratz, Forschungsstation Schneefernerhaus | Bildquelle: Leonie Fößel/BR
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"Die Schadstoffe gefährden die Fortpflanzungsfähigkeit von Tieren", so Gabriele Ratz vom Bayerischen Landesamt für Umwelt.

Aber nicht nur DDT, sondern auch viele andere schädliche Chemikalien wie Quecksilber und Dioxine lagern sich im Hochgebirge ab. "Es handelt sich um Schadstoffe, die sich über die Jahre in der Umwelt anreichern und mitunter in die Nahrungskette gelangen können", sagt Gabriela Ratz vom Bayerischen Landesamt für Umwelt. Seit 2018 ist die Lebensmittelchemikerin die Projektmanagerin von PureAlps.

Einzigartige Messreihe

Das Projekt ist weltweit einzigartig: Seit 2005 messen Wissenschaftler an verschiedenen Stationen in den Alpen Rückstände von Chemikalien in Luft und Niederschlag, die dort nicht mehr abgebaut werden. Das sind zum Beispiel Flammschutzmittel, Quecksilber oder per- und polyflourierte Chemikalien (PFCs), die unter anderem in der Textilindustrie entstehen.

Diese Schadstoffmessungen finden in Deutschland an der Umweltforschungsstation Schneefernerhaus auf 2650 Metern Höhe unterhalb des Zugspitz-Plateaus statt. In Österreich nehmen die Forscher ihre Proben in den Hohen Tauern im Observatorium Sonnblick.

Durch das Monitoring wollen die Forscher frühzeitig chemischen Schadstoffen auf die Spur kommen, die Biodiversität, Lebensmittelproduktion und Wasserversorgung schädigen könnten. Im März wird das PureAlps-Projekt abgeschlossen. "Die Messungen an der Umweltforschungsstation werden aber weitergehen und durch die Untersuchungen im Rahmen des Projekts OPTIMON ergänzt", sagt Gabriela Ratz.

Schadstoffe gelangen aus den Tropen in die Alpen

Viele der mehr als 100 untersuchten Chemikalien stammen aus der ganzen Welt, im Fall von DDT aus tropischen Ländern. Zwei globale "Transport-Förderbänder“ bringen sie in die Alpen: der Wasserkreislauf und verschiedene Luftströmungen. Über Verdunstung steigen diese Stoffe in höhere Atmosphärenschichten auf und geraten in die Strömungen, die sie überall rund um den Globus transportieren.

Gebirgszüge wie die Alpen wirken dabei wie ein Fangnetz für die Luftmassen. Diese regnen sich besonders an den Alpenrändern ab und mit ihnen die Umweltgifte. Wegen der kälteren Temperaturen bleiben diese dort - sie können nicht mehr in die Luft aufsteigen. So reichern sie sich über Jahre an.

Umweltforschungsstation Schneefernerhaus: Korbinian Freier | Bildquelle: Leonie Fößel/BR
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Die Alpen als Kältefalle - Projektleiter Korbinian Freier erklärt den Kühlschrankeffekt.

In der Kältefalle

Dieser Vorgang wird im Englischen als „cold trapping“ bezeichnet. Durch diese Kältefalle sind die Konzentrationen ihm Hochgebirge zum Teil fast so hoch wie an den Emissionsorten selbst, sagt Korbinian Freier.

Der Projektleiter des Alpenmonitorings vergleicht das "cold trapping" mit einem Kühlschrank-Effekt: "Wir sind hier im Kühlschrank Mitteleuropas, den Alpen, das sieht man auch an dem Schnee im Hintergrund", erklärt er. "Dieser Kühlschrank bewirkt, dass Stoffe, die eigentlich in der Luft als Gase vorhanden sind, auch herauskommen - so wie auch das Wasser im Kühlschrank kondensiert. Auch Schadstoffe kondensieren dort, wo es kälter wird.“

Die Umweltforschungsstation Schneefernerhaus | Bildquelle: imago/Peter Widmann
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Die Umweltforschungsstation Schneefernerhaus ist Deutschlands höchstgelegene Forschungseinrichtung.

Chemikalien reichern sich an

Die Konzentrationen der Schadstoffe sind zwar relativ gering, doch über längere Zeit reichern sich dennoch größere Mengen in der Umwelt an und können diese stark beeinflussen. Das habe teils fatale Wirkungen für Tiere und Pflanzen, so Ratz. "Bereits in niedrigen Konzentrationen können Dioxine reproduktionstoxisch wirken", erklärt die Lebensmittelchemikerin. Die Gifte schädigen die Fortpflanzung von Tieren, denn "Perfluorverbindungen können zu hormonellen Veränderungen führen." Solche Perfluorverbindungen finden sich in geringer Konzentration zum Beispiel in beschichteten Pfannen, Einweggeschirr oder auch in fettabweisender Folie.

Und nicht nur an Land, auch unter Wasser finden sich die giftigen Chemikalien. "In Gewässern lagern sich die Stoffe an Partikeln wie Schwebstoffen an und gelangen über das Plankton in Fische. Letztendlich landen die Schadstoffe in fischfressenden Haubentauchern", sagt Gabriela Ratz. Bei den Messungen ginge es nicht um die Wirkung bei Menschen, sondern auf Tiere und die Umwelt. Dennoch: Rückschlüsse auf den Schaden für Menschen sind naheliegend, da er am Ende der Nahrungskette steht.

Internationale Verbote zeigen Wirkung

Die Ergebnisse der Alpenmessungen sollen helfen, die Chemiebelastung zu kontrollieren und die Berge durch internationale Maßnahmen zu schützen. Verbote haben in der Vergangenheit schon Wirkung gezeigt. Beispielhaft ist das internationale Stockholmer Übereinkommen von 2004 mit seinen Verbots- und Beschränkungsmaßnahmen zum Schutz vor schwer abbaubaren organischen Schafstoffen. Seit dem Inkrafttreten des Abkommens zeigen die alpinen Messwerte, dass etwa Konzentrationen von DDT von 2006 bis 2017 um 60 Prozent zurückgingen. Ablagerungen des Insektizids Endosulfan reduzierten sich sogar um 96 Prozent.

Umweltgifte wie Dioxine nehmen jedoch in den Alpen trotz der Verbote nicht ab. Wieder andere Stoffe wie etwa Octachlorstyrol sind noch nicht verboten und zeigen einen signifikanten Anstieg. "Das liegt daran, dass gewisse Stoffe verboten und durch neue ersetzt wurden, die die gleichen Funktionen erfüllen", sagt Gabriela Ratz.

Über dieses Thema berichtete B5 Bayern am 19. Februar 2020 um 12:08 Uhr.

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