Ein Trump-Unterstützer demonstriert vor dem Zaun, hinter dem Soldaten in der Sperrzone um das Kapitol Wache halten (17.01.2021). | Bildquelle: STEPHEN BRASHEAR/EPA-EFE/Shutter

Biden-Präsidentschaft "America united" - nur wie?

Stand: 20.01.2021 11:17 Uhr

"Amerika vereint" ist das Motto der Amtseinführungsfeier. Davon ist zumal seit der Wahl und dem Sturm aufs Kapitol nicht viel zu spüren. Wie will Biden diese Gräben überwinden - und welche Chancen hat er?

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

"Ich verspreche ein Präsident zu sein, der das Land nicht spaltet, sondern eint!" Das erklärt Joe Biden schon seit Monaten. Ein Präsident für alle US-Amerikaner will der 78-Jährige sein, egal, ob sie ihn gewählt haben oder nicht. 

Das dürfte schwer werden. 74 Millionen US-Bürger haben ihre Stimme Donald Trump gegeben, und die Mehrheit von ihnen glaubt noch immer, dass die Demokraten die Wahl gestohlen haben. Der Sturm aufs Kapitol mit fünf Toten hat die Fronten nur noch verhärtet. Auch friedliche Trump-Anhänger weigern sich, Biden als legitimen Präsidenten zu akzeptieren.

Sogenannte Boogaloo Boys, rechte Anarchisten und Libertäre, demonstrierten am Wochenende vor der Amtseinführung in etlichen US-Bundesstaaten. Auch sie sind Teil der USA. | Bildquelle: AFP
galerie

Weder Trump noch Biden: Sogenannte Boogaloo Boys, rechte Anarchisten und Libertäre, demonstrierten am Wochenende vor der Amtseinführung in etlichen US-Bundesstaaten.

"Was die Kongressmitglieder und der neue Präsident tun, war illegaler als alles, was diese amerikanischen Patrioten gemacht haben", sagte eine Frau vor dem Kapitol, während andere Demonstranten das Gebäude stürmen. Und ein Mann ergänzte: "Wir holen uns unser Land zurück. Die Regierung ist nicht mehr fürs Volk." Es gehe nicht um Trump, sondern ums ganze Land, sagte diese Trump-Anhängerin: "Es geht um Betrug und Lügen. Und gute Amerikaner werden niemals Betrug und Lügen akzeptieren."

"Vor Aussöhnung ist Reue nötig"

Die Folgen des gewalttätigen Aufstands in Washington überschatten die Feiern zur Amtseinführung: Das Kapitol ist eine streng bewachte, weiträumig abgesperrte Festung, Publikum anders als sonst unerwünscht. Und die Folgen des Aufstands werden das politische Tagesgeschäft in Bidens ersten Wochen dominieren, wenn das Amtsenthebungsverfahren gegen seinen Vorgänger in die entscheidende Runde geht.

Demokraten wie Senator Chris Coons aus Delaware fordern, dass Trump wegen Anstiftung zum Aufruhr zur Verantwortung gezogen wird. "Vor Aussöhnung ist Reue nötig", sagt er. "Wir müssen von Trump und seinen Unterstützern hören und sehen, dass sie eine Kehrtwendung machen und endlich den Schaden anerkennen, den sie angerichtet haben."

Aber selbst die wenigen republikanischen Politiker, die Trump mitverantwortlich machen für Ausschreitungen und Gewalt, warnen vor den Konsequenzen. Kevin McCarthy beispielsweise, Fraktionschef der Republikaner im Repräsentantenhaus und bislang treuer Vasall des scheidenden Präsidenten, sagt: "Eine Stimme für die Amtsenthebung würde die Nation nur noch weiter spalten."

Biden setzt auf Politik als Einheits-Projekte

Biden selbst versucht, sich möglichst aus dem Streit herauszuhalten: Das Impeachment sei Sache des Kongresses, erklärte er. Stattdessen bemüht sich der designierte 46. Präsident, seine ersten Politikvorhaben als Einheitsprojekte zu verkaufen.

Ein weiteres Billionen-Hilfspaket will er auf den Weg bringen, um Pandemie und Wirtschafskrise zu überwinden:

"Wir schaffen das nur gemeinsam, als Amerikaner, als Nachbarn, als die Vereinigten Staaten von Amerika. Wenn Amerika gemeinsam handelt, dann gibt es keine Herausforderung, die wir nicht meistern könnten."

Ob sich tatsächlich eine überparteiliche Mehrheit findet, für das Hilfspaket und damit für eine erste Demonstration der Einheit, ist noch nicht entschieden. Viele Republikaner wollen nicht weiter so viel Geld ausgeben - und vielen Demokraten gehen die Maßnahmen nicht weit genug. 

Ist Biden glaubwürdig? Kommt drauf an, wen man fragt

Und was ist mit der grundsätzlichen Bereitschaft der Amerikaner, Bidens Aufruf zur Einigkeit zu trauen und zu folgen? Kommt drauf an, wen man fragt.

Die liberale episkopale Bischöfin von Washington, Mariann Budde, traut dem neuen Präsidenten viel zu. "Biden ist kein perfekter Mensch", sagt sie. "Aber er hat den perfekten Ton getroffen, um der Nation zu erlauben, wieder zu sich zu kommen und die Wunden zu heilen - und die zurückzuholen, die sich von den Lügen der letzten Regierung haben irreleiten lassen."

In den rechten Medien klingt das ganz anders: Trumps einflussreicher Lieblingsmoderator Sean Hannity, mit Top-Einschaltquoten der Star bei FoxNews, wirft den Demokraten und insbesondere Biden vor, jahrelang Stimmung gegen Trump und dessen Anhänger gemacht zu haben. "Nach Jahren der ungebremsten Wut, Hysterie und Lügen sollen wir ihm jetzt auf einmal glauben, dass er das Land einen will und Kumbaya singen. Seine Rufe nach Einigkeit - sie klingen hohl."

Der US-Präsident nach Trump: Kann Biden das Land einen?
Julia Kastein, ARD Washington
18.01.2021 11:06 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 20. Januar 2021 um 11:00 Uhr.

Korrespondentin

Darstellung: