Black Lives Matter in New York Der erste Schritt zur Veränderung

Stand: 01.03.2021 11:00 Uhr

Acht Monate nach den "Black Lives Matter"-Protesten fragen sich viele schwarze US-Amerikaner, was von der Bewegung bleibt. Die Antwort junger New Yorker ist zuversichtlich - obwohl es in ihrer Stadt zu harter Polizeigewalt kam.

Von Christiane Meier, ARD-Studio New York

"Ich kann nicht atmen, ich kann nicht atmen!" - Das riefen am 4. Juni 2020 viele Demonstranten, die von der New Yorker Polizei in einem geplanten Kessel eingequetscht und verprügelt wurden. Schauplatz war die Südbronx, der Stadtteil Mott Haven. Hier, wo die Medien eher selten vorbeikommen und die rassistische Ausgrenzung einer ganzen Bevölkerungsgruppe Alltag ist, zeigte die Polizei ihr hässlichstes Gesicht. Während die Proteste in Manhattan und Brooklyn von Reportern ständig begleitet wurden, blieben Menschenrechtsverletzungen in der Bronx vielfach unbeachtet - jedenfalls am Anfang.

Der Lehrer Andon Ghebreghiorgis kann immer noch nicht richtig fassen, was damals passierte. "Wir wollten gegen Polizeigewalt protestieren und sind genau dieser exzessiven Polzeigewalt begegnet. Welche Ironie. 'Ich kann nicht atmen', das war für mich wie der Refrain auf die Fälle von Polizeigewalt gegen Eric Garner in New York und George Floyd in Minnesota", sagt Ghebreghiorgis.  

Demonstrierende zusammengetrieben

Garner und Floyd waren beide während eine Festnahme von Polizisten erstickt. Floyd hatte nach seiner Mutter gerufen, bevor er qualvoll mit dem Gesicht auf dem Asphalt unter dem Knie eines Polizisten starb. Neun Minuten dauerte es, neun Minuten, die "Black Lifes Matter" im vergangenen Sommer zu einer Massenbewegung werden ließen.

Mehrere Hundert Demonstranten waren an jenem 4. Juni friedlich durch Mott Haven gezogen, bis sie sich plötzlich, kurz vor dem Beginn der damals verhängten Ausgangssperre, einer Polizeiabsperrung gegenüber sahen. Auch von hinten kamen Polizisten und schoben die Demonstranten zusammen. Dann begann eine selbst für New York außergewöhnliche Polizeiaktion.

Mit Schlagstöcken, Tritten und Pfefferspray wurden die wehrlosen Demonstrierenden traktiert, stundenlang festgehalten, dann festgenommen und über die Gefängnisse der Stadt verteilt.

Die Folgen bleiben

Viele haben noch immer an den Folgen zu tragen, sie haben Nervenschäden davon getragen, weil ihre Hände durch Plastikfesseln so eng gebunden wurden, dass die Blutversorgung  unterbrochen wurde. Sie haben Angstzustände, sind noch immer verstört.

Andere leiden an Alpträumen, so wie Chantel Johnson, die ebenfalls im Polizeikessel von Mott Haven gefangen war und plötzlich einen fremden Mann in ihren Armen hielt, während er von der Polizei mit Schlagstöcken auf den Rücken geprügelt wurde. "Ich habe jeden Schlag gefühlt. Ich habe einen Mann in meinen Armen gehalten, den ich gar nicht kannte und das mitten in der Coronakrise", sagt sie. "Es verfolgt mich immer noch in meinen Träumen."

Chantel | Bildquelle: Christiane Meier
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Johnson sagt, die brutalen Stunden in Mott Haven verfolgen sie bis in ihre Träume.

Bitterkeit und Hoffnung

Johnson wollte eigentlich immer schon Polizistin werden, genau wie ihre Mutter es einmal war. Seit dem Sommer vergangenen Jahres hat sie eine neue Bitterkeit in sich entdeckt, aber auch neue Hoffnung. Beides hat sie "BLM" zu verdanken. Was sie im Polizeikessel gesehen und erlebt hat, kann und will sie nicht vergessen. Und doch glaubt sie an Veränderung. Auch, weil der Vorfall von Mott Haven jetzt Folgen haben wird: Der brutale Polizeieinsatz  wurde von unzähligen Handys gefilmt und durch Hunderte Zeugenaussagen bestätigt. Schließlich dokumentierte sogar die renommierte Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch das Geschehen. Ihre Sprecherin Ida Sawyer sagt:

"Unsere Recherchen zeigen eindeutig, dass dies ein geplanter Angriff auf friedliche Protestierende war, und zwar vom höchsten Polizeioffizier der Stadt, Terrence Monahan, dem Chef der NYPD.  Er hat diesen Einsatz, diesen Angriff persönlich vor Ort angeführt."

Die Generalstaatsanwältin für den Staat New York , Letitia James, sammelte ebenfalls Zeugenaussagen - nicht nur zu Mott Haven, auch zu anderen Vorfällen von Polizeigewalt während der Sommerproteste.

Bei einer dreitägigen Anhörung beschrieben Dutzende New Yorker haarsträubende Begegnungen mit der Polizei. James hat jetzt genug. Sie verklagt die NYPD. "Wir haben einen ungeheuerlichen Missbrauch von Polizeimacht gefunden", sagt sie. "Zügellosen Einsatz von Gewalt und den Unwillen, das zu beenden. Deshalb haben wir jetzt Klage eingereicht."

Eine andere Wahrnehmung

Das macht den Aktivisten und vielen Menschen, die sich wegen ihrer Hautfarbe ausgegrenzt sehen, Hoffnung. Auch Ghebreghiorgis ist vorsichtig optimistisch.

"Die größte Veränderung ist die Wahrnehmung der Polizeiarbeit in Amerika. Darüber haben die Leute früher nie nachgedacht. Wir können überdenken, was Sicherheit für uns bedeutet und wie Amerika aussehen soll."

Andom | Bildquelle: Christiane Meier
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Andon Ghebreghiorgis sagt, die Wahrnehmung der Polizei und ihres Handelns in den USA habe sich gewandelt.

Johnson hat auch nach acht Monaten nichts von der Brutalität vergessen. Und doch ist auch sie optimistisch und glaubt, dass der erste Schritt auf dem Weg zur Veränderung getan ist.

"Die Leute sehen jetzt hin, sie empfinden Anteilnahme und Mitgefühl. Sie ändern ihre Ansichten. Sie sehen uns Menschen anderer Hautfarbe als Menschen."

Zur NYPD will Johnson nicht mehr. Die Kultur, die dort herrscht, stoße sie ab, sagt sie. Teil eines solchen Systems möchte sie nicht werden. Stattdessen ist sie jetzt Lehrerin für Drittklässler an einer privat getragenen Schule.

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 01. März 2021 um 19:20 Uhr.

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