Pandemie-Bekämpfung Kanada mit Verspätung in der Krise

Stand: 13.04.2021 17:06 Uhr

Lange blickte Kanada mit einem Überlegenheitsgefühl auf das Corona-Management der USA. Inzwischen hängt das Land mit Impfungen hinterher, die Infektionszahlen steigen. Quebec und Ontario hat es schwer getroffen.

Von Christiane Meier, ARD-Studio New York

Endlich ist Patrick an der Reihe. Er hat 40 Minuten in der Schlange gewartet - oder, wie er sagt, ein ganzes Jahr. In Kanadas westlicher Provinz British Columbia kann er sich jetzt gegen Covid-19 impfen lassen. Welchen Impfstoff er bekommt, kann er sich nicht aussuchen, aber es ist ihm auch egal. 

AstraZeneca ist in Kanada derzeit nur für die Altersgruppe 50 bis 65 erlaubt, das kommt für ihn nicht in Frage. Also wird es ein mRNA-Impfstoff sein, der die Ausbreitung der besonders aggressiven britischen Variante bremsen soll, die in British Columbia derzeit immer häufiger auftritt. 

Gelassenheit an der Westküste

Patrick sieht derzeit genau wie manche seiner Landsleute in Vancouver die Situation eher gelassen. "Weißt Du", sagt er, "wir leben hier an der Westküste eben im 'La-la-Land' - die Kirschbäume blühen, die Leute gehen spazieren, niemand ist frustriert oder wütend. Die Kinder gehen in die Schule."

Das habe damit zu tun, dass die sozialdemokratische Provinzregierung sich während der Corona-Krise stark zurückgehalten habe. Stattdessen habe die zuständige Gesundheitsfunktionärin und Ärztin Bonnie Henry auf die Wissenschaft gehört, scharfe Lockdowns verhängt und nun mit der Wiedereröffnung begonnen und so das Vertrauen der Menschen erworben. Zumindest anfangs. 

Nach einer Impfung in Toronto (Kanada) umarmt eine Frau ihre Großmutter | Bildquelle: AP
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Die ältere Frau ist zur Freude ihrer Enkelin geimpft, doch insgesamt läuft das Impfprogramm in Kanada schleppend

Intensivstationen senden Notrufe

Aber so rosig sieht es nur an der Oberfläche aus. Auch in British Columbia senden Ärzte aus den Intensivstationen derzeit wieder Notrufe an die Presse. Einer davon erreicht auch Patrick auf seinem Facebook-Account als Journalist. Die Intensivstationen seien voll, diesmal mit jungen, schwer kranken Menschen im Alter zwischen 20 und 55, die meisten ohne Vorerkrankung. Sie alle bräuchten hundertprozentigen Sauerstoff. Das macht nun auch Patrick etwas Sorgen. 

Tausend Fälle pro Tag werden derzeit in British Columbia gezählt, bei rund fünf Millionen Einwohnern und einer Fläche, die etwa dreimal so groß ist wie Deutschland. Das bringt besondere Herausforderungen an die Logistik bei der Verteilung des Impfstoffs mit sich.

Im Impfzentrum im Olympia-Stadium von Montreal (Kanada) stehen wenige Menschen, um geimpft zu werden | Bildquelle: AP
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Wie wenige Leute geimpft werden, sieht man auch an den leeren Impfzentren, wie hier im Stadion in Vancouver.

Lockdown im Osten Kanadas

Den indigenen Dörfern wurde der Impfstoff mit dem Flugzeug gebracht, und man versorgte dann alle Altersgruppen, nicht nur die Alten - British Columbia geht da pragmatisch vor und hat die Rückendeckung der Bevölkerung. Gelassenheit ist hier das Grundgefühl, noch. Dieses Stimmungsbild stimmt ganz sicher nicht für die Ostküste Kanadas.

In Québec und Ontario wirkte das Virus besonders verheerend, nun steigen wegen der neuen Virusmutationen die Zahlen auch hier erneut an. Gerade wurden in Toronto die Schulen wieder geschlossen, die Stimmung ist mehr als düster. Beim ersten Lockdown herrschte Furcht, beim zweiten vor allem Frustration und beim bevorstehenden dritten sei das vorherrschende Gefühl Wut. So beschreibt es die Kolumnistin der Zeitung "The Globe and Mail", Robyn Urback. 

Weitreichende Öffnungen gefolgt von chaotischen  Lockdown-Ansagen haben die Restaurantbesitzer von Ontario verwirrt und viele kleine Betriebe noch mehr gefährdet als der vorherige Lockdown. Die Strategie der Regierung von Ontario zum Beispiel scheine nicht von der Wissenschaft geleitet, so die Kritiker, sondern von dem Gefühl, irgendwie die Wirtschaft retten zu müssen. 

In Toronto (Kanada) werden Zelte für zusätzliche Behandlungskapazitäten gegen das Coronavirus aufgebaut | Bildquelle: dpa
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Die Plätze in den Krankenhäusern werden knapp - deshalb werden in Toronto (Kanada) Zelte für zusätzliche Patienten aufgebaut.

Nur 16 Prozent der Menschen geimpft

Funktioniert hat dieses Vorgehen nicht: Doug Ford, der Premier von Ontario, musste vergangenen Donnerstag wieder den Notstand ausrufen. Die Situation sei extrem gefährlich, ließ Ford in einer kurzen Fernsehansprache wissen. Nicht nur die Schulen wurden geschlossen, es müssen alle zu Hause bleiben, und zwar für vier Wochen. Nun sprechen auch Unternehmer von einem "Schlag in die Magengrube".  

Und das liegt auch am Blick über die nahe Grenze in die USA, wo etwa ein Drittel der Bürger bereits mindestens die erste Impfdosis erhalten hat. In Kanada sind es nur 16 Prozent. Diesen Misserfolg lasten viele Premier Justin Trudeau an, dessen Regierung im föderalen System Kanadas für die Beschaffung des Impfstoffs zuständig ist, während die Provinzen im Gesundheitssystem das Sagen haben, also bei den Corona-Schutzmaßnahmen und den Durchführungen der Impfungen. 

Dabei hatte Kanada bis vor kurzem noch die amerikanischen Infektionszahlen mit Entsetzen und einer gewissen Herablassung betrachtet. Die Grenzen zu den USA sind seit einem Jahr geschlossen - der Nachbar galt als unzuverlässig und gefährlich.

Die nächste Welle droht

Seit dem Beginn der Pandemie sind mehr als eine Million Kanadier erkrankt, rund 23.000 gestorben. Allein im US-Bundesstaat New York waren es allerdings im gleichen Zeitraum mehr als doppelt so viele - obwohl dort nur halb so viele Menschen wohnen wie in Kanada. Aber jetzt wird Kanada von der nächsten Welle bedroht.

In der vorvergangenen Woche wurden vier Prozent mehr Kanadier ins Krankenhaus eingeliefert, die Intensivpatienten nahmen sogar um 18 Prozent zu. Schuld ist die britische Variante, die hier 90 Prozent der Fälle ausmacht. 

Und die amerikanische Seuchenbehörde CDC warnt nun ihrerseits ihre Bürger vor einer Reise nach Kanada - möglich wäre das ohnehin nur für wenige Menschen. 

Demonstration in Montreal (Kanada) gegen nächtliche Ausgangsbeschränkungen | Bildquelle: dpa
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In Québec wurden in einigen Gegenden nächtliche Ausgangssperren verhängt - dagegen protestierten Bürger in Montreal.

"Bleibt gelassen, passt auf euch auf"

Patrick aus British Columbia an der Westküste ist inzwischen geimpft. Doch nach Osten, auf die andere Seite des Landes, starrt er voller Unbehagen und Entsetzen. 

Aber er hält sich einstweilen dennoch an das Motto, das British Columbias Corona-Managerin Bonnie Henry ausgegeben hat: "Bleibt freundlich, gelassen und passt auf Euch auf." So schön höflich ist Kanada.  

Über dieses Thema berichtete Radio Bremen Fernsehen am 16. März 2021 um 19:30 Uhr.

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