US-Truppen in Afghanistan Weiterkämpfen - das kleinere Übel?

Stand: 17.02.2021 16:36 Uhr

Am 1. Mai sollen die letzten US-Truppen Afghanistan verlassen haben. Aber das scheint unter Präsident Biden inzwischen höchst fraglich. Ein US-Experte warnt: Ein kurzfristiger Abzug birgt gewaltige Risiken.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

Ein Spezialbericht über Afghanistan läuft in den Abendnachrichten des öffentlichen US-TV-Senders PBS: Hochzufriedene Taliban-Kämpfer erklären, dass sie den Krieg gegen die Amerikaner doch längst gewonnen hätten. Und sie geben der Korrespondentin eine Botschaft an den neuen Präsidenten Joe Biden mit: Er solle dem Friedensvertrag seines Vorgängers treu bleiben und alle 2500 US-Soldaten bis zum 1. Mai abziehen.

Ob das passiert, ist mehr als fraglich, auch wenn sich die Biden-Regierung öffentlich nicht festgelegt hat. Die offizielle Linie lautet: Erst soll mit den Verbündeten beim virtuellen NATO-Verteidigungsministertreffen beraten werden, an dem zum ersten Mal Lloyd Austin als neuer Pentagon-Chef teilnimmt.

Der Präsident entscheidet

Austins Vize-Sprecher John Kirby erklärte vorab, noch gebe es keine Entscheidung über die Truppenstruktur. Ob und wann es die gibt, sei im Übrigen Sache des Oberbefehlshabers, also des Präsidenten. Der Verteidigungsminister wolle ihn dazu aber so gut wie möglich beraten - und dabei werde ihm wiederum die Diskussion mit den NATO-Verteidigungsministern helfen.

Und so viel sei auch klar: Es gebe zu viel Gewalt in Afghanistan. Darunter leide das afghanische Volk. Und deshalb sei die Hauptsache eine politische Lösung für den Konflikt.

Davon jedoch ist das Land am Hindukusch weit entfernt: Zwar verhandeln Taliban und die afghanische Regierung inzwischen miteinander. Aber die Gespräche kommen kaum voran. Gleichzeitig hat die tödliche Gewalt wieder zugenommen, mit gezielten Anschlägen auf Journalisten, Menschenrechtler und Beamte.

Gewichtiger Grund zu bleiben

Das sei ein Grund, die restlichen US-Soldaten über den 1. Mai hinaus im Land zu lassen, meint Johnny Walsh, Afghanistan-Experte beim "United States Peace Institute" in Washington im ARD-Interview. Sein überparteiliches Institut wird vom Kongress finanziert und leistet seit 17 Jahren Aufbauarbeit in Afghanistan.

"Wir haben noch keine offizielle Ankündigung über eine neue Politik oder eine neue Frist gesehen. Wir haben viele Hinweise für die Bereitschaft gesehen, über den 1. Mai hinaus zu bleiben, statt sich an die Buchstaben der Vereinbarung zu halten."

Schließlich hätten sich ja auch die Taliban nicht an alle Punkte der Vereinbarung gehalten, so Walsh. Dazu zähle etwa die Eindämmung der Gewalt oder die Garantie, kein sicherer Hafen für Terroristen mehr zu sein.

Zeit ist auch für Taliban ein Faktor

Aber wie würden die Taliban auf einen verzögerten Truppenabzug reagieren? Walsh meint:

"Sie wären wahrscheinlich empört. Oder würden jedenfalls so tun, als ob. Aber einige Taliban-Anführer sind mittlerweile ziemlich stark im Friedenprozess engagiert. Sie würden natürlich nicht sagen, dass sie wollen, dass die Truppen länger bleiben. Aber sie hätten auch gerne mehr Zeit für Friedensverhandlungen und eine politische Einigung in ihrem Sinne."

Dass die Gewalt noch weiter zunimmt oder völlig außer Kontrolle gerät - gerade das würden die US- und NATO-Kräfte vor Ort verhindern. Und dafür genüge auch die momentane Truppenstärke, erklärt Walsh:

"Das wichtigste, was US- und NATO-Truppen tun, ist: abschrecken. Sie zeigen den Taliban, dass sie unmöglich den Krieg militärisch gewinnen können, solange auch nur eine kleine Präsenz vor Ort ist."

Ein Versprechen steht im Raum

Auch US-Präsident Biden hatte im Wahlkampf versprochen, den sogenannten "forever war", also den "endlosen Krieg" für die Amerikaner so schnell wie möglich zu beenden. Dass der Einsatz nun stattdessen wohl noch länger dauern wird, ist laut Walsh aber innenpolitisch das kleinere Übel:

"Die Kosten für einen Präsidenten, der stattdessen einen kompletten Kollaps in Afghanistan in Kauf nehmen würde, eine neue Terrorbedrohung, eine Flüchtlingskrise - dieses Risiko überragt jeden kurzfristigen politischen Nutzen." 

Wie weiter in Afghanistan? Kompletter US-Abzug zum 1. Mai unwahrscheinlich
Julia Kastein, ARD Washington
17.02.2021 15:14 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 17. Februar 2021 um 16:48 Uhr.

Korrespondentin

Darstellung: