US-Grenze zu Mexiko "Das hier ist keine Krise"

Stand: 29.03.2021 15:16 Uhr

Das texanische Laredo lebt vom Grenzverkehr mit Mexiko. Von der Not der Migranten, die es ohne Dokumente in die USA schaffen wollen, ist dort wenig zu spüren - und doch beschäftigt Bidens Migrationspolitik die Stadt.

Von Sebastian Hesse, ARD-Studio Washington, zurzeit Laredo

Wenn man vom mexikanischen Nuevo Laredo über eine der Fußgängerbrücken, die den Rio Grande überqueren, ins texanische Laredo läuft, dann sieht man als erstes einen gewaltigen Schriftzug: "Bienvenidos a los Outlet Shoppes" - Willkommen in den Outlet-Shops. Parallel zu dem Grenzfluss steht auf US-Seite ein kolossales Einkaufszentrum. Der endlos lange Flachdachbau ist pastellfarben angestrichen, mit Markenlogos gesprenkelt, wirkt wie eine unüberwindliche Mauer - und ist dieser Tage menschenleer.

"Es hat uns seit Ausbruch der Pandemie hart getroffen, dass die Tagesausflügler aus Mexiko nicht mehr kommen durften", erzählt Miguel Conchas, Präsident der Handelskammer von Laredo. Der legale Grenzverkehr zwischen den USA und Mexiko war unmittelbar nach Auftreten der ersten Corona-Fälle fast komplett gekappt worden - auch für mexikanische Tagestouristen, die sonst in Scharen zum Shoppen nach Laredo strömen. "In der Altstadt mussten viele kleine Geschäfte, die nicht zu finanzstarken Ketten gehören, aufgeben", klagt Conchas, "auch Restaurants haben dichtgemacht." Das früher so quirlige Laredo wirkt jetzt am Abend wie eine Geisterstadt.

Shopping Center für Tagestouristen aus Mexiko in Laredo | Bildquelle: Sebastian Hesse
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Das bei Tagesausflüglern beliebte Shopping-Center ist nun menschenleer.

"Für das Lebensgefühl in der Stadt ist das eine Katastrophe", sagt der Bürgermeister von Laredo, Pete Saenz, "Das ist eigentlich noch schlimmer als die wirtschaftlichen Folgen der geschlossenen Grenze. Die Menschen hier haben nicht das Gefühl, dass ihre Lebenswelt am Rio Grande endet." In Laredo beträgt der hispanische Bevölkerungsanteil rund 96 Prozent. Bürgermeister Saenz nennt das Nebeneinander mit Nuevo Laredo eine Symbiose. Immerhin rollte der Güterverkehr weiter: 16.000 Lastwagen und rund 100 Frachtzüge überqueren täglich in beide Richtungen die Grenze.

Güterverkehr über die Grenze bei Laredo | Bildquelle: Sebastian Hesse
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Der Güterverkehr an der texanisch-mexikanischen Grenze rollt wie eh und je.

100.000 illegale Grenzübertritte im Februar

Während der legale Grenzverkehr für Touristen zum Erliegen kam, stieg die Zahl der illegalen Grenzübertritte zur Einwanderung massiv an. Die Zahlen der US-Grenzwache sprechen für sich: Allein im Februar wurden entlang der amerikanisch-mexikanischen Grenze 100.000 illegale Grenzgänger abgefangen, ein Plus von 28 Prozent gegenüber dem Vormonat. Im März waren es noch mehr. Grenzschützer sprechen vom größten Anstieg seit 20 Jahren. Bis Jahresende könnten es zwei Millionen Migranten werden, die es irgendwie in die USA schaffen und sich dort freiwillig den Behörden stellen. In der vagen Hoffnung, nicht gleich wieder abgeschoben zu werden.

Bürgermeister Pete Saenz von Laredo | Bildquelle: Sebastian Hesse
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Bürgermeister Peter Saenz beklagt: Die geschlossene Grenze beeinflusse das Lebensgefühl in der Stadt zum Negativen.

Die einzige Lockerung durch den neuen Präsidenten Joe Biden besteht bislang darin, dass unbegleitete Minderjährige nicht mehr zurückgeschickt werden. 15.000 Kinder und Jugendliche ohne Eltern sind seit Bidens Amtsantritt ins Land gekommen. Sie werden als erstes auf eine Corona-Infektion getestet und dann in abgeschirmten Notunterkünften untergebracht, die mittlerweile aus allen Nähten platzen.

Entsprechend kriegen Grenzstädte wie Laredo von den minderjährigen Migranten gar nichts mit. Auch Reportern wurde bislang kein Zugang zu den Notunterkünften gewährt, worüber sich US-Journalisten massiv bei der Biden-Regierung beschwerten. Das werde sich bald ändern, versprach Präsident Biden vergangene Woche auf seiner ersten Pressekonferenz.

"Unsere Städte sind überfordert"

Am Ufer des Rio Grande, unmittelbar zu Füßen des monströsen Shoppingcenters, sehen einige Einwohner von Laredo das ganz anders: Bei der Protestkundgebung wehen Trump-Flaggen, als sei noch Wahlkampf. Trump als Superman, Trump als Rambo. Banner mit der Aufschrift: "Build the Wall", baut die Mauer. Keiner der Teilnehmer trägt eine Maske. Jedes Mal, wenn auf dem Rio Grande ein Patrouillenboot der Grenzschützer vorbeifährt, brechen Jubel und Beifall aus. Wenn man den zahlreichen Rednern Glauben schenkt, dann bekommt man den Eindruck, Laredo werde seit Beginn der Biden-Präsidentschaft geradezu überrannt von "Illegal Aliens", wie die Flüchtlinge hier genannt werden.

Trump Fahne | Bildquelle: Sebastian Hesse
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Trump als Rambo: Bei einigen findet das auch in Laredo Zuspruch.

Eine der Rednerinnen ist Sandra Whitten. Die 37-Jährige will bei den Midterm-Wahlen im kommenden Jahr Kongressabgeordnete werden. In Sachen Einwanderungspolitik ist sie Hardlinerin: "Unsere Städte sind überfordert, unsere Landkreise sind überfordert, auch unsere Wohlfahrtseinrichtungen", klagt die Mutter von vier Kindern - und gibt den Demokraten die Schuld. Doch in Laredo, der Grenzstadt mit rund 270.000 Einwohnern, ist davon wenig zu spüren.

Sandy Whitten | Bildquelle: Sebastian Hesse
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Sandra Whitten will mit einer Kampagne gegen Migranten in den Kongress gewählt werden.

Weit verbreitete Falschmeldungen

Nur acht Blocks von der Kundgebung entfernt, im Herzen von Laredos Altstadt, liegt das kirchliche Gemeindezentrum "Holding Institute". Seit 1880 stellt es Notunterkünfte für Migranten zur Verfügung. Geleitet wird das Zentrum von Pfarrer Mike Smith. "Trotz der vielen Nachrichten über die angebliche Krise an der Grenze - das hier ist keine Krise! Wir haben das im Griff!", sagt Smith. Hier kommen vor allem Familien aus Mittelamerika unter, die es in die USA geschafft haben und die Mexiko nicht zurücknehmen will.

So wie die Familie von José, die aus Honduras stammt: "Die Reise war schwierig und hart für mich, meine Frau und meine drei Töchter", erzählt er. Zwei Tornados haben seinen Heimatort und auch sein Haus verwüstet. Jetzt will er in den USA genug Geld verdienen, um dann zurückkehren und sein Heim wieder aufbauen zu können. Ansporn für die Reise war auch die Nachricht vom Ende der Trump-Ära in der US-Einwanderungspolitik, die sich wie ein Lauffeuer in Zentralamerika verbreitete. José sagt, er sei Biden dankbar dafür, dass der die Grenze wieder geöffnet habe, die sein Amtsvorgänger abgeriegelt hatte. Die Nachricht von der Grenzöffnung stimmt zwar nicht, aber dieses Gerücht wird nicht zuletzt von den Menschenschmugglern gestreut, die Verzweifelten wie José Unsummen dafür abnehmen, sie über Mexiko illegal in die USA zu bringen.

Auf Stimmenfang mit Anfeindungen

Laredo ist bislang gut in der Lage, den Anstieg zu verkraften. Das bestätigt auch Bürgermeister Pete Saenz: "Glücklicherweise haben wir die Nichtregierungs-Organisationen, die die Migranten nicht nur unterbringen, sondern ihnen auch weiterhelfen - beim Umgang mit Behörden, bei der Weiterreise, bei der Arbeitssuche."

In Laredo gebe es sehr wohl Jobs für Einwanderer wie José aus Honduras, sagt Handelskammer-Präsident Miguel Conchas. "Die meisten, die aus Mexiko herüberkommen, wollen doch gar keine US-Staatsbürger werden", weiß er. "Die wollen arbeiten, um ihren daheimgebliebenen Verwandten Geld schicken zu können." Es gäbe eine einfache Lösung: "Warum können wir ihnen keine befristete Arbeitserlaubnis erteilen?", fragt Conchas.

Grenzanlagen Laredo | Bildquelle: Sebastian Hesse
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Von einer Überforderung an den Grenzanlagen ist in Laredo wenig zu spüren.

Der Anwalt Carlos Flores glaubt nicht, dass eine solche Lösung im gegenwärtigen politischen Klima mehrheitsfähig wäre: "Derzeit will die politische Rechte gar nicht über Lösungen reden", klagt er. "Die wollen Migranten dämonisieren und damit auf Stimmenfang gehen!"

Nun liegt es in den Händen von US-Vizepräsidentin Kamala Harris, eine nachhaltige Einwanderungspolitik zu formulieren. Doch wie immer es ausgeht: Laredo hat noch jede Einwanderungsdebatte mit einer gewissen Gelassenheit verfolgt. "Washington liebt nun einmal Krisengerede", schmunzelt Conchas achselzuckend. "Aber für uns hat illegale Einwanderung schon immer zum Alltag gehört!"

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. März 2021 um 06:26 Uhr.

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