Das Luftbild zeigt einen Teil der Andamanen-Inseln im Indischen Ozean. | Bildquelle: AFP

Indische Andamanen-Inseln Coronavirus bedroht Ureinwohner

Stand: 29.08.2020 13:20 Uhr

Auf den Andamenen-Inseln im Indischen Ozean leben viele Ureinwohner-Stämme abgeschieden von der Zivilisation. Doch sogar sie sind nun vom neuartigen Coronavirus bedroht. Erste Infektionen wurden nachgewiesen.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Sie leben abgeschottet von der Zivilisation auf einsamen Inseln - trotzdem ist das Coronavirus zu ihnen vorgedrungen: Auf den abgelegenen indischen Andamanen-Inseln haben sich mindestens zehn Ureinwohner eines Stammes, der ohnehin nur rund 50 Mitglieder zählt, mit dem Virus infiziert.

Corona-Maßnahmen auf der Inselgruppe vorzunehmen, sei nicht leicht, sagt Avijit Roy, Leiter der regionalen Gesundheitsbehörde. "Wir setzen alles daran, den Stammesgemeinschaften zu helfen. Die Regierung stellt Hubschrauber und Schiffe zur Verfügung, wir haben die gefährdeten Gruppen auf entlegene Inseln gebracht und testen sie nun." Es sei also alles unter Kontrolle, sagt der Amtsarzt.

Erste Besiedlung der Inseln vor 55.000 Jahren

Das aber sehen viele Hilfsorganisationen anders und warnen davor, dass gerade die Stammesgemeinschaften auf den Andamanen besonders gefährdet seien durch Corona. "Die verschiedenen Ureinwohner mussten schon seit den Briten so viele Krankheiten hier durchmachen, die sie zuvor gar nicht gekannt hatten", sagt ein Aktivist, der namentlich nicht genannt werden möchte. "Bei der Gruppe der 'Groß-Andamanen' zum Beispiel sind durch die Krankheiten viele Menschen gestorben. Noch vor 100 Jahren gab es 5000 von ihnen. Heute sind es gerade einmal mehr als 50."

Auf den Andamanen, die einst von den Briten kolonisiert wurden, leben viele unterschiedliche Volksstämme. Bei einigen wird vermutet, dass sie direkte Nachfahren der ersten Menschen sind, die vor ungefähr 55.000 Jahren auf ihrer Wanderung aus Afrika die Inselgruppe besiedelten. Bislang sind noch längst nicht alle Stammesgemeinschaften getestet worden.

Junger Missionar wurde mit Pfeilen getötet

Dies sei zum Beispiel bei den Sentinelesen auch nicht nötig, sagen die indischen Behörden. Sie seien völlig isoliert von der Außenwelt, lebten als Jäger und Sammler auf einer kleinen tropischen Insel. Um sie herum gebe es eine Sperrzone von drei Kilometern, die von der Küstenwache beschützt werde. Dennoch: Vor zwei Jahren hatte es ein US-Amerikaner geschafft, auf die Insel vorzudringen - ein junger Missionar, der die Inselbewohner vom Christentum überzeugen wollte. Er bezahlte mit seinem Leben.

Immer wieder waren Menschen, die versucht hatten, sich der Insel zu nähern, mit Pfeilen attackiert worden. Sogar ein Helikopter wurde getroffen, der nach dem Tsunami im Jahr 2004 in der Region nach Überlebenden gesucht hatte. Zum Erstaunen der Forscher überlebten die Einwohnerinnen und Einwohner der Insel die Naturkatastrophe.

Acht Fischer wegen Eindringen in Schutzgebiete verhaftet

Immer wieder aber wagen sich auch Fischer in die Region vor. Erst vor Kurzem wurden acht verhaftet, die illegal in beschützte Gebiete eingedrungen waren. Kritiker sind deshalb skeptisch, ob die Ureinwohner tatsächlich so sicher vor dem Virus sind, wie von den Behörden behauptet wird: "Meine Frage ist: Wenn so viel unternommen wurde, um sie zu schützen, wie konnten sich dann schon jetzt fast 20 Prozent der einen Stammesgruppe anstecken?", sagt ein Aktivist.

Auf den Andamanen leben insgesamt knapp 350.000 Menschen. Auf zehn von 37 bewohnten Inseln sind bereits Coronafälle entdeckt worden. Offiziell sind mehr als 40 Menschen an dem Virus gestorben.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 30. August 2020 um 17:20 Uhr.

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