Die deutsche Kapitänin Carola Rackete | Bildquelle: REUTERS

Rackete nach Anhörung "Es sollte um die Sache gehen"

Stand: 18.07.2019 17:32 Uhr

Beihilfe zu illegaler Einwanderung und Widerstand gegen ein Kriegsschiff lauten die Vorwürfe gegen "Sea-Watch 3"-Kapitänin Rackete. Nach der Anhörung durch die Staatsanwaltschaft in Sizilien richtete sie einen Appell an die EU.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Knapp vier Stunden lang beantwortete Carola Rackete die Fragen der Staatsanwälte. Danach präsentierte sich die "Sea-Watch 3"-Kapitänin konzentriert, aber freundlich den vor dem Gerichtsgebäude wartenden Journalisten für ein sehr kurzes, offensichtlich mit ihren Anwälten abgesprochenes Statement.

Rackete gab sich zufrieden mit dem Verlauf der Befragung. "Ich bin sehr glücklich, dass ich heute die Möglichkeit hatte, alle Details der Situation der Rettung vom 12. Juni darzulegen", sagte sie.

Anwalt: "Die Sachen waren ganz einfach"

Es ging um die Rettungsaktion, in deren Verlauf die "Sea-Watch 3" vor der libyschen Küste 53 Menschen aus einem - nach Angaben Racketes - nicht seetüchtigen Boot an Bord genommen hatte. Racketes Anwalt, Alessandro Gamberini, sagte, seiner Meinung nach habe seine Mandantin in der Befragung klarstellen können, dass sie rechtmäßig handelte.

"Die Sachen, die zu sagen waren, waren ganz einfach", so Gamberini. Es sei eine Seenotrettung gewesen, die allen Gesetzesvorgaben "und den dramatischen Umständen, die es in diesen Fällen gibt", gerecht geworden sei. "Es ist eine Angelegenheit, die unserer Ansicht nach klar ist. Hier irgendwelche merkwürdigen Ideen zu entwickeln bezüglich der Rettungsmissionen von 'Sea-Watch' ist offen gesagt abwegig."

Trotz Verbots in den Hafen eingefahren

Die Staatsanwälte befragten Rackete, weil sie ihr unter anderem Beihilfe zur illegalen Einwanderung sowie Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und gegen ein Kriegsschiff vorwerfen. Rackete war Ende vergangenen Monats, nach einem wochenlangen Tauziehen mit den italienischen Behörden trotz eines Verbots in den Hafen von Lampedusa eingefahren und hatte dabei ein Boot der Finanzpolizei gerammt.

Zu Details dessen, was sie vor den Staatsanwälten in den vier Stunden der Befragung sagte, äußerten sich weder die Kapitänin noch ihre Anwälte. Das ist keine große Überraschung. Nach wie vor handelt es sich um ein laufendes Verfahren.

Appell an die EU

Rackete aber nutzte ihren kurzen öffentlichen Auftritt nach der Anhörung noch für eine politische Botschaft an die Europäische Kommission - in Sachen Libyen und Flüchtlingsverteilung. "Es ist mir sehr wichtig, wirklich darauf aufmerksam zu machen, dass es gar nicht um mich als Person gehen soll, es sollte um die Sache gehen", sagte Rackete. "Wir haben Tausende Flüchtlinge in einem Bürgerkriegsland, die dort eigentlich dringend evakuiert werden müssten. Und ich erwarte von der Europäischen Kommission insbesondere, dass sie sich dazu einigt, wie die Bootsflüchtlinge in Europa aufgeteilt werden sollen."

Die deutsche Kapitänin Carola Rackete mit der Sprecherin von "Sea Watch", Giorgia Linardi, links. | Bildquelle: dpa
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Rackete mit der Sprecherin von "Sea Watch", Giorgia Linardi, links. Nach der Befragung müssen die Staatsanwälte entscheiden, ob es zum Prozess kommt.

Rackete nicht mehr Teil der "Sea-Watch 3"-Crew 

Racketes Anwalt Gamberini betonte, dass es nach Auffassung der Rettungsorganisationen in Libyen keinen sicheren Hafen gebe. Statt eine Organisation wie Sea-Watch zu kriminalisieren, so der Verteidiger, sei es an den europäischen Staaten, die Seenotrettung vor der libyschen Küste zu organisieren.

Rackete selbst, so Gamberini, sei nicht mehr Teil der aktuellen "Sea-Watch 3"-Crew. Sie mache jetzt etwas anderes. Bei den Rettungsorganisationen ist es üblich, dass sie ihre Crew nach Einsätzen austauschen. Rackete sagte, dass sie jetzt nach Deutschland zurückkehren werde.

Nach der Befragung müssen die Staatsanwälte entscheiden, ob sie ihre Vorwürfe gegen die deutsche Kapitänin weiterverfolgen und ob es dann möglicherweise zu einem Prozess kommt. Angesichts der Darstellungen Racketes ist es denkbar, dass die Behörden ihre Ermittlungen einstellen. In den vergangenen Tagen haben die Staatsanwälte angedeutet, dass eine solche Entscheidung möglicherweise erst nach dem Sommer fällt.

Nach Rackete-Anhörung: Kapitänin und Anwalt zufrieden
Jörg Seisselberg, ARD Rom
18.07.2019 16:30 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. Juli 2019 um 17:20 Uhr.

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