Corona-Pandemie Indonesien impft die Jüngeren zuerst

Stand: 15.01.2021 08:44 Uhr

Indonesien will zwei Drittel seiner 270 Millionen Bewohner in den nächsten 15 Monaten impfen. Anders als im Rest der Welt sollen hier aber zuerst die Jüngeren zwischen 18 und 59 Jahren geimpft werden.

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Singapur

Lächelnd krempelt Indonesiens Präsident Joko Widodo den Ärmel hoch und lässt sich die erste Impfung des Landes verpassen - "hat gar nicht wehgetan", sagt er und tritt dann ans Mikrofon: "Die Covid-19-Impfung ist ein wichtiger Schritt, um die Ansteckungskette zu durchbrechen, um unsere Gesundheit und uns alle zu schützen", verkündet er. "Sie gibt den Menschen Indonesiens ihren Seelenfrieden zurück."

Widodo strahlt, als hätte er diesen Seelenfrieden jetzt per Injektion erhalten. Der Präsident ist 59 Jahre alt - und damit gerade noch in der Zielgruppe derer, die in Indonesien mit als Erste geimpft werden sollen. Nach dem medizinischen Personal, Beamten und religiösen Führern sollen es nämlich zunächst die 18- bis 59-Jährigen sein. Das hat mehrere Gründe: Zum einen ist der chinesische Impfstoff in Indonesien nur an ihnen getestet worden, daher sollen die Älteren abwarten, bis das Gesundheitsministerium sie über die Sicherheit des Impfstoffs informieren kann, so heißt es offiziell. Zum anderen gelte: "Es wird helfen, die Wirtschaft wieder anzukurbeln", so Widodo.

Gemäß der alten Regel: "It’s the economy, stupid." Die arbeitende Bevölkerung soll als erste Sicherheit erhalten, damit sie wieder ans Werk gehen kann, aber dabei nicht die Krankheit mit nach Hause zu den Alten und Schwachen bringt - viele Indonesier leben in Mehr-Generationen-Haushalten.

Impftermin kommt per SMS

Diese Impfstrategie ist das Gegenteil der weltweit üblichen, doch sie trifft auf Zustimmung - wie bei der 35-jährigen Aninda Fauzia: "Ich finde es richtig, mit den produktiven Jungen zu beginnen, denn nach der Pandemie ist es wichtig, dass die Wirtschaft wieder in Gang kommt. Und diese Altersgruppe ist die, die hart arbeitet und sich in der Öffentlichkeit aufhält."

Fauzia selbst leidet an einer Autoimmunkrankheit und kann deshalb zu diesem Zeitpunkt noch nicht geimpft werden. Sie muss warten, bis weitere Forschung ihre Sicherheit garantiert, sagt sie: "Aber wer auch immer die Chance auf eine Impfung hat, sollte sie nicht verschwenden, das meine ich ernst."  Etwa 25.000 Menschen sind in Indonesien bisher an Covid-19 gestorben, es gab rund 860.000 Infektionen, und die Fallzahlen steigen rapide.

In dem handy-fixierten Land, wo die wichtigsten Dinge des täglichen Lebens über das Mobiltelefon abgewickelt werden, wird per SMS informiert, wer wann einen Impftermin bekommt. Und dann sollte man diesen auch nicht ablehnen - sonst drohen ein Jahr Gefängnis und hundert Millionen Rupiah Geldstrafe, umgerechnet 6000 Euro.

Indonesier befürworten Impfstrategie

Die Regierung hat auch Influencer für die erste öffentliche Impfung ausgewählt, die die jüngere Zielgruppe erreichen sollen. Das scheint zu funktionieren, wie bei Sebastianus, 41 Jahre alt: "Ich bin für die Strategie, die Jungen zuerst zu impfen, denn sie sind die Generation, die die Entwicklung des Landes schultert", sagt er. Covid beeinflusse ja nicht nur die Gesundheit, sondern alle Aspekte des Lebens - gesellschaftlich und wirtschaftlich. "Und darum bin ich bereit, mich impfen zu lassen, als meinen Beitrag zum Schutz der Gesellschaft", sagt Sebastianus. Dass es die chinesische Impfung Sinovac ist, stört ihn nicht - wenn die indonesische Gesundheitsbehörde ihr Okay gegeben habe, dann sei es sicher.

Die Impfung erfüllt die Mindestwirksamkeit von 50 Prozent, die die Weltgesundheitsorganisation vorgibt: In klinischen Tests unter Indonesiern zwischen 18 und 59 Jahren hatte sie eine Wirksamkeit von 65,3 Prozent. 

180 Millionen Impfungen in 15 Monaten

Zudem benötigt die chinesische Version des Impfstoffs keine so niedrigen Kühltemperaturen wie andere - in einem Land, das auf dem Äquator liegt, in dem also durchgängig tropische Temperaturen herrschen, ein wichtiger Faktor. Außerdem ist die Impfung vom Obersten Rat der Muslime Indonesiens für halal, also rein, erklärt worden - auch das ist entscheidend im Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt.

"Aber selbst wenn sie es nicht wäre", meint ein 19-jähriger Koranstudent, "wäre es in Ordnung: Das ist ein Notfall, und nach den Aufzeichnungen des Propheten Mohammed darf man in Notfällen auch Medizin nehmen, die nicht-halal ist."

180 Millionen von den 270 Millionen Bewohnern Indonesiens sollen in den nächsten 15 Monaten geimpft werden. Das Land erstreckt sich über 5000 Kilometer auf 17.000 Inseln, viele Orte sind teilweise nur per Fähre, per Flugzeug oder über schlechte Straßen zu erreichen. Die landesweite Impfung ist ein ambitioniertes Unterfangen, egal, ob man bei Alten oder Jungen anfängt.

Indonesien impft die Alten erst später
Lena Bodewein, ARD Singapur
15.01.2021 08:11 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 15. Januar 2021 um 10:35 Uhr.

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