Israel Der Impfstoff, den viele nicht wollen

Stand: 11.02.2021 02:16 Uhr

Israel, die selbst ernannte "Impfnation", steht vor einer neuen Herausforderung. Der lagernde Impfstoff muss teilweise entsorgt werden, weil die Impfbereitschaft oft zu gering ist.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Auf dem Rabinplatz in Tel Aviv steht seit Anfang des Jahres ein riesiges Zelt. Mit automatischen Ansagen werden dort die Patientinnen und Patienten zur Corona-Schutzimpfung aufgerufen. Noch vor ein paar Wochen war der Andrang groß. Doch an diesem Nachmittag stehen zeitweise nur etwa 10 Menschen vor dem Eingang. Und auch im Zelt ist es ziemlich leer.

200.000 Menschen sollen in Israel pro Tag geimpft werden. Aktuell wird nur die Hälfte dieses Ziels erreicht. Impfzentren stehen teilweise leer. Es gibt sogar Berichte, dass Impfdosen am Ende des Tages ungenutzt weggeworfen werden mussten.

Mediziner bestürzt

Traurig mache sie das, sagt Yael Paran, Ärztin für Infektionskrankheiten am Ichilov Krankenhaus in Tel Aviv.

"Wir Ärztinnen und Ärzte kennen die Daten. Wir wissen, wie effektiv die Impfung ist. Wir müssen bei uns kaum noch Patienten aufnehmen, die beide Impfdosen bekommen haben. Deswegen sollte jede Impfdosis, die wir haben, in einen Arm gelangen."

Die gute Nachricht für Israel:  In sehr hohen Altersgruppen sowie bei Risikopatienten haben sich fast alle impfen lassen. Die schlechte: Umso jünger, desto geringer die Impfbereitschaft. Dabei können sich mittlerweile alle Israelis über 16 impfen lassen.

Altersgruppen mit hohen Infektionsraten besonders skeptisch

Laut einer Umfrage des Senders KAN hat etwa ein Drittel der Bevölkerung Bedenken. Und ausgerechnet in den Teilen der Bevölkerung, in denen die Infektionsraten besonders hoch sind, scheint auch die Impfskepsis größer zu sein. Bei den Ultra-Orthodoxen und arabischen Israelis sind die Impfquoten deutlich niedriger als im Gesamtdurchschnitt. Doch auch die säkulare Israelin Tamila Nazarov, Mitte 20, hat Bedenken.

"Ich habe Angst, mich impfen zu lassen", sagte sie dem israelischen Fernsehkanal 12. "Das ist doch keine Impfung, das ist noch eine Studie. Niemand kennt die langfristigen Nebenwirkungen."

Nazarov engagiert sich in Facebook-Gruppen von Impfgegnern. Dort werden teilweise Unwahrheiten verbreitet. Außerdem riefen die Impfgegnerinnen dazu auf, zum Schein Termine in Impfzentren zu machen und die dann nicht wahrzunehmen, damit der Impfstoff weggeschmissen werden muss. Israels Regierung geht inzwischen gegen die Facebook-Gruppen vor.

"Auch ohne Impfungen wollen wir das Recht haben, in Geschäfte zu gehen, Partys und Restaurants zu besuchen. Wir sind keine Bürger zweiter Klasse."

"Grüne Pässe" für Geimpfte

Die Impfgegner wehren sich gegen Pläne der israelischen Regierung, schon bald sogenannte "Grüne Pässe" einzuführen. Wer zwei Dosen der mRNA-Impfstoffe bekommen hat, soll nach ein paar weiteren Tagen etwa Restaurants besuchen dürfen. Alle anderen müssen draußen bleiben. Manche Kommunen planen sogar, Geimpften bestimmte Steuern zu erlassen.

Yael Paran, die Ärztin für Infektionskrankheiten, unterstützt solche Pläne. Sie hofft, dass damit die Impfbereitschaft auch bei den Jüngeren endlich steigt.

"Ich bin gegen Zwang. Es gibt Studien, dass Zwang normalerweise nicht zu höheren Impfquoten führt. Vorteile für Geimpfte sind aber keine Sanktionen. Und wir haben vielversprechende Daten, die das rechtfertigen. Dass von Geimpften eine geringere Wahrscheinlichkeit ausgeht, andere anzustecken."

Israel hat eine der höchsten Infektionsraten der Welt

Doch wenn die Impfbereitschaft weiterhin teilweise niedrig bleibe, könne sich das Virus weiter ausbreiten, sagt die Ärztin. Obwohl die meisten älteren Israelis geimpft sind, hat Israel aktuell eine der höchsten Infektionsraten der Welt.

"Die jungen Leute haben ja Recht: Bei ihnen ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass es einen schweren Verlauf von Covid-19 gibt. Aber bei so hohen Infektionszahlen sehen wir auch bei ihnen verstärkt schwere Fälle."

Die Patientinnen und Patienten auf Israels Intensivstationen werden jünger. 40, 50 Jahre alt seien sie, sagt die Ärztin, manchmal jünger. Israels Regierung hat immer wieder versprochen, dass das Land im März zu weitgehender Normalität zurückkehren könne. Dieses Ziel sei nun in Gefahr, sagt die Ärztin Paran.

Israels neues Problem: Viel Impfstoff, weniger Impfbereitschaft
Benjamin Hammer, ARD Tel Aviv
11.02.2021 06:37 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. Februar 2021 um 06:00 Uhr.

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