Zwischenfall in Atomanlage Natans "Es ist ein verdeckter Krieg"

Stand: 12.04.2021 17:08 Uhr

Der Iran macht Israel für den Zwischenfall in der Atomanlage Natans verantwortlich. Israel selbst hält sich bedeckt - doch Beobachter warnen, es könnte eine gefährliche Schwelle überschritten werden.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Man tritt dem US-Verteidigungsminister nicht zu nahe, wenn man sagt, dass er nach seinem Besuch in Jerusalem eine eher trockene Rede hielt. Das Wort, das alle interessierte, nahm Lloyd Austin jedenfalls nicht in den Mund: Iran. Stattdessen sprach er nur von der guten Zusammenarbeit zwischen den USA und Israel.

Dabei reiste der US-Verteidigungsminister in einer sehr spannungsreichen Zeit in die Region. Der Iran macht Israel für den jüngsten Stromausfall in der Atomanlage Natans verantwortlich. Es soll zu einer schweren Explosion gekommen sein und zu Schäden von Zentrifugen, die Irans Atomprogramm um mehrere Monate zurückwerfen könnten. Laut der "New York Times" steckt in der Tat Israel hinter dem mutmaßlichen Angriff.

Von der israelischen Regierung heißt es: kein Kommentar. Traditionell werden vermeintliche Angriffe von Israel weder bestätigt noch dementiert. So machte es auch Israels Premierminister Benjamin Netanyahu. Trotzdem wurde er nach seinem Treffen mit dem US-Verteidigungsminister deutlich: "Der Iran hat nie aufgehört, nach Atomwaffen zu streben", sagte er. "Herr Verteidigungsminister, wir sind uns einig, dass der Iran niemals Atomwaffen besitzen darf. Israel wird sich auch in Zukunft verteidigen gegen Irans Aggression und Terrorismus."

"Ein verdeckter Krieg"

Von Terrorismus spricht auch die iranische Seite - und droht mit Rache. Israel kennt diese Situation. Denn auch ein weiterer Angriff auf die Atomanlage Natans im vergangenen Sommer sowie die Ermordung eines iranischen Atomwissenschaftlers vor fünf Monaten werden Israel zugeschrieben. Kürzlich wurde bekannt, dass Israel und der Iran bereits seit Jahren zivile Schiffe ihrer Länder gegenseitig beschädigen.

Amos Yadlin, früher Chef des israelischen Militärgeheimdienstes, bereitet das Sorgen. "Es ist kein direkter Krieg", sagte er im israelischen Parlamentsfernsehen. "Es ist ein verdeckter Krieg. Der wird bis zu einer gewissen Schwelle geführt, die niemand übertreten will, weder die Iraner noch die Israelis. Aber das Problem an dieser Strategie liegt darin, dass eine der Seiten einen Fehler begehen könnte. Dann wird die Schwelle übertreten und die andere Seite sieht sich gezwungen, zu reagieren."

Warum gerade jetzt?

Auch Eldad Shavit arbeitete einst für den israelischen Militärgeheimdienst. Er sorgt sich, dass Israels angebliche Angriffe über die Medien zumindest inoffiziell immer wieder bestätigt werden. Das erhöhe den Druck auf den Iran, mit einem Gegenschlag zu reagieren.

Den ehemaligen Geheimdienstler treibt eine andere Frage um: Warum kam es ausgerechnet jetzt zu dem Vorfall? In einer Zeit, in der die USA und der Iran in Wien indirekt über das Atomabkommen verhandeln? Ein Abkommen, das Premier Netanyahu in seiner aktuellen Form entschieden ablehnt. "Natürlich können die Aktivitäten Teil von Israels Versuch sein, Irans Atomprogramm zu stören", sagt Shavit. "Es könnte aber auch sein, dass Israel die Bemühungen torpedieren will, das Atmoabkommen wiederzubeleben."

Die Optimisten in Israel glauben, dass die Position des Iran bei den Verhandlungen in Wien durch den schweren Schaden in Natans geschwächt wurde. Die Pessimisten fürchten, dass der Bogen bald überspannt sein könnte - dass sich der Iran veranlasst sieht, heftiger zurückzuschlagen.

Nach Angriff auf iranische Atomanlage: US-Verteidigungsminister besucht Israel
Benjamin Hammer, ARD Tel Aviv
12.04.2021 16:37 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. April 2021 um 18:00 Uhr.

Darstellung: