Nach Putsch in Myanmar Angst vor Rückkehr in eine "finstere Zeit"

Stand: 02.02.2021 08:38 Uhr

Weltweit sorgt der Militärputsch in Myanmar für Empörung: Die Streitkräfte haben in der Nacht die Regierung gestürzt, die Staatschefin festgesetzt. Die Bewohner wollen Chaos verhindern.

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Singapur

Auf den Straßen von Yangon, der größten Stadt von Myanmar, scheint alles normal zu sein. Beim Tee, am Nudelstand unterhalten sich die Menschen - nur ihre Gesprächsthemen sind alles andere als normal, sagt eine junge Frau, die ihren Namen aus Angst jedoch lieber nicht nennen möchte.

"Auf der Straße sprechen sie über die durchtrennten Telefonleitungen. Die alten Männer am Tee-Stand reden darüber, wie das Militär all das vorbereiten konnte", sagt sie. Der Mann am Nudelstand berichtet, dass jetzt alle panisch Vorräte kaufen, weil sie Angst haben, dass die Lebensmittel knapp werden."

Militär begründet Putsch mit Wahlbetrug

Während Soldaten vor dem Rathaus in Yangon stehen und in der Hauptstadt Naypidaw Panzer die Straßen sperren, klebt an einer Hauswand ein Plakat: Eine lächelnde Aung San Suu Kyi ist darauf zu sehen, die neue Regierung wird im Amt begrüßt. Was für ein Hohn.

Eigentlich sollte das Parlament am Montag zu seiner ersten Sitzung zusammenkommen - die Nationale Liga für Demokratie NLD von Aung San Suu Kyi hatte die Wahlen im vergangenen November haushoch gewonnen. Seitdem wurde das Militär nicht müde, Betrug bei den Wahlen zu sehen.

Wahlen liefen für Oberbefehlshaber enttäuschend

"Die militärnahe Partei USDP hat nur wenige Sitze erringen können", sagt Melissa Crouch, Professorin für die Politik Myanmars an der Universität New South Wales in Australien. "Das war enttäuschend für den Oberbefehlshaber: Er hatte gehofft, dass seine Partei ein Drittel der Sitze bekäme und er darum Präsident würde."

Am Montag riss Min Aung Hlaing die Macht per Putsch an sich. Nach dem einjährigen Notstand, den die Streitkräfte verkündeten, soll es freie und faire Wahlen geben - und deren Sieger solle dann die neue Regierung bilden.

Nach dem Putsch bildeten sich an einigen Bankautomaten lange Schlangen. | Bildquelle: REUTERS
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Nach dem Putsch bildeten sich an einigen Bankautomaten lange Schlangen.

Aufenthaltsort der geputschten Regierung unbekannt

Wo sich die Siegerin der vergangenen Wahlen aufhält, ist unbekannt. Aung San Suu Kyi wurde, wie auch der Staatspräsident Win Myint und mehr als 40 weitere Politiker der NLD, in der Nacht zu Montag festgesetzt oder mitgenommen. Unterstützer des Militärs jubelten, versammelten sich Fahnen schwenkend auf den Straßen von Yangon oder tranken zur Feier des Tages.

Ein Aufruf zur Revolte oder zumindest zum Protest, der angeblich von Aung San Suu Kyi stammen soll, wird von vielen als Fälschung abgetan, womöglich sogar von Seiten des Militärs. Das wolle damit Unruhe stiften und sich im Chaos dann als Retter der Ordnung präsentieren.

Bewohner verhalten sich ruhig, um Chaos zu verhindern

Also verhalten sich die meisten Bewohner ruhig, viele bleiben einfach zuhause - nicht etwa, wie einer auf Facebook schreibt, weil er sich an die Vorschriften des Militärs halte. Sondern weil er aus Vernunft Chaos und die Verbreitung von Corona verhindern wollte.

Myanmar ist im Schock, das Land stürzt wieder in einen Zustand, den es fünfzig Jahre lang ertragen hatte: Bis 2011 war Myanmar eine Militärdiktatur. Viele Bewohner berichteten, dass diese Erlebnisse in ihre DNA übergegangen sind, sagt eine junge Frau, die ungenannt bleiben möchte.

"Ich bin sehr besorgt, denn ich habe diese Dunkelheit schon einmal erlebt und ich will diese finstere Zeit nicht noch einmal durchmachen müssen. Es bedeutet, in Ungewissheit zu leben, ein Leben in Angst."

Der Morgen nach dem Militärputsch in Myanmar
Lena Bodewein, ARD Singapur
02.02.2021 08:17 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 02. Februar 2021 um 06:13 Uhr.

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