Massenproteste in Myanmar Schockierende Berichte über Polizeigewalt

Stand: 09.04.2021 12:37 Uhr

Sie verprügeln Sanitäter, feuern Gewehr-Salven in Privatwohnungen und erschießen Kinder. Die Brutalität der Sicherheitskräfte in Myanmar kennt offenbar gar keine Grenzen mehr.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Singapur

Topfdeckelschlagend, nach Freiheit rufend, mit Kerzen in den Händen ziehen Frauen und Männer durch die Nacht von Yangon. Es gehört viel Mut dazu, in diesen Tagen auf der Straße zu protestieren. Polizei und Armee werden mit jedem Tag, den der Widerstand andauert, aggressiver. Sie prügeln mit Knüppeln auf Ärzte und Sanitäter ein. Sie schießen mit Sturmgewehren auf Kopf und Brust von Frauen, Männern und Kindern.

Aber auch in ihren Wohnungen sind die Menschen nicht sicher. Umherziehende Sicherheitskräfte feuern immer wieder wahllos Gewehr-Salven in Wohnungen. Mehr als 600 Menschen verloren ihr Leben seit dem Putsch am 1. Februar, davon 44 Kinder. Sie wurden erschossen oder im Polizeigewahrsam totgeprügelt.

Proteste mit roter Farbe

Panzer rollen durch die Städte, zahlreiche Polizei- und Militärkräfte kontrollieren die Straßen, berichtet die Mitarbeiterin des ARD-Radios in Myanmar: "Die Sicherheitsmaßnahmen sind strenger als je zuvor. Ich bin dreimal kontrolliert worden, als ich in die Stadt fuhr, um das Internet zu benutzen. Letzte Nacht habe ich wieder Schüsse und Explosionen gehört. Soweit ich gehört habe, sind sie gegen die Blut-Protestler vorgegangen, die mit künstlichem Blut demonstriert haben", erzählt sie.

Die Blut-Protestler, das sind jene jungen Leute, die Plastikbeutel mit roter Farbe auf Straßen und Plätze schleuderten. "Die rote Farbe steht für das Blut unserer gefallenen Helden", erklärt ein Demonstrant, "es ist die Botschaft, dass ihr Blut noch nicht trocken ist. Und eine Warnung an die Soldaten, dass es bald ihr Blut sein wird, das fließt."

Rebellen schließen sich zusammen

Schon rufen auch im bislang friedlichen Widerstand einige zu Gewalt gegen die Militärjunta auf. Im Karen-Staat, in Rakhine und Kachine - wo die Armee weiter gegen Separatisten-Milizen kämpft - haben die bewaffneten Rebellengruppen angekündigt, sich zum Kampf gegen die Militärjunta zusammenzuschließen. Ein Bürgerkrieg liegt in der Luft.

Was die Junta zum Anlass nimmt, noch brutaler gegen die Proteste vorzugehen. Für sie sind es Terroristen, die da mit Dreifingergruß und dem Porträt Aung San Suu Kyis durch die Städte ziehen. Voller Angst, aber entschlossen, lieber zu sterben als zurückzufallen in die finsteren Zeiten der Militärdiktatur.

Ein Demonstranten zeigt den Drei-Finger-Gruß des Widerstandes | Bildquelle: AP
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Der Dreifingergruß ist zum Symbol des Widerstands geworden

Bargeld wird knapp

Unsere Mitarbeiterin hat Yangon, die größte Stadt Myanmars, inzwischen verlassen. Es ist ihr zu gefährlich geworden. Außerdem braucht ihre Mutter sie im Heimatdorf, der Vater wird per Haftbefehl von der Armee gesucht.

Noch sei die Versorgungslage erträglich, berichtet sie: "Die Preise für Lebensmittel sind nur geringfügig gestiegen, aber Gas zum Kochen ist sehr teuer geworden. Das Militär übt Druck auf die Banken aus, wieder zu öffnen, aber viele weigern sich. Es gibt jedenfalls kein Bargeld mehr an den Automaten."

Massives Vorgehen gegen Künstler und Journalisten

Mehr und mehr geraten auch Künstler ins Visier der Militärjunta. Mehr als 100 Filmemacher, Schauspieler und Sänger wurden festgenommen, erst gestern Paing Takhon, Model und Schauspieler mit Millionen Fans in Myanmar und Thailand. Der 24-Jährige hatte sich mit dem Widerstand gegen die Junta solidarisiert und wurde um 5 Uhr Morgens von 50 Soldaten aus dem Haus seiner Mutter abgeholt. Vergangene Woche war der bekannteste Comedian des Landes,  Zarganar, festgenommen worden.

Myanmar Schauspieler und Model Paing Takhon protestiert in Yangon | Bildquelle: REUTERS
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Schauspieler und Model Paing Takhon bei Protesten in Yangon. Inzwischen wurde er festgenommen.

Journalisten werden schon seit längerem gezielt angegriffen, eingesperrt und wegen Aufwiegelung angeklagt. Trotzdem riskieren Reporter täglich ihr Leben, um die Bilder von den grausamen Übergriffen der Sicherheitskräfte ins Internet zu stellen.

Kommenden Montag beginnt das buddhistische Neujahr. Die Militärjunta will, dass Familien zusammenkommen und feiern wie sonst auch. Doch die meisten Menschen werden wohl trauern statt zu feiern. Trauern um die Helden - wie es heißt - die ihr Leben gegeben haben im Protest gegen die Diktatur.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 09. April 2021 um 11:21 Uhr.

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