Kremlgegner im Hungerstreik Alexej Nawalny erhöht den Einsatz

Stand: 01.04.2021 19:25 Uhr

Um seine medizinische Behandlung zu erzwingen, befindet sich Kremlgegner Nawalny im Hungerstreik. Das dürfte die Leitung des Straflagers und die Behörden durchaus umtreiben.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Die Nachricht, dass Alexej Nawalny in einen Hungerstreik geht, verbreitete sich in den sozialen Netzwerken in Windeseile. Vertraute und enge Mitarbeiter reagierten alarmiert: Es müsse ihm sehr schlecht gehen, schrieben sie. Denn er habe einen solchen Schritt immer als die letzte, radikale politische Methode bezeichnet, zu der man nur greife, wenn man bereit sei, bis zum Ende zu gehen.

Nun will der Kreml-Kritiker so lange das Essen verweigern, bis ein Arzt zu ihm ins Straflager vorgelassen wird. Er klagt über Rückenschmerzen und Lähmungserscheinungen in den Beinen. Aber ist die Lage wirklich so ernst? Eine Frage, die zuletzt viele politische Beobachter und Journalisten in Russland umtrieb. Es wurde debattiert und spekuliert. Doch es fehlt an unabhängigen Quellen zum Zustand Nawalnys.

Nawalny bleibt keine andere Wahl

Der russische Politologe Gleb Pawlowskij teilte im TV-Sender Doschd die Ansicht Nawalnys, dass es im Straflager kaum andere Möglichkeiten gebe, um Forderungen durchzusetzen. "Wie kann er unterstreichen, dass er wirklich ernsthafte medizinische Hilfe braucht? Nur durch einen Hungerstreik", sagte Pawlowskij. "Es gibt nichts anderes im Gefängnis."

Nawalny klagt seit einigen Wochen über starke Rückenschmerzen. In einem offenen Brief an die Lagerleitung schrieb er auch von Taubheitsgefühl und Lähmungserscheinungen in den Beinen. Er fordere, was jedem Gefangenen zustehe: eine Untersuchung durch einen kompetenten Arzt und wirksame Medikamente. Er bekomme weder das eine noch das andere, so Nawalny.

Zwei Tabletten und Salbe

Die Strafvollzugsbehörde weist die Vorwürfe zurück: Der 44-Jährige erhalte die notwendige medizinische Versorgung. Mit dieser aber, sagt die Menschenrechtlerin Olga Romanowa, sei es in russischen Straflagern nicht weit her. "Nur, wenn sich eine Krankheit mit Jod und Aspirin behandeln lässt, können sie dich heilen. Das ist aber auch alles", sagt Romanowa.

Die Anwälte Nawalnys hatten erklärt, dass er zwei Schmerztabletten pro Tag und Salbe bekomme. Es sei zwar ein MRT in einem zivilen Krankenhaus gemacht worden. Eine Diagnose aber habe er nicht erhalten.

Der Neurologe Alexej Barinow, den Nawalny gern konsultieren würde, warnt vor den Folgen eines Hungerstreiks mit Blick auf den ohnehin schon durch die Vergiftung geschwächten Körper. Es bestehe die Gefahr, dass er erneut ins Koma falle.

Außenaufnahme der russischen Gefangenenkolonie IK-2 in Pokrow. | Bildquelle: dpa
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Außenaufnahme der russischen Gefangenenkolonie IK-2 in Pokrow: Alexej Nawalny soll in diesem Straflager einsitzen. Es befindet sich etwa 85 Kilometer östlich von Moskau und soll sich durch ein besonders strenges Regime auszeichnen.

Nawalny sei egal, aber nicht sein Tod

Die Gefahr treibe die Behörden und die Lagerleitung durchaus um, glaubt der Politologe Pawlowskij. Ihnen sei zwar der Kreml-Kritiker an sich egal. Aber sie möchten nicht für seinen Tod verantwortlich sein. "Der Hungerstreik schafft eine neue Situation, in der es wieder um Schuld geht", sagt Pawlowskij. "Neue Schuld, sichtbar für alle im Land und in der Welt."

Und genau darauf setze Nawalny, sagte der Politologe Stanislaw Belkowskij im Sender Echo Moskvy. Nawalny erhöhe den Einsatz im Kampf gegen den Kreml, "um weiter im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit Russlands und auf der Agenda der Beziehungen des Kreml zum Westen zu stehen", sagte Belkowskij.

Gesundheitliche Probleme, aber im Rahmen

Viele westliche Politiker haben reagiert. Sie fordern den Kreml zum Handeln auf. Der aber verweist auf die zuständigen Behörden und staatsnahe Menschenrechtsorganisationen. Letztere haben bei Nawalny zwar gesundheitliche Probleme festgestellt. Es sei aber alles im Rahmen.

Im Rahmen eines russischen Straflagers allerdings. In denen es immer noch darum ginge, so ein ehemaliger Häftling, Menschen zu brechen.

Hungerstreik - Nawalny erhöht den Einsatz
Christina Nagel, ARD Moskau
01.04.2021 18:17 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. April 2021 um 18:35 Uhr.

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