Nahost-Konflikt Palästinenser warten auf Impfstoff

Stand: 26.01.2021 07:50 Uhr

Während Israel zum "Impfweltmeister" wird, ist für die Palästinenser unklar, wann und von wem sie Impfstoff bekommen. Ein weiteres Konfliktfeld - obwohl beide eine epidemiologische Einheit bilden.

Von Susanne Glass, ARD-Studio Tel Aviv

Wieder einmal wurden die Hoffnungen enttäuscht: 5000 Impfdosen "Sputnik V" hätten laut der palästinensischen Führung am vergangenen Wochenende eintreffen sollen. Israel hatte die Einfuhr über Jordanien ins Westjordanland erlaubt, um damit zunächst medizinisches Personal der Palästinenser zu immunisieren. Aber die so sehnlich erwarteten Vakzine, angekündigt als "humanitäre Geste" der russischen Regierung, blieben bisher ohne Begründung aus.

Der Gegensatz könnte nicht größer sein: Während sich die israelische Regierung rühmt, als "Impfweltmeister" bald 25 Prozent der Bevölkerung mindestens die erste Dosis des Pfizer/Biontech-Produkts verabreicht zu haben, wissen die Palästinenser weiterhin nicht, wann sie überhaupt an welchen Impfstoff kommen.

Palästinenserbehörden baten Israel nicht um Hilfe

Außer dem von Russland versprochenen "Sputnik V" hat die palästinensische Autonomiebehörde Dosen beim britischen Hersteller AstraZeneca bestellt und hofft auf Hilfe der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Nun hat die WHO gemeinsam mit Nichtregierungsorganisationen die Frage aufgeworfen, warum eigentlich nicht Israel die Palästinenser mit Impfstoff versorgt. Laut des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu hat sich das Land dank guter Beziehungen zu Pfizer doch sogar deutlich mehr Dosen gesichert, als für die 9,25 Millionen Einwohner nötig wären.

Amnesty International forderte, die Regierung in Jerusalem müsse "sofort dafür sorgen, dass Corona-Impfstoffe fair und zu gleichen Teilen" an die 5,1 Millionen Palästinenser geliefert werden, die im Westjordanland und im Gazastreifen leben. Sonst verletze Israel seine rechtlichen Verpflichtungen gemäß der Genfer Konvention, wonach eine Besatzungsmacht für die Gesundheitsversorgung der lokalen Bevölkerung in Zusammenarbeit mit lokalen Einrichtungen verantwortlich sei.

Auch die palästinensische Führung kritisiert, Israel ignoriere seine "Pflichten als Besatzungsmacht" und übe "ethnische Diskriminierung" aus. Allerdings fiel diese Kritik vergleichsweise leise aus. Offiziell hat die Autonomiebehörde Israel nicht um Unterstützung gebeten. Nach Ansicht von Beobachtern möchte sie nicht den Eindruck absoluter Hilflosigkeit und Abhängigkeit erwecken.

Eine palästinensische Frau wird einem Corona-Test per Abstrich unterzogen (Bild vom 14.01.2021). | Bildquelle: REUTERS
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Eine palästinensische Frau wird einem Corona-Test per Abstrich unterzogen (Bild vom 14.01.2021).

Israel verweist auf Oslo-Verträge

Mit der Impfthematik ist der Nahost-Konflikt also um einen umstrittenen Aspekt komplizierter geworden. Israel verweist auf die Oslo-Verträge: In ihnen wird seit 1993 das Verhältnis zwischen dem jüdischen Staat und der palästinensischen Autonomiebehörde geregelt. Demnach sind die Palästinenser für die Gesundheitsversorgung in ihren Gebieten verantwortlich. Allerdings waren die Oslo-Verträge nur für eine Übergangszeit von wenigen Jahren gedacht. Den Ausbruch einer weltweiten Pandemie haben sie nicht mitgedacht.

Mittlerweile hat sich außerdem die Situation zwischen den so ungleichen Partnern, auch durch die israelische Siedlungspolitik, grundlegend verändert. Die palästinensische Gesundheitsversorgung ist bereits vor Ausbruch der Corona-Pandemie kollabiert. Erst recht im Gaza-Streifen, der seit dem israelischen Abzug 2005 von der palästinensischen Hamas heruntergewirtschaftet und von Israel und Ägypten blockiert wird.

Epidemiologische Einheit - Angst vor Mutationen

Auch in Israel werden die Stimmen lauter, die die Verpflichtung der eigenen Regierung sehen, dafür zu sorgen, dass die Palästinenser an Impfstoff kommen. Abgesehen von moralischen und legalen Gründen führen sie medizinisches Eigeninteresse an. Denn Israelis und Palästinenser sind durch ihre enge Nachbarschaft und Beziehungen eine epidemiologische Einheit: Bis zu 200.000 Palästinenser pendeln regelmäßig zwischen dem Westjordanland und Israel, weil sie in Israel arbeiten oder ihre Familien besuchen.

Wie gefährlich eng das Virus beide Seiten verbindet, beweisen die Zahlen der Infizierten und Toten, die - jeweils im Verhältnis zur Bevölkerung betrachtet - vergleichbar sind. So betrauert Israel mittlerweile fast 4500 Tote; bei den Palästinensern, die etwa halb so vielen Menschen sind, sind es rund 2000. Israel geht davon aus, dass bis März 65 Prozent der Bevölkerung geimpft ist und damit eine Herdenimmunität erreicht wird. Aber was nützt diese, fragen Experten, wenn in der Berechnung die Palästinenser außer Acht gelassen werden?

Hinzu kommt eine weitere Befürchtung: Die Angst vor Virus-Mutationen, die sich vor allem im abgeriegelten Gaza-Streifen bilden könnten, wo die Pandemie längst vollkommen außer Kontrolle ist. Der israelische Gesundheitsminister Yuli Edelstein hat jetzt betont, Israel werde weiter zunächst für die Impfung der eigenen Bevölkerung sorgen - sich dann aber "ab einem gewissen Punkt" auch um die Palästinenser kümmern.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. Januar 2021 um 12:00 Uhr.

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