Teilnehmer des Nawalny-Protests in Moskau | Bildquelle: AFP

Pro-Nawalny-Demos in Russland Wie der Kreml die Proteste bewertet

Stand: 24.01.2021 14:52 Uhr

Quer durch Russland waren Zehntausende Menschen auf die Straßen gegangen, um Gesetzlosigkeit anzuprangern und Freiheit für den Oppositionellen Nawalny zu fordern. Nach Angaben des Kreml waren es jedoch nur "wenige Menschen".

Einen Tag nach den russlandweiten Protesten von Anhängern des Kremlkritikers Alexej Nawalny hat der Kreml die Bedeutung der Demonstrationen relativiert. "Jetzt werden viele sagen, dass viele Menschen zu den nicht genehmigten Aktionen gegangen sind", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow dem russischen Staatsfernsehen. Die Proteste seien nach Peskows Worten für diejenigen von Vorteil, die die Situation weiter anheizen wollten. In Wirklichkeit gäbe es nichts weiter anzuheizen. "Nein, es sind wenige Menschen hingegangen. Viele Menschen stimmen für Putin", so der Sprecher im Interview, das am Sonntagabend ausgestrahlt werden sollte.

Peskow kritisierte zudem die US-Botschaft in Moskau, die im Vorfeld der Proteste eine Liste mit Demo-Treffpunkten und Uhrzeiten veröffentlicht hatte. Das sei "eine direkte Unterstützung des Gesetzesbruchs".

Zuvor hatte sich bereits das russische Außenministerium beschwert, dass Washington sich unter dem Deckmantel der Sorge um die Sicherheit von US-Bürgern im Ausland in innerrussische Angelegenheiten einmische. Die neue US-Regierung wiederum verurteilte die "harschen Methoden" der russischen Sicherheitskräfte im Umgang mit Demonstranten und Journalisten.

Teils brutale Festnahmen

In einer beispiellosen Protestwelle hatten am Samstag nach Angaben der Organisatoren Zehntausende Menschen in mehr als 100 russischen Städten für die Freilassung des Oppositionsführers Nawalny demonstriert. Alleine in der Hauptstadt Moskau sollen es demnach zwischen 20.000 und 40.000 Demonstranten gewesen sein. Die Polizei veröffentlichte deutlich niedrigere Zahlen. Außerhalb von Moskau und St. Petersburg sollen es laut diversen russischen Medien die größten Proteste seit Jahren gewesen sein. Mehr als 3500 wurden nach Informationen des Bürgerrechtsportal OWD Info landesweit festgenommen.

Sicherheitskräfte mit Schlagstöcken stehen in Moskau Demonstranten gegenüber | Bildquelle: REUTERS
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Sicherheitskräfte gingen zum Teil mit Gewalt gegen die Demonstranten vor.

Für Entsetzen sorgte in sozialen Netzwerken ein Video, auf dem zu sehen ist, wie ein Polizist in St. Petersburg eine Frau brutal tritt. Medienberichten zufolge erlitt die 54-Jährige ein Schädel-Hirn-Trauma. Sie liege im Krankenhaus und sei nicht bei Bewusstsein. Ermittler kündigten an, den Fall zu prüfen.

Aus der westrussischen Stadt Kursk wurde zudem über die Entlassung eines Polizisten berichtet, der in einem Internetvideo Solidarität mit Nawalny bekundet hatte. Er habe Angst, dass seine Kinder ihn irgendwann fragen würden: "Papa, was hast du dafür getan, dass wir in einem freien, florierenden Land leben können?", sagt Ruslan Agibalow darin unter anderem. "Und ich habe darauf dann keine Antwort." Auch wenn er explizit darum bat, seine Worte nicht als Aufruf zu den Protesten zu verstehen, wurde er wenig später entlassen. Der Polizist habe die Ehre seiner Behörde beschmutzt, hieß es als Begründung.

Nawalny, der im August Opfer eines Giftanschlags geworden war, wurde vor einer Woche direkt nach seiner Rückkehr in Moskau zunächst für 30 Tage inhaftiert. Der 44-Jährige soll gegen Meldeauflagen in einem früheren Strafverfahren verstoßen haben, während er sich in Deutschland von dem Attentat erholte. Ihm drohen in Russland mehrere Strafverfahren und viele Jahre Gefängnis.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 24. Januar 2021 um 15:00 Uhr.

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