Russischer Aufmarsch "Ganzes Feld voller Militärtechnik"

Stand: 13.04.2021 01:59 Uhr

Russlands Armee baut ein riesiges Militärlager nicht weit von der ukrainischen Grenze auf. Züge mit Panzern rollen auf die Krim. Beobachter rätseln, was hinter den Manövern steckt.

Von Demian von Osten, ARD-Studio Moskau, zzt. Woronesch

Ein Surren verrät die tieffliegende Drohne, dann ein auffälliges Piepen. In 50 Metern Höhe rauscht die kleine Aufklärungsdrohne vorbei. Sie zeugt davon, dass es ein ernstes Militärlager ist, das Russlands Armee hier auf Feldern südlich der russischen Millionenstadt Woronesch in den letzten Wochen aufgebaut hat.

Denn eigentlich ist die Stimmung an diesem Sonntag im April entspannt. Ein Soldat macht ein paar Klimmzüge, andere schlendern zu einem Schnellimbiss, der für die Soldaten herbeigefahren wurde. Ständig fahren LKW der Armee mit Wassertanks zur Versorgung ins Lager, die Militärpolizei patrouilliert. Es sieht nicht aus, als planten die Soldaten, schnell wieder abzuziehen.

"Das ganze Feld ist voll mit der Militärtechnik", empört sich Andrej Iwanowitsch. "Man kommt gar nicht mehr zu Fuß durch, geschweige denn mit dem Auto." Iwanowitsch hat selbst früher bei der russischen Armee gedient. Der 59-Jährige ist jetzt in Rente und fährt am Wochenende auf seine Datscha, den Schrebergarten der Russen.

Iwanowitschs Datscha bot bisher einen wunderbaren Blick in die wilde Natur. Doch seit wenigen Wochen ist alles anders. "Ein Nachbar, der hier das ganze Jahr lebt, rief mich an und sagte: 'Es ist furchtbar! Sie haben mit ihren Ketten und Rädern das ganze Feld durchpflügt.'"

Auch ein Militärkrankenhaus gibt es

Vor Iwanowitschs Garten parken jetzt mehrere LKW der Armee, die Straße vor seinem Zaun hat tiefe Reifenspuren. "Das ist ungewöhnlich, früher gab es so etwas hier nicht", sagt er. "Das erste Mal, seitdem ich hier bin." Früher, so erzählen die Bewohner der Datschen, hätten sie zwar immer wieder Explosionen gehört und Militärfahrzeuge gesehen. Denn nicht weit entfernt ist ein Truppenübungsplatz. Doch dass das Feld vor den Datschen jetzt Militärgelände ist, das ist für Andrej und die anderen Anwohner neu. "Sie haben ein ganzes Städtchen aufgebaut!"

Es wehen Flaggen, große Mannschaftszelte stehen ordentlich nebeneinander, aus einigen ragen qualmende Schornsteine hervor; es ist wohl die Feldküche. In dem Lager gibt es auch ein Militärkrankenhaus.

"Auf keinen Fall eine Übung"

An die Öffentlichkeit kam das Lager durch Recherchen von Ruslan Lewijew. Der Open Source-Analyst des Conflict Intelligence Teams aus Moskau analysierte Videos, die Nutzer in sozialen Netzwerken hochgeladen hatten, vor allem auf der Plattform TikTok. Sie zeigten Panzer, die von Güterzügen auf Tieflader umgeladen wurden. Zwei Bahnstationen konnte Lewijew lokalisieren. Diese Videos sowie Kommentare von Datschenbewohnern auf einer lokalen Webseite führten ihn schließlich zum Lager.

"Der Bau eines so großen Lagers braucht etwa einen Monat", sagt er. "Das ist einer der Beweise, warum es auf keinen Fall eine Übung sein kann." Die großen strategischen Übungen seien lange im Voraus geplant. "Sie sind sehr teuer, brauchen sehr viel Zeit und sind kompliziert zu planen." Deshalb seien sie angekündigt.

Russlands große Militärübungen finden regelmäßig im September statt. Lewijew identifizierte auf den Fotos aus den sozialen Netzwerken Einheiten aus Sibirien und der Wolga-Ural-Region. "Schon ein Zug kann mehrere Tage brauchen, wenn er vom Gebiet Nowosibirsk [in Sibirien] bis Woronesch fährt", sagt Lewijew - und setzt dann einen Bezug zum Krieg in der Ostukraine: "So viel Militärtechnik und eine solche Anhäufung von Ressourcen haben wir lange nicht gesehen, auf jeden Fall nicht seit der heißen Phase des Donbass-Kriegs." Sprich: seit 2014 und 2015.

Auch Aufnahmen von der Krim

Es ist die Sorge vor einem Wiederaufflammen des Ukraine-Krieges, die viele westliche Politiker und in der Ukraine jetzt umtreibt. Und das Lager bei Woronesch könnte in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle spielen. Seit Ende März machen Videos von russischen Truppenbewegungen in sozialen Netzwerken die Runde. Ganze Züge mit Panzern und Begleitfahrzeuge fahren durch Russland.

Aufnahmen existieren aber nicht nur aus dem Gebiet Woronesch, wo dieses Lager steht, sondern auch von der Krim. Seit Ende 2019 verbindet eine Eisenbahnbrücke das russische Festland mit der annektierten Halbinsel - und ermöglicht jetzt dem Kreml, massenweise Einheiten dorthin zu verlegen.

Aber warum macht Russland das? Eine klare Antwort gibt es von Russlands Führung nicht. Russland sei frei, seine Truppen im Land so einzusetzen, wie es das für richtig halte, sagte Kremlsprecher Dmitrij Peskow. Auf die Frage, wie lange die Truppen blieben, sagte Peskow vergangene Woche: "Solange es unsere militärische Führung und der Oberbefehlshaber für angemessen halten." Oberbefehlshaber ist Präsident Putin.

Jeden Tag neue Videos im Internet

Die Ukraine geht davon aus, dass Russland 40.000 Soldaten an der Grenze zur Ostukraine zusammengezogen habe. Das Gleiche sei auf der Krim passiert, sagte die Sprecherin des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, Iuliia Mendel. Der Kreml antworte nicht auf die zwei Wochen alte Bitte Selenskyjs um ein Telefongespräch. Kremlsprecher Peskow sagte, er habe in den vergangenen Tagen keine solche Bitte gesehen.

Experten glauben, dass die russischen Truppenbewegungen noch nicht abgeschlossen sind. Jeden Tag tauchen im Netz neue Videos auf, meist von Panzern auf Eisenbahnwaggons. Roman Lewijew vom Conflict Intelligence Team vermutet ein weiteres Lager im Gebiet Woronesch - südlich von Ostrogoschsk, weniger als 100 km vom großen Lager bei Woronesch entfernt und näher zur Grenze mit der Ukraine. Auch von dort ist ein Video eines Militärkonvois aufgetaucht.

Die Datschenbewohner bei Woronesch haben sich mit den Soldaten als neuen Nachbarn erst einmal gezwungermaßen arrangiert. "Wichtig ist, dass hier Ordnung bleibt", sagt Datschenbesitzer Iwanowitsch. "Und dass die Soldaten unsere Wege nicht ruinieren."

Ostukraine: Der Ton wird schärfer
Martha Wilczynski, ARD Moskau
13.04.2021 09:26 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. April 2021 um 08:00 Uhr in den Nachrichten.

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