Elend in syrischen Flüchtlingslagern Stummes Leid

Stand: 25.02.2021 10:36 Uhr

Krieg, Vertreibung, Wirtschaftskrise und eine eisige Winterkälte haben inzwischen nach UN-Angaben 13,4 Millionen Syrerinnen und Syrer ins Elend gestürzt. Rund zwei Millionen Menschen sind von akut lebensbedrohender Armut betroffen.

Von Jürgen Stryjak, ARD-Studio Kairo

Mindestens sechs Millionen Menschen - fast ein Drittel der Bevölkerung Syriens - befinden sich innerhalb der Landesgrenzen auf der Flucht. Sie flohen vor Krieg und Terror, vor dem Assad-Regime oder vor Extremisten.

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Jürgen Stryjak, SWR

Es sind diese Entwurzelten, die derzeit am meisten leiden, wie Hassan al-Reem zum Beispiel. Er lebt in einem Flüchtlingscamp rund 50 Kilometer nördlich von Aleppo kurz vor der Grenze zur Türkei. Hunderte Behelfszelte stehen hier verstreut zwischen Olivenbäumen.

Harter Winter in Flüchtlingscamps

Die Bewohner müssten unglaubliches Leid ertragen, besonders jetzt im Winter, erzählt Hassan al-Reem: "Es ist ein Unterschied, ob du den Winter in der Stadt erlebst oder in einem Zeltlager, wo die Kälte und das Regenwasser von allen Seiten kommen und wo du nicht heizen kannst."

Nachts herrschen Temperaturen um den Gefrierpunkt. Die Zelte bestehen aus Eisenstangen, an denen Plastikplanen befestigt wurden. In den vergangenen Wochen hat es geregnet und auch geschneit. Der Boden zwischen den Zelten hat sich in einem Sumpf verwandelt.

Für Ahmed Hamra ist das ein besonderes Problem. Bei Angriffen auf Aleppo verlor er beide Beine und kommt nun mit seinem klapprigen Rollstuhl nicht durch den Schlamm. Zum Schutz vor dem Regen und dem Dreck umwickelt er seine Beinstümpfe mit Plastikfolie. "Der Regen macht den Boden zu einem roten Morast. Überall tropft Wasser ins Zelt, das immer nass ist und dann zerreißt. Wenn es regnet, können sich meine Kinder und ich draußen nicht bewegen, nicht mal, um Lebensmittel zu besorgen."

Welthungerhilfe: Schlimmste Hungerkrise

Leute wie Ahmed Hamra können ohne Nothilfe nicht überleben. Mehr als zwölf Millionen Menschen, fast 60 Prozent der Bevölkerung, hätten nicht genug zu essen, sagt die Welthungerhilfe. In Syrien herrsche die bislang schlimmste Hungerkrise.

Krieg und Terror, Blockaden, Sanktionen und auch die Corona-Pandemie haben das Land in eine schwere Wirtschaftskrise gestürzt. Nach UN-Angaben sind rund zwei Millionen Syrer von lebensbedrohender Armut betroffen.

Die Zahl derer, die 2021 dringend auf Nothilfe angewiesen sind, habe sich gegenüber dem vergangenen Jahr um 20 Prozent erhöht, sagt Jens Laerke, Sprecher des UN-Büros zur Koordinierung humanitärer Hilfe. Innerhalb eines Jahres seien weitere 2,4 Millionen Menschen ins Elend abgerutscht.

Rund dreieinhalb Milliarden Euro benötigen die Vereinten Nationen in diesem Jahr für die Syrien-Nothilfe. Nicht zuletzt deshalb hat die Europäische Union für Ende März die fünfte internationale Geberkonferenz für das Land angekündigt.

Stummes Leid - Millionen Menschen in Syrien auf Nothilfe angewiesen
Jürgen Stryjak, ARD Kairo
25.02.2021 09:45 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell Radio am 25. Februar 2021 um 10:25 Uhr.

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