Feuerwalze in Tomerong | Bildquelle: AP

Buschbrände in Australien "Wie ein Zug, der durch das Gebüsch rast"

Stand: 10.01.2020 10:07 Uhr

In dem Ort Bilpin in Australiens Blue Mountains gab es einst den besten Apfelkuchen. Jetzt sind die Obstplantagen abgebrannt. Die Bewohner erzählen, wie das Feuer kam - und was das Schlimmste ist.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Singapur

Ein paar vereinzelte Vögel begrüßen den Tag in den verkohlten Baumstümpfen der Blue Mountains, wo normalerweise Schwärme von Kakadus, Papageien und Leierschwänze ihr Konzert geben. Anders als Kängurus, Wombats oder Koalas konnten die Vögel den Flammen davonfliegen.

Doch viele sind am Ende erschöpft ins Meer gestürzt. Tierschützer erwarten, dass in den kommenden Tagen Hunderttausende tote Vögel an die Strände geschwemmt werden. "Früher haben mir die Vögel hier morgens den Schlaf geraubt", sagt Sean Loneagan und deutet auf die verbrannten Baumruinen und die abgefackelten Obstfelder - das ganze Land in finsteres Schwarz getaucht.

"Die Bäume hier sind regelrecht explodiert. Ich war gerade in meinem Obstgarten hinter dem Haus, als mein Nachbar anrief und sagte: 'Das Feuer kommt, Du musst los'."

Existenzgrundlage vernichtet

Loneagans Haus immerhin steht noch. Aber die Obstplantage ist verbrannt, seine Existenzgrundlage vom Feuer vernichtet, als er anderswo gegen die Flammen kämpfte. Loneagan ist bei der Freiwilligen Feuerwehr, wie alle Männer in Bilpin. Das gehört dazu auf dem Land: Wenn es beim Nachbarn brennt, dann hilft man. Die Profis von der Berufsfeuerwehr sind weit weg. 8000 Freiwillige sind landesweit im Einsatz.

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Sean Loneagan ist bei der Freiwilligen Feuerwehr, seine Existenzgrundlage hat das Feuer vernichtet.

Es ist großes Thema derzeit, ob und wenn ja, wieviel finanzielle Unterstützung sie aus welchem Etat bekommen. "Mit 62 nochmal bei Nichts anfangen, stelle ich mir schwer vor", sagt Obstbauer Loneagan. Ansonsten müsste er Sozialhilfe beantragen, er bekäme 170 australische Dollar die Woche, das sind 105 Euro. Davon kann er nicht mal seine Fixkosten bezahlen, erzählt Loneagan, dann winkt er müde ab. Erstmal müssen sie das Feuer besiegen, dann wird man weiter sehen.

"Das Fauchen und Krachen"

"Wie ein Zug, der durch dichtes Gebüsch rast - so hört sich so ein Feuer an - und es ist auch fast so schnell. Es  reist quasi durch das Land", erzählt Loneagan. "Und wir Firefghter sind immer mit dabei. Seit voherigem September geht das, wir sind alle fertig mit den Nerven. So ein Feuer klingt furchterregend. Nicht nur das Fauchen, auch das Krachen, wenn die Baumkronen auseinanderbrechen.“

Hat er Angst, dass die Feuer zurückkommen, wenn der Wind sich dreht? Lonegean lacht: "Das Feuer sucht sich jetzt woanders Nahrung. Hier hier ist nichts mehr übrig , das brennen kann."

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Viele ausgebrannte Häuser säumen die Straßen.

Ausgebrannte Höfe, Scheunen und Geschäfte säumen die Hauptstraße nach Bilpin, einer Gemeinde in den Blue Mountains, die stolz ist auf den angeblich besten Apfelkuchen von ganz Australien. Viele Apfelbäume gibt es allerdings jetzt nicht mehr. "Dieser Garten ist für unsere Kunden, bitte bringen Sie kein eigenes Essen mit“, steht auf einem seltsam unversehrten Schild vor den Überresten eines Gartenlokals . Die Feuerwehr hat rot-weißes Absperrband um die verkohlten Trümmer gespannt.

"Das Warten war viel schlimmer"

"Immerhin haben wir Gewissheit", sagt eine Einwohnerin von Bilpin lächelnd. "Die meisten Leute sind einfach nur erleichtert, dass das Feuer endlich hier war und dass es vorbei ist. Das Warten war viel schlimmer. Dieses Warten, Warten, Warten - wann kommt das Feuer, was wird es zestören, wird unser Haus vebrennen, oder wird es uns verschonen? Diese Unsicherheit war viel schlimmer."

Ein weiterer heißer Tag mit neuen Feuern steht bevor in New South Wales und Victoria. Und höchstwahrscheinlich weitere Monate mit weiteren schlimmen Brandwochenenden, mit abgebrannten Häusern und Feldern und fliehenden Menschen. Wie lange wird es dauern, bis die Menschen alles wieder aufgebaut haben und die Natur sich erholt hat?

"Das Leben ist stark", sagt Loneagan und deutet lächeln auf einen verbrannten Apfelbaum: Aus der schwarzverkohlten Rinde kämpfen sich winzige, grüne Triebe ans Licht.

Australien: Impressionen aus der Katastrophenzone
Holger Senzel, ARD Singapur
10.01.2020 07:25 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 10. Januar 2020 um 08:21.

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Holger Senzel, NDR

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