Bürger in Beirut beseitigen Trümmer | Bildquelle: AFP

Beiruts wütende Bürger "Übernehmen die Rolle des Staates"

Stand: 06.08.2020 14:16 Uhr

Nach der verheerenden Explosion im libanesischen Beirut helfen die Bewohner einander, wo es nur geht. Doch zwischen die Solidarität mischt sich auch die Wut über den Staat.

Von Carsten Kühntopp, ARD-Studio Kairo

Die kleine Sophie Ajoury ist erst wenige Tage alt. Ihre Mutter Nelly stillte das Baby gerade, als die Wucht der Mega-Explosion die Fenster ihrer Wohnung eindrückte und die Glassplitter zu Geschossen wurden. Die kleine Sophie wurde schwer verletzt, berichtet die Mutter dem Sender "Sky News". Nun warten die Eltern im Krankenhaus auf eine Nachricht von den Ärzten.

"In Sekunden drehte sich unser Leben um. Wir hatten unser Zuhause, unsere Familie, unser Baby. Jetzt haben wir nichts. Die Explosion hat alles in der Wohnung zerstört. Ich habe versucht, mein Baby zu schützen, aber konnte nicht viel tun", sagt Nelly Ajoury.

Mindestens drei Krankenhäuser in Beirut wurden so schwer beschädigt, dass sie außer Dienst sind, so auch das "Saint George Hospital", eines der führenden Krankenhäuser des Landes mit 400 Betten. Die Detonation ereignete sich nur etwa einen Kilometer entfernt, mindestens vier Angehörige des Pflegepersonals kamen ums Leben, jede Etage ist zerstört.

"Alle helfen einander"

Auf den Straßen von Beirut hat das große Aufräumen begonnen. Wer helfen kann, hilft denen, die sich selbst nicht helfen können, sagt Halima: "Alle helfen einander, manche verteilen Wasser und Essen, und es gibt diejenigen, die saubermachen. Die jungen Leute, die Frauen - alle arbeiten, und niemand muss ihnen erst sagen, herzukommen und das zu machen."

Längst haben sich Räumkolonnen zusammengetan, bewaffnet mit Besen und Schaufeln, die Corona-Masken im Gesicht - meist junge Leute, von denen viele vor Wochen und Monaten bei den Massenprotesten gegen die Regierung dabei waren. Einer von ihnen ist der 24-jährige Abbas al-Halawi:

"Noch nie habe ich im Land solch eine Zerstörung gesehen. Wir haben uns hier nicht organisiert, sondern kommen einfach zusammen, um das Land von der Korruption und von den Dieben zu säubern. Heute tragen wir Besen, aber morgen werden wir vielleicht einfach aufstehen und das Land verlassen."

Blick über Beirut einen Tag nach der verheerenden Explosion. | Bildquelle: REUTERS
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Die Explosion im Hafen von Beirut hatte eine immense Zerstörungskraft

Dass knapp dreitausend Tonnen hochgefährliches Ammoniumnitrat sechs, sieben Jahre lang unsachgemäß im Hafen von Beirut lagerten - das zeigt aus Sicht vieler Libanesen die völlige Verantwortungslosigkeit, mit der die Politiker über Jahrzehnte agierten, die kriminelle Fahrlässigkeit, mit der sie das Land herunterwirtschafteten. Für Rana Maqdaz, die ebenfalls bei einem der informellen Räumkommandos dabei ist, ist das Saubermachen fast schon ein Akt des Widerstands.

"Wir sind hier, die Revolutionäre, und kümmern uns - was eigentlich der Staat machen müsste. Wir räumen auf und bringen Betroffenen zu essen und zu trinken. Wir übernehmen die Rolle des Staates und tun das Beste, um den Menschen zu helfen."

Und Husam Abu Nasr fügt hinzu: "Manchmal muss man die Dinge selbst in die Hand nehmen, wenn es keinen Staat gibt, der das tut."

Beirut: Solidarität und Wut
Carsten Kühntopp, ARD Kairo
06.08.2020 13:28 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 06. August 2020 um 14:12 Uhr.

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