Abdelhamid Abdallah vor den Mauerrissen im Schlafzimmer seiner Wohnung. Die Familie schläft nun auf dem Flur. | Bildquelle: ARD-Kairo

Beirut nach der Explosion Beschädigte Gebäude, zerstörte Hoffnungen

Stand: 04.09.2020 10:30 Uhr

Die Explosion in Beirut traf das Viertel Karantina am schwersten. Familie Abdallah lebt seitdem in den Trümmern ihrer Wohnung. Der Staat ist keine Hilfe beim Wiederaufbau seiner Hauptstadt.

Von Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo, zzt. in Beirut

Die Gardinen im Wohnzimmer von Abdelhamid Ahmed Abdallah bewegen sich leicht im Wind. Sie sind der einzige Schutz vor dem Staub und dem Schmutz, der von draußen hereindringt. Wenn der 38-Jährige die Vorhänge zur Seite schiebt, kann er direkt mit den Nachbarn auf der Straße sprechen. Seit der Explosion in Beirut hat das Wohnzimmer keine Fensterscheiben mehr. "Bei der Explosion wurden die Wände, die Fenster und die Decke stark beschädigt, das Wohnzimmer ist verwüstet. Hier können wir uns nicht mehr aufhalten", sagt er.

Abdelhamid Abdallah mit seiner jüngsten Tochter Kawtha. | Bildquelle: ARD-Kairo
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Die Fenster in Abdallahs Wohnung haben keine Scheiben mehr.

13 Menschen in drei Zimmern

Dabei wohnte Abdallahs Familie schon vorher auf engstem Raum: Die insgesamt 13 Kinder und Erwachsenen teilen sich drei Zimmer. Schlafen können sie jetzt nur noch im mittleren, das gar keine Fenster hat, und im Flur. Auf einer dünnen Matratze liegt der älteste Sohn Ahmed. "Nach der ersten Explosion wollte Ahmed nachschauen, was passiert ist - das war noch vor der zweiten, vor der großen Explosion", erzählt Abdallah. "Als er an der Tür war, flog er plötzlich durch die Luft und fiel auf den Boden. Jetzt leidet er unter starken Schmerzen."

Welche Wucht die Explosion hatte, ist an der Wand im Schlafzimmer zu erkennen: In der Mauer des alten Hauses klaffen tiefe Risse. Abdallah stammt aus Syrien und erlebte viel Schlimmes. Aber die Explosion hat auch ihn und seine Familie schockiert: "Überall war Blut, Menschen lagen auf den Straßen, Häuser und Wohnungen wurden zerstört, Glasscherben verletzten die Leute", erinnert er sich. "Der Rettungsdienst brauchte eine gute Stunde, um den Verletzten zu helfen, weil alle Straßen mit Trümmern bedeckt waren."

Libanon kämpft mit Finanz- und Wirtschaftskrise

Vier Wochen nach der Explosion sind die Straßen zwar geräumt, die Wohnungen vom Schutt befreit. Doch viele Menschen in Beirut wissen nicht, wie sie die dringend nötigen Reparaturen bezahlen sollen. Staatliche Hilfe gibt es nicht. Schon vor der Explosion steckte der Libanon in der größten Finanz- und Wirtschaftskrise seiner Geschichte.

"Man hat mir Reis und Zucker gegeben", erzählt Dania Chehab Zahran aus dem Haus gegenüber. "Aber was mache ich mit Reis und Zucker? Ich möchte reparieren und renovieren. Wir haben kein Auto mehr. Wir können nichts einkaufen. Wir haben keine Möbel mehr. Das ganze Haus ist demoliert."

Dania Chehab Zahran und ihr Mann Mohammed Matar wollen ihre Wohnung reparieren - doch das Geld dazu fehlt ihnen, der Staat hilft nicht. | Bildquelle: ARD-Kairo
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Dania Chehab Zahran und ihr Mann Mohammed Matar wollen ihre Wohnung reparieren - doch das Geld dazu fehlt ihnen.

Karantina - gefährliche Nähe zum Hafen

Den Stadtteil Karantina ganz in der Nähe des Hafens hat die Explosion besonders stark getroffen. In dem Viertel gibt es viele alte Gebäude, die dem Druck nicht standhielten. "Karantina war hübsch und schön ruhig vor der Explosion", erinnert Zahran sich. "Es gab keine Probleme, wir waren zufrieden und happy. Unser Haus ist nicht unser Eigentum, aber wir fühlten uns großartig in diesem Haus, weil es nicht weit von den Unis und Schulen entfernt ist. Aber seit der Explosion wollen wir hier nicht mehr bleiben."

Sie und ihre Töchter saßen gerade im Wohnzimmer im zweiten Stock, als fast 3000 Tonnen Ammoniumnitrat im Hafen explodierten. Ihr Mann Mohammed Matar wurde von Scherben der berstenden Fensterscheiben verletzt. Sein rechter Arm ist voller Wunden. Sein linkes Bein hatte er schon während des Bürgerkriegs verloren.

Im Libanon folge eine Katastrophe der nächsten, sagt er: "So etwas können wir nicht länger ertragen. Meine Frau und ich, wir brauchen nichts, aber wir wollen eine bessere Zukunft für unsere Kinder und Enkelkinder. Wir wünschen uns einen Staat und eine Regierung."

Hilfe aus dem Ausland kommt nur nach Reformen

Eine Übergangsregierung soll für Reformen sorgen. Innerhalb der nächsten zwei Monate müssen die ersten Maßnahmen umgesetzt werden - nur dann gibt es auch finanzielle Unterstützung aus dem Ausland. Doch viele Menschen im Land kämpfen bereits jetzt ums Überleben.

Vor der Explosion arbeitete Abdelhamid Ahmed Abdallah in einem Imbiss auf dem Fischmarkt. Der ist nun nicht mehr in Betrieb. Ohne sein Einkommen ist seine Familie auf Hilfe angewiesen. Doch woher die kommen soll, das weiß niemand im Libanon.

Kein Geld für die Renovierung - Nach der Explosion in Beirut
Anne Allmeling, ARD Kairo, zzt. Beirut
03.09.2020 21:44 Uhr

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