Ein Pferdekarren vor dem AKW, das bei Ostrovets ans Netz gehen soll (Archivbild vom August 2020). | Bildquelle: dpa

Ostrovets Belarus' erstes AKW geht ans Netz

Stand: 07.11.2020 11:13 Uhr

In der belarusischen Kleinstadt Ostrovets nimmt heute das erste Atomkraftwerk des Landes den Betrieb auf. Ein Erfolg für Staatschef Lukaschenko? Die Nachbarstaaten haben Sicherheitsbedenken.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Für Belarus' Staatschef Alexander Lukaschenko ist heute ein Feiertag: In der Kleinstadt Ostrovets geht das erste Atomkraftwerk von Belarus offiziell ans Netz. Das Beste, das jemals von russischer Seite gebaut wurde - auch wenn die Protestler schon wieder heulen würden, meinte Lukaschenko lakonisch: Es sei ein Glück, ein Geschenk.

Ein Glück, weil die Atomkraft - so die offizielle Lesart - den Belarusen Energiesicherheit garantiert und das Land unabhängiger von russischem Gas macht, das bisher zur Stromerzeugung genutzt wurde. 40 Prozent des gesamten Strombedarfs sollen nach Fertigstellung mit Hilfe des Atomkraftwerks gedeckt werden. Dass das Uran aus Russland kommt, die Technologie russisch ist und russische Kredite beglichen werden müssen, scheint dabei keine Rolle zu spielen. 

Ein Geschenk, weil sich Lukaschenko - so sieht er das - trotz aller Proteste als treusorgender Landesvater weiter um die Zukunft des Landes kümmert, das wie kein zweites von der Reaktorkatstrophe von Tschernobyl betroffen war: 70 Prozent des radioaktiven Fallouts gingen über Belarus nieder.

Litauer haben Zweifel an Bausubstanz und Funktionsfähigkeit

Die Zahl derer, die sich öffentlich gegen den Bau des Meilers vor den Toren des Städtchens stellten, blieb dennoch überschaubar. Stattdessen freute man sich öffentlich über neue Straßen, neue Wohnungen, Kindergärten und Schulen. Über einen bescheidenen Aufschwung. Und überhaupt: Experten hätten gesagt, dass es das zuverlässigste und sicherste Atomkraftwerk überhaupt sei, hieß es.

Kein Vergleich zu Tschernobyl, meinen auch die Verantwortlichen. Es seien Sicherheitssysteme der neuesten Generation verbaut worden, sagt der Chefingenieur des Atomkraftwerks. Und der für den Reaktor zuständige Leiter Alexander Kanjuka ergänzt, dass man von vielen Kommissionen geprüft worden sei und alle Test bestanden habe: "Sie haben in der Tat bestätigt: Ja, Ihr Projekt ist im Moment das beste!"

In der knapp 40 Kilometer entfernten litauischen Hauptstadt Vilnius sieht man das komplett anders. Schon während des Baus wurden Qualitätsmängel und fehlende Kontrollen kritisiert. Auch vom Abgeordneten Linas Balsis, dem die ihm vorliegenden Daten Sorgenfalten auf die Stirn trieben - und zwar sowohl mit Blick auf die Baukonstruktion als auch auf die Arbeitsqualität. Er sei sich nicht sicher, ob alle Bauarbeiten so durchgeführt würden, wie es sein müsste, erklärte er 2019 dem Sender Belsat TV. Auf entsprechende Anfragen bekomme er aber keine Antworten.

AKW Ostrovets in Belarus | Bildquelle: Ilya Kuzniatsou / ARD-Studio Moskau
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Das Atomkraftwerk Ostrovets in Belarus gehöre zu den sichersten, versichern die russischen Bauherren. Im Nachbarstaat Litauen sehen viele das anders.

"Nicht so große Pannen" in der Reaktor-Bauserie

Ähnlich erging es den Abgeordneten des Deutschen Bundestages, die wissen wollten, was es mit Berichten über Materialklau, den Zweifeln an der Standortwahl, den Bauausführungsmängeln und Transportschäden am Reaktorbehälter auf sich habe.

Die russische Atomenergie-Agentur Rosatom, die den Meiler zu großen Teilen finanziert und auch gebaut hat, weist jedwede Kritik zurück: Das Atomkraftwerk der dritten Generation der Baureihe WWER-1200 erfülle höchste internationale Standards, heißt es. Drei Reaktoren dieser Art sind in Russland seit etwa drei Jahren am Netz. Größere Zwischenfälle seien in der Tat nicht bekannt, erklärt der Co-Vorsitzende der russischen Umweltorganisation Eko Saschita, Wladimir Sliwjak: Aber zu diesen "nicht so großen Pannen" gehörte zum Beispiel, dass radioaktives Wasser ausgetreten ist, dass radioaktive Stoffe aus dem Kühlkreislauf hinaus gelangten.

Das Kühlsystem gehöre zu den Schwachstellen der Baureihe - und zwar auch der neueren. Die, betonte der Atomphysiker Andrej Oscharowskij in einer Fernseh-Dokumentation, befinde sich quasi noch in der Testphase. Die Reaktoren, erklärte er, seien zwar anscheinend funktionsfähig, aber nicht immer, nicht überall und nicht unter allen Bedingungen. De facto nehme Belarus jetzt an einem Experiment teil.

Testweise ist der erste Block des Kraftwerks in Ostrovets bereits seit Mitte der Woche am Netz. Der zweite Block soll 2022 folgen. Staatschef Lukaschenko plant unterdessen bereits die nächsten Schritte. Ein Rücktritt, wie ihn heute und morgen wieder Zehntausende überall im Land fordern dürften, gehört nicht dazu.

Strahlende Zukunft: Lukaschenko feiert Inbetriebnahme des ersten AKW
Christina Nagel, ARD Moskau
07.11.2020 12:02 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur "Weltzeit" am 10. September 2020 um 18:30 Uhr.

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