Die belarusische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch | Bildquelle: dpa

Literaturnobelpreisträgerin Oppositionelle Alexijewitsch verlässt Belarus

Stand: 28.09.2020 17:29 Uhr

Sie musste in ihrer Heimat eine Haftstrafe befürchten. Nun hat die belarusische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch das Land verlassen. Doch die Gründe für ihre Reise nach Deutschland sollen andere sein.

Die politisch engagierte Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch hat nach übereinstimmenden Medienberichten Belarus verlassen. Die 72-Jährige sei nach Deutschland abgereist, wie zwei ihrer Mitarbeiter bestätigten. Sie plane allerdings, in ihre Heimat zurückzukehren.

Es gebe keine politischen Motive für die Abreise, berichteten beide Mitarbeiter von Alexijewitsch. Die Gründe, die sie nannten, waren jedoch unterschiedlich. Der Nachrichtenagentur Reuters sagte ein Vertrauter der Schriftstellerin, der Grund der Reise sei eine medizinische Behandlung sowie ein Arbeitsaufenthalt.

Die Nachrichtenagentur dpa berichtet hingegen, die Schriftstellerin wolle in Schweden eine Buchmesse besuchen und in Sizilien eine Auszeichnung entgegennehmen. Das habe ihre Assistenstin, Tatjana Tjurina, dem belarusischen Nachrichtenportal tut.by gesagt. Es handele sich nicht um eine Emigration. Ihre Rückkehr sei aber abhängig von der Lage in Belarus.

Alexijewitsch flog demnach am Montag an Bord einer Maschine der belarusischen Fluggesellschaft Belavia nach Deutschland und landete in Berlin-Schönefeld. In einem früheren Bericht hieß es zunächst, sie sorge sich um ihre Sicherheit und habe sich dafür entschieden, ihre Heimat freiwillig zu verlassen.

Haftstrafe für Alexijewitsch befürchtet

Die Autorin gehört zu den schärfsten Kritikern von Machthaber Alexander Lukaschenko. Sie forderte immer wieder seinen Rücktritt. Als Mitglied im Präsidium des von der Opposition gegründeten Koordinierungsrates engagierte sie sich für einen friedlichen Machtübergang.

Von den sieben Mitgliedern des Präsidiums war sie neben dem unlängst aus der Haft entlassenen Gewerkschafter Sergej Dylewski die einzige, die in Minsk noch in Freiheit war. Die übrigen Mitglieder, darunter Oppositionsführerin Maria Kolesnikowa, sind in Haft oder - wie der frühere Kulturminister Pawel Latuschko - ebenfalls inzwischen im Ausland.

Botschafter europäischer Staaten, aber auch der Koordinierungsrat und Journalisten befürchteten, dass die gesundheitlich angeschlagene Alexijewitsch womöglich ebenfalls in Haft kommen könnte. Westliche Diplomaten hatten sich für ihren Schutz eingesetzt, sie richteten einen Wachdienst ein, nachdem die Schriftstellerin sich in ihrer Wohnung in Minsk von den belarusischen Behörden bedroht gefühlt hatte. Alexijewitsch erhielt viele Angebote aus dem Ausland, sich in Sicherheit zu bringen, lehnte diese aber lange ab. Auch Friedenspreisträger aus aller Welt solidarisierten sich mit der Autorin und würdigten ihren Mut.

Mehr als 350 Demonstranten festgenommen

Seit Wochen demonstrieren Zehntausende Menschen gegen Lukaschenko, dem sie Wahlbetrug vorwerfen. Die Sicherheitskräfte gehen mit großer Härte gegen die Demonstranten vor. Am Sonntag sind in Belarus Schätzungen zufolge 100.000 Menschen auf die Straße gegangen. Nach Angaben des Innenministeriums gab es im Zusammenhang mit den Protesten landesweit mehr als 350 Festnahmen. Maskierte Polizisten zerrten Demonstranten in Kleinbusse, Einsatzkräfte versuchten mit Tränengas und Elektroschock-Geräten die Ansammlungen aufzulösen.

Am Palast der Republik bezogen Soldaten Stellung. Der Präsidentenpalast war wie eine Festung gesichert, weil die Behörden befürchten, dass Demonstranten den Sitz Lukaschenkos stürmen könnte. Die Demonstranten sehen die belarusischen Oppositionellen Swetlana Tichanowskaja als die wahre Siegerin der Präsidentenwahl vom 9. August.

Macron zu Treffen mit Tichanowskaja bereit

Derweil erklärte sich Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron zu einem Treffen mit Tichanowskaja bereit. Er wolle die 38-Jährige am Dienstag während seiner Reise ins Baltikum treffen, hieß es aus Kreisen des Pariser Präsidialamts. Der französische Regierungssprecher Gabriel Attal hatte zuvor gesagt, der Präsident werde die belarusische Oppositionelle treffen, falls sie darum bitte. Macron wurde am Abend in der litauischen Hauptstadt Vilnius erwartet, wo er den Angaben zufolge über die Krise in Belarus spricht.

Macron hatte seine Position zuvor in einem Interview mit der Zeitung "Journal du Dimanche" deutlich gemacht: "Es ist klar, dass Lukaschenko gehen muss", hatte der 42-Jährige gesagt. "Was in Belarus passiert, ist eine Krise der Macht, eine autoritäre Macht, die die Logik der Demokratie nicht akzeptieren kann und die sich mit Gewalt an die Macht klammert." Die EU erkannte die Wahl Lukaschenkos zum Präsidenten nicht an.

Polen regt nationale Sanktionen gegen Belarus an

Nachdem vorerst Sanktionen der EU gegen die belarussische Regierungsspitze gescheitert sind, bringt Polen nationale Alleingänge ins Spiel. Die EU-Staaten mit Grenzen zu Belarus könnten eigene, nationale Sanktionen erlassen, sagte der polnische Außenminister Zbigniew Rau in Budapest. Er kündigte zudem einen neuen Anlauf für Sanktionen aller 27 EU-Staaten an.

Vor knapp einer Woche konnten sich die EU-Außenminister aller EU-Staaten nicht auf Sanktionen gegen Belarus einigen. Zypern lehnte dies ab, weil es ähnliche Maßnahmen gegen die Türkei wegen deren umstrittenen Erforschung von Rohstoffvorkommen im östlichen Mittelmeer fordert. Für Sanktionen der EU sind einstimmige Beschlüsse Voraussetzung.

Literaturnobelpreisträgerin Alexijewitsch nach Deutschland ausgereist
Stephan Laack, WDR
28.09.2020 21:09 Uhr

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