Belarusische Strafverfolgungsbeamte halten eine Frau während einer Kundgebung der Opposition fest, Minsk | Bildquelle: via REUTERS

Festnahmen bei Protest in Belarus "Wir vergessen nicht, wir vergeben nicht"

Stand: 19.09.2020 21:06 Uhr

Wieder gingen sie rabiat vor: Einsatzkräfte haben in der belarusischen Hauptstadt Minsk Dutzende Menschen in Gefangenentransporter gezwungen. Zuvor hatten erneut Hunderte Frauen gegen Präsident Lukaschenko protestiert.

Bei neuen Frauenprotesten gegen den belarusischen Präsidenten Alexander Lukaschenko haben Polizisten in Minsk Hunderte Menschen festgenommen - nach Angaben des Bürgerrechtsportal spring96.org waren es mehr als 300. Die Sicherheitskräfte stellten sich den Frauen in den Weg und zerrten sie in Einsatzfahrzeuge, wie ein Journalist der Nachrichtenagentur AFP beobachtete. Auch die 73 Jahre alte Nina Baginskaja, eine Veteranin der Protestbewegung und seit ihrem Kampf gegen die Kommunisten zu Sowjetzeiten bekannte Dissidentin, wurde in einen Transporter gezwungen.

Rund 2000 Frauen hatten am Protestzug unter dem Titel "Glitzermarsch" teilgenommen und trugen die rot-weißen Fahnen der Protestbewegung sowie glitzernde Accessoires. "Wir vergessen nicht! Wir vergeben nicht" und  "Lukaschenko, in den Gefangenentransporter", skandierten die Demonstrantinnen am zentralen Komarowski-Markt. An mehreren Stellen standen Gefangenentransporter bereit. Autofahrer hupten den Frauen solidarisch zu. 

Opposition fordert Neuwahlen

Die Demonstrantinnen forderten Neuwahlen ohne Lukaschenko, die Freilassung aller politischen Gefangenen und die strafrechtliche Verfolgung der Polizeigewalt. Auch in anderen Städten des Landes waren die Frauen wie an den vergangenen Samstagen aufgerufen, friedlich gegen "Europas letzte Diktatur" zu demonstrieren. Das teilten die Organisatorinnen von Girl Power Belarus in ihrem Nachrichtenkanal bei Telegram mit.

Seit der Präsidentenwahl am 9. August kommt es in Belarus täglich zu Protesten. Lukaschenko hatte sich mit 80,1 Prozent der Stimmen nach 26 Jahren im Amt zum Wahlsieger erklären lassen. Der 66-Jährige strebt eine sechste Amtszeit an. Die Opposition hält dagegen Swetlana Tichanowskaja für die wahre Siegerin.

"Diese Barbarei muss aufhören"

Tichanowskaja lobte aus ihrem Exil in der EU den Mut der Frauen. "Sie gehen, obwohl ihnen ständig Angst gemacht und Druck auf sie ausgeübt wird", teilte die 38-Jährige mit. Zugleich warf sie dem Regime Lukaschenkos einen neuen Tiefpunkt vor, in dem es nun auch Kinder instrumentalisiere.

Die Behörden hatten den sechsjährigen Sohn der Minsker Aktivistin Jelena Lasartschik am Freitag in ein Heim gesteckt. Hunderte Menschen forderten heute vor der Einrichtung, den Eltern ihren Sohn zurückzugeben. Lasartschik verließ mit dem Kind am Vormittag das Heim - unter "Hurra"-Rufen und Applaus der Menge. Der Fall war auch Thema bei dem Frauen-Protest heute.

Schockiert reagierte der polnische Regierungschef Mateusz Morawiecki. Wieder nutze die Führung des Landes Kinder als "politische Geiseln". Die Praxis ist bekannt aus kommunistischen Zeiten der Sowjetunion, als versucht wurde, den politischen Willen von Frauen auf diese Weise zu brechen. "Diese Barbarei muss aufhören", schrieb der polnische Politiker bei Twitter.

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