Swetlana Tichanowskaja bei einer Kundgebung | Bildquelle: AP

Präsidentenwahl in Belarus Vom Underdog zur echten Konkurrentin

Stand: 08.08.2020 16:07 Uhr

Eigentlich hätte ihr Mann zur belarussischen Präsidentenwahl antreten wollen, doch der Blogger sitzt in U-Haft. So stieg Swetlana Tichanowskaja in den Ring - und wurde zur ernstzunehmenden Herausforderin.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Wo immer sie auftritt, wird sie gefeiert. Swetlana Tichanowskaja gelingt, wovon viele gestandene Oppositionsführer in Belarus (Weißrussland) geträumt haben: Sie eint unterschiedlichste Interessengruppen und Altersklassen. Sie mobilisiert Zehntausende - und das nicht nur in den großen Städten, sondern auch auf dem Land, in Dörfern und Kleinstädten, die bislang eher zur treuen Wählerklientel von Präsident Alexander Lukaschenko zählten.

Er unterstütze sie, sagt ein älterer Mann, "weil wir Veränderungen brauchen im Land und in der Wirtschaft. Wir brauchen neue Arbeitsplätze. Wir brauchen etwas Neues." Swetlana sei der einzige Hoffnungsschimmer, meint eine Passantin. "Das müssen wir unterstützen. Wir müssen für sie stimmen. Wir glauben an sie."

Und das dürfte viel mit ihrer authentischen, offenen Art zu tun haben. Tichanowskaja sagt ganz klar, dass sie keine Politikerin ist. Und dass sie auch nicht vorhat, im Falle ihrer Wahl, Präsidentin zu bleiben. "Ich bin nicht in die Politik gegangen, weil ich Macht will. Ich will Gerechtigkeit", erklärte sie. "Mein Ziel ist es, echte Wahlen zu organisieren, an denen alle Oppositionskandidaten teilnehmen können." Sie will jene befreien, die aus fadenscheinigen Gründen im Gefängnis sitzen. So wie ihr Mann, der Blogger Sergej Tichanowskij, der unter anderem angeblich einen Polizisten attackiert haben soll.

Kein Wahlprogramm, keine "leere Versprechen"

Die 37-Jährige verspricht, das Gesetz vom Kopf auf die Füße zu stellen und Grundlagen für freie Wahlen zu schaffen, um dann den Weg frei zu machen für jene, die sich in Politik und Wirtschaft auskennen. Ein konkretes Wahlprogramm gibt es deshalb auch nicht. Der ausgebildeten Fremdsprachenlehrerin, die mal als Übersetzerin, mal als Sekretärin arbeitete, geht es nicht um konkrete Reformen: "Ich werde nichts versprechen, das tun schon andere. Seit 26 Jahren machen sie leere Versprechungen."

Mit "sie" meint Tichanowskaja die gesamte politische Führung des Landes. Vor allen Dingen aber Präsident Lukaschenko, der immer wieder betont, dass er nicht vorhabe, Belarus irgendjemandem zu überlassen: "Es gehört uns, wir lieben es. Und was man liebt, gibt man nicht her!" Erst recht überlässt man es keiner Frau. Dafür sei die Gesellschaft nicht reif, erklärte er süffisant. Und der Job sei viel zu hart. Tichanowskaja und ihr Team bezeichnete der Präsident herablassend als "drei arme Frauen", die fremdgesteuert würden - von Halunken, die Belarus ins Chaos stürzen wollten. Fast täglich warnt er vor der Gefahr eines Umsturzes.

Seine Herausforderin kann darüber nur den Kopf schütteln. Ständig sei von Revolution die Rede, ruft sie von der Bühne aus ihren Anhängern zu: "Meine Güte, Leute, was für eine Revolution? Wir wollen ehrliche Wahlen. Was hat das mit Revolution zu tun?"

Der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko | Bildquelle: dpa
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Der amtierende Präsident Alexander Lukaschenko äußert sich immer wieder herablassend über seine Herausforderin.

 "Sie ist sehr mutig"

Die zweifache Mutter weiß, dass sie viel riskiert. Ihre Kinder brachte sie aus Sicherheitsgründen außer Landes. Doch wie ihre Anhänger will auch sie endlich Veränderungen im Land: Freiheiten, Perspektiven, ein anständiges Leben. Sie sei sehr mutig, sagt der Leiter der Menschenrechtsorganisation Wjasna, Valentin Stefanowitsch. Es sei klar, dass der Präsident bereit sei, alles dafür zu tun, um an der Macht zu bleiben. "Es kommen sehr unruhige und schwierige Zeiten auf uns zu", prophezeit er.

Tichanowskaja hat ihren Anhängern versprochen, bis zum Ende zu gehen. Sie, die bisher unpolitisch war, ist zur Vorkämpferin geworden, zu einer ernsthaften Konkurrentin für den Mann, für den sie einst als Erstwählerin stimmte: Alexander Lukaschenko.

Die Herausforderin bei den Wahlen in Belarus: Swetlana Tichanowskaja
Christina Nagel, ARD Moskau
08.08.2020 13:40 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 08. August 2020 um 08:13 Uhr.

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