Der erste Ministerpräsident des Kongo, Patrice Lumumba. | Bildquelle: AFP

Tötung Patrice Lumumbas Stockende Aufarbeitung auch nach 60 Jahren

Stand: 17.01.2021 05:57 Uhr

Vor 60 Jahren wurde Kongos erster Regierungschef Lumumba getötet. Jahrzehnte später brachten Recherchen auch eine Verantwortung der ehemaligen Kolonialmacht Belgien ans Licht. Doch die Aufarbeitung kommt nur langsam voran.

Von Alexander Göbel, ARD-Studio Brüssel

"Jetzt werden wir getötet, nicht wahr?" - das sind die letzten überlieferten Worte von Patrice Lumumba. In der Nacht des 17. Januar 1961 werden er und zwei seiner Weggefährten in den Wäldern der kongolesischen Provinz Katanga an einen Baum gebunden und erschossen. Belgische Polizisten verscharren die Leichen, graben sie wieder aus, zerteilen sie mit Sägen und werfen sie in Fässer mit Säure.

Nichts soll übrigbleiben, vor allem nicht von Lumumba: dem Aufrührer, dem kompromisslosen Vorkämpfer einer neuen Nation. Von dem Mann, der nur wenige Monate zuvor dem belgischen König Baudouin die Stirn geboten hatte - bei der Unabhängigkeitsfeier am 30. Juni 1960 in Léopoldville, dem heutigen Kinshasa.

"Wer wird je die Massaker vergessen, die Massenerschießungen, bei denen so viele unserer Geschwister umgekommen sind?", fragte Lumumba damals. "Die Zellen, in die jene gesteckt wurden, die sich weigerten, sich einem Regime der Unterdrückung und Ausbeutung zu unterwerfen?"

Nur ein kurzer Triumph

Für den belgischen Monarchen ist diese Abrechnung mit der brutalen Kolonialzeit ein Affront, für Lumumba ist sie ein nur kurzer Triumph. Denn zum einen entlässt Belgien den Kongo unvorbereitet in eine chaotische Unabhängigkeit, zum anderen spaltet sich die rohstoffreiche und weiterhin von Belgien unterstützte Südostprovinz Katanga nach wenigen Tagen ab.

Lumumba wird vom Westen und von den Vereinten Nationen im Stich gelassen und macht einen entscheidenden Fehler: Er lässt sich von der Sowjetunion helfen, um die Sezession Katangas niederzuschlagen. Bald darauf wird Lumumba festgenommen - von den Truppen seines früheren Armeechefs, des späteren Diktators Mobutu, und belgischen Einheiten. Später stellt sich heraus: der US-Geheimdienst CIA und auch Präsident Eisenhower gaben grünes Licht für Lumumbas Exekution.

Untersuchungskommission 2001

Lumumba sei Kommunist gewesen und habe das falsche Lager gewählt, das der Russen - so erzählt es der inzwischen verstorbene belgische Geheimdienst-Offizier Louis Marlière in einem Dokumentarfilm aus dem Jahr 2000. Wie sehr Marlière und mehr als ein Dutzend andere zum Teil hohe belgische Beamte in den Mord an Lumumba verwickelt waren und wie systematisch der belgische Staat versuchte, dies zu vertuschen, all das hat der belgische Soziologe und Historiker Ludo de Witte Ende der 1990er-Jahre als Erster recherchiert - und sich damit in Belgien keine Freunde gemacht.

Aufgeschreckt durch seine Enthüllungen richtete das belgische Parlament 2001 eine Untersuchungskommission ein. Sie kam zu dem Schluss: Die Ex-Kolonialmacht trage eine "moralische Verantwortung" für das Verbrechen.

"Das ist natürlich absurd", so de Witte. "Denn eine moralische Verantwortung bedeutet gar nichts und bleibt als solche folgenlos. Es gibt aber viele, die sicher sind: Belgien hat einen politischen Mord auf dem Gewissen."

Ermittlungen im Herbst 2020 wiederaufgenommen

2011 verlangt Lumumbas Familie in Brüssel juristische Aufklärung. Doch lange passiert nichts. Erst im Herbst 2020 nimmt die belgische Generalstaatsanwaltschaft die Ermittlungen wieder auf, sieht sogar den Tatbestand eines Kriegsverbrechens gegeben. Doch Historiker de Witte fürchtet, dass ein Verfahren vor einem belgischen Schwurgericht  - wenn überhaupt - zu spät käme: Die zwei letzten lebenden Mitverantwortlichen sind heute über 90 Jahre alt.

"Die Akte Lumumba lehrt uns, dass das Ende der Kolonialzeit nicht das Ende unserer Verantwortung ist", sagt de Witte. "Auch deshalb, weil der Kolonialismus als Neokolonialismus weiterlebt. Der globale Süden wird weiter ausgebeutet, für einen Profit von Milliarden Dollar. Lumumbas Leben ist ein Lehrstück für uns, aber auch für die Menschen im Kongo."

Es bleiben zwei Zähne

Zum nächsten Unabhängigkeitstag des Kongo Ende Juni sollen Lumumbas sterbliche Überreste von Brüssel nach Kinshasa überführt werden, 60 Jahre nach seiner Ermordung: Es sind nur noch zwei Zähne, sichergestellt nach Recherchen und nach einer Klage von de Witte, aus dem privaten Besitz der Familie von Gérard Soete.

Soete, Kommissar der belgischen Kolonialpolizei, war in der Mordnacht nach eigener Aussage für das Zerhacken und Auflösen der Leiche in Säure verantwortlich. Zuvor hatte er Lumumba die Zähne herausgebrochen und als Trophäe eingesteckt.

60 Jahre nach dem Mord an Lumumba
Alexander Göbel, ARD Brüssel
17.01.2021 06:17 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 13. Januar 2021 um 19:05 Uhr in der Sendung "Zeitfragen".

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