Ortseingang Bethlehems im Norden Israels | Bildquelle: BR

Wo wurde Jesus geboren? Rätsel um das zweite Bethlehem

Stand: 17.12.2019 09:49 Uhr

Bethlehem ist der Überlieferung nach der Geburtsort von Jesus. Aber welches Bethlehem? Die berühmte Pilgerstätte im Westjordanland - oder ein kleiner Ort im Norden Israels?

Von Sophie von der Tann, ARD-Studio Tel Aviv

Den Stamm noch etwas kürzen, dann passt der Baum ins Auto. Es ist Hochsaison für Ben Jaeger. Seine Weihnachtsbäume, die Zypressen, sind beliebt - etwa bei arabischen Christen aus der Nachbarschaft und bei Botschaftsmitarbeitern aus Europa und den USA. Besonders erstaunt sind die Kunden, wenn sie sehen: Jaegers Weihnachtsbaumplantage ist in Bethlehem. 

"Ein verstecktes Kleinod"

"Sie sagen dann: 'Wie soll ich denn zu dir kommen, ins Westjordanland? Das geht doch nicht'", berichtet Jaeger. "Und dann muss ich erklären: Es gibt ein zweites Bethlehem - es ist ein verstecktes Kleinod."

Ben Jaeger kommt aus Bethlehem in Galiläa, einem kleinen, verschlafenen Ort im Norden von Israel. Im 19. Jahrhundert haben deutsche Christen der Templergemeinschaft hier eine Siedlung errichtet. In einem der zweigeschossigen Steinhäuser betreibt Jaeger nun ein Gästehaus. Er ist überzeugt, Maria und Josef sind hierher - nach Bethlehem in Galiläa - gekommen.  

Nur einen kurzen Ritt von Nazareth entfernt

"In der Geschichte heißt es: Maria war schwanger und sie ist auf einem Esel von Nazareth nach Bethlehem geritten." Wenn man auf einem Esel reite, dauere es eine Nacht von Nazareth nach Bethlehem in Galiläa. "Aber auf einem Esel von Nazareth nach Bethlehem im Westjordanland zu reiten, das dauert drei Tage."

Weihnachtsbaumverkäufer Ben Jaeger mit einem seiner Bäume | Bildquelle: BR
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Weihnachtsbaumverkäufer Ben Jaeger mit einer seiner Zypressen.

Archäologische Ausgrabungen

Bethlehem in Galiläa ist etwa 15 Kilometer von Nazareth entfernt. Das berühmte Bethlehem von Judäa liegt viel weiter weg, etwa 150 Kilometer südlich von Nazareth. Aber nicht nur die Nähe der beiden Orte ist ein eindeutiges Indiz für Jaeger, dass sein Heimatort das wahre Bethlehem ist.

Auf der Fahrt durchs Dorf berichtet er: "In den 1950er-Jahren haben sie hier eine große alte Kirche ausgegraben - von 500 nach Christus, glaube ich." Sie hätten auch ein wunderschönes Mosaik darin gefunden, das hänge jetzt am Ben-Gurion-Flughafen. "Und dann haben sie alles zugeschüttet und eine Straße darauf gebaut und wir fragen uns: Wieso? Da beginnt die Verschwörung. Weil sie den wahren Geburtsort von Jesus gar nicht wissen wollen."

In den 1990er-Jahren hat der israelische Archäologe Aviram Oshri hier Ausgrabungen durchgeführt. Auch er ist überzeugt, dass hier Jesus geboren wurde. Die große byzantinische Kirche und Reste einer Stadtmauer seien Beweise dafür. Das sagte er in mehreren Interviews. Wir durften ihn nicht interviewen. Die israelische Ausgrabungsbehörde hat uns keine Erlaubnis gegeben. Es scheint ein umstrittenes Thema zu sein. Aber was ist wirklich dran an der These?

Ein Templer-Haus im nordisraelischen Bethlehem | Bildquelle: BR
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Ein von Templern erbautes Haus in Bethlehem in Galiläa.

Jesus' Geburtsort nicht nachweisbar

Spurensuche im anderen Bethlehem, im Westjordanland - in der Grotte unterhalb der Geburtskirche. Überall Weihrauch, Pilger drängen sich. Sie knien nieder und küssen den silbernen Stern, der markieren soll: Das war die Höhle, in der Jesus geboren wurde. Gibt es dafür auch archäologische Beweise?

"Die Geburt Jesus kann man nicht nachweisen hier. Das ist einfach nicht möglich, es gibt ja keinen Stein mit 'Hier wurde Jesus geboren', sagt Luisa Goldammer. Sie ist Archäologin am Deutschen Evangelischen Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes. "Das einzige, was nachweisbar ist, ist dieser Verehrungsort seit der konstantinischen Zeit."

Indizien sprechen für das berühmtere Bethlehem

326 n. Chr. hat der römische Kaiser Konstantin im Bethlehem von Judäa eine Kirche bauen lassen. Die christliche Überlieferungstradition sei damit viel länger, als im Bethlehem von Galiläa. Sie ließe sich auch architektonisch länger nachweisen, erklärt die Archäologin.

Es gibt tatsächlich kaum Archäologen, die sagen, Jesus wurde im anderen Bethlehem, im heutigen Norden von Israel geboren. Letztlich sei es aber vor allem eine theologische Frage, meint Goldammer.

"Es wird eindeutig gesagt in der Bibel, dass der nächste Messias aus dem davidischen Geschlecht stammen muss. Das heißt, wir haben eine theologische Tradition. Diese theologische Tradition kann aber nur fortgeführt werden, wenn der nächste Messias - also Jesus in dem Fall - hierher kommt. Also er muss aus diesem Bethlehem kommen und das trifft eben auf das Bethlehem oben in Galiläa einfach nicht zu."

Der Weihnachtsbaumverkäufer Ben Jaeger ist zwar nach wie vor vom Gegenteil überzeugt. Er hat aber gar nichts dagegen, wenn sein Bethlehem ein verstecktes Kleinod bleibt. Tausende Touristen würde das Dorf nicht vertragen.

Die zwei Bethlehems: Wo wurde Jesus wirklich geboren?
Sophie von der Tann, ARD Tel Aviv
17.12.2019 08:33 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Dezember 2019 um 05:50 Uhr.

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