Drei Kinder gehen gemeinsam durch die Straßen von Aleppo. | Bildquelle: REUTERS

Syrien Der Krieg gegen die Kinder

Stand: 27.07.2018 20:30 Uhr

Die Zahlen der Vereinten Nationen sind schrecklich: Allein im Jahr 2017 starben 1271 Kinder im syrischen Bürgerkrieg. Und im Jahr 2018 ist es - zumindest bis jetzt - noch viel schlimmer.

Von Kai Clement, ARD-Studio New York

Das vergangene Jahr war das tödlichste für die Kinder Syriens. Das sagt Schwedens UN-Botschafter Olof Skoog, derzeit auch Präsident des UN-Sicherheitsrates, bei der Präsentation des entsprechenden UN-Berichts in New York. 1271 Kinder starben 2017 in diesem nicht enden wollenden Krieg oder wurden verstümmelt. Die Zahlen des ersten Halbjahrs 2018 lassen eine Steigerung dieser Zahlen für das laufende Jahr erwarten..

Es ist ein Zahlenwerk des Grauens, das Virginia Gamba, die UN-Sonderbeaufragte für Kinder in Konflikten, dem mächtigsten UN-Gremium vorlegt. Zahlen, die bis jetzt in jedem der sieben Kriegsjahre angestiegen seien. Wieder und wieder. Jahr für Jahr. Und das seien lediglich solche Zahlen, die die Vereinten Nationen bestätigten könnten, ergänzt sie. Demnach wurden seit 2011 nach UN-Zählung insgesamt mehr als 7000 Kinder in Syrien getötet oder verstümmelt. Die Dunkelziffer dürfte laut Gamba weit höher liegen - unbestätigte Berichte deuteten auf mehr als 20.000 getötete Kinder hin.

"Im ersten Quartal 2018 ist die Zahl der Kindersoldaten um ein Viertel gestiegen. Das Töten und Verstümmeln von Kindern hat um 348 Prozent zugenommen - beides verglichen mit dem letzten Quartal 2017. Alle schweren Kinderrechtsverletzungen für das erste Quartal zusammengenommen erleben wir eine Steigerung um 109 Prozent", bilanziert Gamba.

Virginia Gamba, die UN-Sondergesandte für Kinder | Bildquelle: LYNN BO BO/EPA-EFE/REX/Shutterst
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Virginia Gamba, die UN-Sondergesandte für Kinder, präsentiert in New York die erschütternde Bilanz des vergangenen Kriegsjahrs in Syrien.

Die meisten Tötungen durch syrische Armee

Insgesamt gesehen ist das also eine Verdopplung der grausamen Verbrechen gegen Kinder. Dazu gehören neben Rekrutierung und Ermordung auch Vergewaltigungen, Angriffe auf Krankenhäuser und Schulen, Verschleppungen und die Weigerung, Kindern zu helfen. Die UN-Beauftragte Gamba benennt die Schuldigen: "Alle Rekrutierungen haben nichtstaatliche Akteure durchgeführt. Die meisten Tötungen und Verstümmlungen gehen dagegen auf die syrische Armee und prosyrische Regierungstruppen zurück."

Der Krieg aber geht weiter - derzeit vor allem im Südwesten des Landes. Doch Mark Lowcock, Chef der UN-Nothilfe, zählt eine lange Liste von Orten auf, in denen Menschen Hilfe brauchen oder gar um ihr Leben kämpfen. Von Aleppo und Idlib im Norden Syriens bis hinunter nach Daraa im Süden. Dort kämen die Helfer an ihre Grenzen. "Vorab bereitgestellte Materialien für Notunterkünfte und einfachste Haushaltsgegenstände sind nun aufgebraucht. Damit sind die Vertriebenen hohen Temperaturen und Wüstenwinden schutzlos ausgesetzt. Es gibt bereits Berichte von Todesfällen wegen Wassermangels oder verschmutztem Wasser."

Mahnmal aus 740 Teddybären | Bildquelle: REUTERS
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Keine Kindheit für Hunderttausende Kinder: Mit einer Teddybären-Aktion hat die Hilfsorganisation World Vision Deutschland zum siebten Jahrestag des Kriegsbeginns auf das Leid der Kinder in Syrien aufmerksam gemacht. Dabei wurde auf dem Berliner Gendarmenmarkt von Schülern ein Mahnmal aus 740 Teddybären aufgebaut.

Traumata, die nie mehr vergehen

Hilfsorganisationen wie das Kinderhilfswerk UNICEF oder "Save the Children" warnen schon länger vor den Folgen dieses Krieges - auch - gegen Kinder. Die wichtigste Entwicklungsphase, die Kindheit also, gehe verloren im Krieg. Mädchen und Jungen seien so traumatisiert, dass sie psychologische Hilfe bräuchten, um ihr Leben trotz der verheerenden Bilder im Kopf in den Griff zu bekommen. Eigentlich. Doch wo noch nicht einmal Wasser und Lebensmittel reichen, ist dieses Ziel weit entfernt.

Kurz: Es seien Kinder, die keinen Frieden kennen, sagt die UN-Sonderbeauftragte Gamba:  "Es ist an der Zeit, dass die Kinder Syriens an ihre eigene Zukunft glauben können und lernen, was Frieden bedeutet. Es ist an der Zeit, dass sie ihre Kindheit zurückbekommen, die ihnen genommen wurde. Es ist an der Zeit, dass sie nicht länger Opfer sind. Man hat sie benutzt und missbraucht durch, während und für diesen bewaffneten Konflikt - und das viel zu lange schon."

Krieg gegen Kinder: Zahlen im Syrienkrieg drastisch gestiegen
Kai Clement, ARD New York
27.07.2018 19:52 Uhr

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