Griechische Polizisten sind hinter einem Grenzzaun zu sehen | Bildquelle: REUTERS

Bilder von Flüchtlingen Kampf um die Deutungshoheit

Stand: 03.03.2020 17:30 Uhr

Politik auf dem Rücken der Flüchtlinge - so bezeichnen Experten die Situation an der türkisch-griechischen Grenze. Fotos und Videos im Netz verstärken die gegenseitigen Vorwürfe, nicht alles lässt sich prüfen.

Von Silvia Stöber und Natalia Frumkina, tagesschau.de

Kaum hatte Präsident Recep Tayyip Erdogan verkündet, dass die Türkei die Grenzen für die Flüchtlinge öffnen werde, reagierten die türkischen Medien. So veröffentlichte die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu am Sonntag Drohnenaufnahmen, auf denen Flüchtlinge über ein Feld laufen. Nach Angaben von Anadolu waren sie auf dem Weg in den Nordwesten der Türkei, um nach Europa zu gelangen. Die Bilder erinnerten an 2015, als Tausende über die Grenze und bis nach Deutschland kamen.

Alle Seiten in diesem Konflikt werfen sich zudem gegenseitig Fehlverhalten gegenüber den Flüchtlingen vor, welches sie jeweils mit Bildern belegen wollen.

Eskalation in der Ägäis

Die türkische Seite verbreitete etwa Videos, auf denen ein Schiff mit der Aufschrift "Griechische Küstenwache" zu sehen ist, das ein Flüchtlingsboot abdrängt. Männer in Schwarz feuern darauf Warnschüsse ab und verwenden Stangen, um die Menschen vom Boot der Küstenwache fernzuhalten. Wann und wo das Video genau aufgenommen wurde, ist unklar. Griechische Behörden waren für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Screenshot des von der Türkei verbreiteten Videos
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Ein Boot mit der Aufschrift "Griechische Küstenwache" ist auf einem von der Türkei verbreiteten Video zu sehen. Ein Mann in Schwarz versucht darauf, ein Schlauchboot mit einem Stab abzugrängen.

Andererseits behauptet die griechische Seite, die türkische Küstenwache begleite gezielt Flüchtlingsboote in Richtung Griechenland - und unterlegt die Behauptung ebenfalls mit einem Video auf dem offiziellen YouTube-Kanal der Küstenwache.

Zudem gibt es Bilder von Bussen in Istanbul und anderen Städten, mit denen die Flüchtlinge offenbar an die Grenze im Norden gefahren wurden. Wurden diese Busse von offizieller Seite bereitgestellt, wie es etwa der CSU-Europapolitiker Manfred Weber im Deutschlandfunk behauptete?

In der Tat sagte am vergangenen Freitag beispielsweise Tanju Özcan, der Bürgermeister der Stadt Bolu - knapp 250 Kilometer östlich von Istanbul -, in einer Videobotschaft auf Facebook, dass er allen Flüchtlingen, die es wünschten, einen Platz im Bus bereitstellen werde, um sie an die 500 Kilometer entfernte griechische Grenze zu bringen. Dazu stünde er nach eigenen Angaben im Austausch mit Kollegen. "Wir sind bereit, den Transport sicher zu stellen" - ungeachtet der Zahl der Menschen, die das Angebot wahrnehmen wollten.

Wurde ein Flüchtling erschossen?

Vielfach auch von Menschenrechtsaktivisten und Journalisten in den sozialen Medien geteilt wurden Aufnahmen, die einen Flüchtling zeigen, der von griechischen Grenzschützern erschossen worden sein soll. Im Video trägt eine Gruppe Männer den blutüberströmten jungen Mann durch ein Waldstück und legt ihn schließlich auf den Boden. Die Umstehenden wirken aufgeregt und hilflos.

Eines der Videos wurde von dem freien Videojournalisten Mughira Al Sharif hochgeladen. Er schreibt dazu: "Der syrische Flüchtling Ahmed Abu Emad aus Aleppo wurde heute von griechischen Grenzschützern getötet, während er mit Hunderten anderen versuchte, die Grenze nach Griechenland zu passieren. Ihm wurde um 09:07 Uhr nahe Ipsala in den Hals geschossen."

Die BBC bestätigte der Nachrichtenagentur dpa auf Nachfrage, dass Al Sharif als freier Journalist für den Sender arbeitet. Bei dem Video handele es sich aber um einen privaten Tweet - Al Sharif sei nicht im Auftrag der BBC im türkisch-griechischen Grenzgebiet unterwegs.

Die arabische Journalistin Jenan Moussa teilte zwei andere Aufnahmen der Szene, die ihr zugespielt wurden. Auf einer ist zu sehen, wie der reglose Mann aus einem Boot an Land getragen wird. Moussa schrieb auf Twitter, das Opfer aus Aleppo sei von Gummigeschossen des griechischen Grenzschutzes tödlich getroffen worden. Sie habe mit der Familie des jungen Mannes gesprochen.

Griechenland spricht von "Fake News"

Kurz nach Bekanntwerden des Vorfalls sprach die Regierung in Athen von "Fake News". Regierungssprecher Stelios Petsas schrieb auf Twitter: "Das Video vom tödlichen Vorfall an der griechisch-türkischen Grenze ist Fake News. Wir appellieren an alle, vorsichtig über Inhalte zu berichten, die türkische Propaganda befördern". In einem späteren Tweet fügte er hinzu: "Vom griechischen Grenzschutz wurden keine Schüsse auf Personen abgefeuert, die versucht haben, illegal nach Griechenland zu kommen. Gegenteilige Angaben sind ... eine absichtliche Fehlinformation: Fake News."

Ein Journalist des britischen Senders Chanel 4 verweist jedoch auf Twitter auf einen Augenzeugen der bestätige, dass die Schüsse von griechischer Seite abgefeuert wurden. Demnach hätte die griechische Polizei zunächst Warnschüsse in die Luft abgegeben und dann tiefer gezielt. Ein Mann sei am Hals getroffen worden und zusammengebrochen. Eine Verifikation der Angaben erscheint schwierig, da die angeblichen Schüsse selbst nicht auf den Videos festgehalten sind. Unbestritten ist, dass am Montag ein Kind ertrank, als ein Boot mit Flüchtlingen kenterte.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. März 2020 um 17:00 Uhr.

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