Angehörige nehmen an einer Anhörung im US-Kongress zu den Abstürzen der Boeing 737 MAX teil. | Bildquelle: ERIK S LESSER/EPA-EFE/REX

Anhörung zu Boeing 737 Max Angehörige der Opfer klagen an

Stand: 10.10.2019 09:43 Uhr

Auch der US-Kongress befasst sich mit den Abstürzen der Boeing 737 Max. Meist geht es bei den Anhörungen um technische und bürokratische Details. Doch nun wurde es sehr persönlich.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

Paul Njoroge brauchte nur wenige Sätze, um Abgeordneten und Zuschauern bei der Anhörung im US-Repräsentantenhaus die Tränen in die Augen zu treiben: "Die Abstürze der Boeing 737 Max haben meine Frau, meine drei Kinder und meine Schwiegermutter getötet." Er spreche heute nicht nur mit seiner Stimme, sondern auch mit den Stimmen seiner Angehörigen und der anderen 341 Opfer.

Der Familienvater aus Kanada rang selbst immer wieder um Fassung, als er seine Familie beschrieb: den sechsjährige Ryan, der Astronaut werden wollte, die vierjährige Kelli, die so schön singen konnte, das Baby Rubi. Er vermisse sie - jede Minute, jeden Tag.

Der Angehörige Paul Njoroge spricht im US-Kongress über den Absturz der Boeing 737 Max. | Bildquelle: AP
galerie

Njoroge hat beim Ethiopian-Airlines-Absturz seine Frau und seine drei Kinder verloren.

"Sie wussten, dass sie sterben werden"

Viel schlimmer sei aber: "Ich denke so häufig an ihre letzten sechs Minuten. Meine Frau und meine Schwiegermutter wussten, dass sie alle sterben werden. Und irgendwie mussten sie trotzdem die Kinder trösten, in diesen letzten Momenten ihres Lebens." Er wünschte, er wäre bei ihnen gewesen.

Doch dem gebürtigen Kenianer ging es im US-Kongress nicht um Mitleid. Njoroge nutzte stattdessen seinen Auftritt für heftige Angriffe gegen den Flugzeughersteller und die oberste US-Flugbehörde.

Schwere Vorwürfe gegen Boeing

Boeing habe schon nach dem ersten Absturz einer 737 Max vergangenen Herbst gewusst, dass es ein Problem mit dem Flugzeugtyp gab, und trotzdem zunächst versucht, die Schuld bei den Piloten abzuladen: "So wollten sie verhindern, dass die Flugzeuge am Boden bleiben müssen. Diese Entscheidung hat meiner Familie das Leben gekostet."

Nach bisherigen Erkenntnissen führte ein Software-Fehler in der automatischen Flugsteuerung zu den tödlichen Abstürzen. Zusätzliche Backup-Systeme, wie in der Flugbranche eigentlich üblich, gab es in den Flugzeugen nicht. Auch weil die zuständige Aufsichtsbehörde in den USA, die FAA, sie nicht vorgeschrieben hatte.

Rolle der Aufsichtsbehörde

Deshalb trage auch die FAA Verantwortung für den Tod seiner Familie und der anderen Opfer: "Die FAA hätte wissen müssen, dass es wegen mangelnder Backup-Systeme zu solchen Abstürzen mit Toten kommen würde. Sie haben Boeing einfach sich selbst regulieren lassen", sagte Njoroge.

Boeing will die Fehler in den Maschinen nun mit einem Software-Update korrigieren. Außerdem soll wenigstens ein zusätzliches Warnsignal ins Cockpit eingebaut werden. Die Piloten sollen nachgeschult werden, allerdings nicht im Simulator, sondern per iPad. Opferangehörigen wie Njoroge genügt all das nicht. Am liebsten wäre ihm, wenn die 737 Max-Maschinen nie wieder fliegen dürften.

Anhörung im US-Kongress zu den Abstürzen der Boeing 737 Max | Bildquelle: REUTERS
galerie

Auch der US-Kongress untersucht die Abstürze der Boeing Typ 737 Max und will neue Regeln für die Flugsicherheit verabschieden.

Aus den Fehlern lernen

Wenigstens müsse das Flugzeug noch einmal komplett neu zertifiziert werden, forderte Njoroge. Soweit mochten die Abgeordneten nicht gehen: Zwar sprachen ihm alle ihr Beileid und ihren Dank aus und gelobten, aus den Fehlern zu lernen. Aber nur der demokratische Abgeordnete Garrett Graves versprach ein bisschen verklausuliert: "Bis diese Flugzeuge wieder abheben dürfen, wird der Prozess der Zulassung nichts mehr mit dem zu tun haben, der noch galt, als diese Unfälle passiert sind."

Vertreter von Boeing waren zu dieser Anhörung nicht eingeladen. Doch fast zeitgleich erklärte das Unternehmen in Seattle, man wolle die Entschädigung nun direkt an die Angehörigen auszahlen. Njoroge hätte lieber eine persönliche Entschuldigung. Bislang aber habe er von Boeing noch nichts gehört.

Kongressanhörung zu Boeing 737 MAX: Angehörige der Opfer sagen aus
Julia Kastein, ARD Washington
18.07.2019 06:33 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. Juli 2019 um 05:22 Uhr.

Korrespondentin

Darstellung: