Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro | Bildquelle: Joédson Alves/EPA-EFE/Shuttersto

Epidemie in Brasilien Bolsonaros gefährliches Spiel mit Corona

Stand: 28.05.2020 15:13 Uhr

Die Corona-Situation in Brasilien ist dramatisch. Inzwischen ist das Virus auch in den Elendsvierteln angekommen. Und Präsident Bolsonaro? Auf seine Machtbasis kann er sich verlassen.

Von Ivo Marusczyk, ARD-Studio Buenos Aires

Südamerika ist ein neues Epizentrum der Krankheit geworden. In vielen Ländern steigen die Fallzahlen stark an. Aber am schlimmsten sei jetzt Brasilien betroffen, stellt Michael Ryan fest, der Nothilfe-Koordinator der Weltgesundheitsorganisation WHO. Brasilien ist mittlerweile weltweit das Land mit der zweithöchsten Zahl an Covid19-Fällen. Tote werden in einigen Städten in Massengräbern bestattet, die Krankenhäuser sind längst überfüllt und Menschen sterben, weil es keine Intensivbetten mehr gibt.

In Manaus werden im Moment jeden Tag hundert Menschen begraben - normalerweise sind es rund 30. | Bildquelle: AFP
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In Manaus wurden Anfang Mai jeden Tag 100 Menschen begraben - normalerweise sind es rund 30.

In diesen Tagen überschreitet Brasilien die Zahl von 400.000 Infizierten und von 25.000 Toten. Was Brasiliens Präsidenten aber nicht sonderlich beeindruckt. Er hält nach wie vor an seiner Haltung fest, die Pandemie sei doch nur eine "gripezinha", eine kleine Grippe, gegen die man nichts machen könne aber auch nichts unternehmen müsse.

"Na und? Was soll ich da machen? Ich heiße zwar Messias, aber Wunder kann ich auch nicht bewirken."Das ganze sei nur "noch hochgespielt von der Presse, um eine wahre Hysterie auszulösen, die sich im ganzen Land ausbreitet".

 Bolsonaro setzt auf Malaria-Medikament

Seine Strategie besteht immer noch darin, auf das Malaria-Medikament Chloroquin zu setzen, beziehungsweise auf den Wirkstoff Hydroxychloroquin. Dass Studien abgebrochen werden mussten, weil Cloroquin zu viele gefährliche Nebenwirkungen mit sich brachte, interessiert ihn nicht. Er setzte durch, dass Chloroquin in die Leitlinien für Brasiliens öffentliche Krankenhäuser aufgenommen wurde. Auch wenn deswegen der neue Gesundheitsminister nach nur vier Wochen das Handtuch warf. Jetzt leitet ein Armeegeneral das Gesundheitsministerium.

Was gegen Covid-19 hilft, ist für Bolsonaro keine Frage der Wissenschaft, sondern der Ideologie. Und das findet er sogar noch lustig. "Ich sag's mal höflich: Wer rechts ist, der nimmt Chloroquin, wer links ist soll Limo trinken."

Eine Frage der Ideologie und des Glaubens. Denn nicht nur stramm rechts denkende Brasilianer stehen nach wie vor treu hinter Bolsonaro, sondern auch die Evangelikalen, also die einflussreichen fundamentalistisch-konservativen Freikirchen. Ihre Gläubigen stehen immer wieder vor dem Präsidentenpalast von Brasília und skandieren "Chloroquin, du wirst mich heilen, im Namen Jesu".

Machtbasis: Militär, Evangelikale und Wirtschaftslobby

Seit' an Seit' mit ihnen: Menschen, die offen einen Militärputsch fordern. Dabei sitzt das Militär dank Bolsonaros Personalpolitik längst an den Schaltstellen der Macht. Deswegen stehen die Chancen auch schlecht, den Präsidenten loszuwerden. Seine Umfragewerte sinken zwar und mittlerweile wurden 32 Absetzungsanträge gegen ihn eingereicht. Doch bis jetzt kann sich auf drei Gruppen verlassen: Auf das Militär, auf die Evangelikalen und ihren mächtigen politischen Arm und auf die Wirtschaftslobby, vor allem das Agro-Business.

So lässt sich wohl auch erklären, warum der Präsident so vehement gegen alle Gouverneure wettert, die die Pandemie mit Kontaktsperren bremsen wollen. "Einige Gouverneure vernichten Brasiliens Arbeitsplätze. Und diese Krise ist viel schlimmer als alles, was das Coronavirus in Brasilien anrichten könnte."

 Von den Reichenviertel in die Favelas

Dabei breitet sich das Virus immer schneller aus. Von den Viertel der Reichen, die sich Fernreisen leisten können, ist es auf die Favelas übergesprungen. Die Elendsviertel, in denen Isolierung und Hygiene kaum einzuhalten sind, weil die Menschen dicht gedrängt wohnen und auf ihre Gelegenheitsjobs angewiesen sind. Viele versuchen trotzdem, sich zu schützen.

"Das ist mehr als eine kleine Grippe. Denn gegen Grippe kann man sich ja impfen lassen, aber gegen das da gibt es ja nichts. Deshalb geht man dem Virus besser aus dem Weg", sagt einer der Einwohner von Vila Cruzeiro, einer Favela in Rio de Janeiro. In seinem Teil der Favela versucht man, sich wenigstens von den anderen Stadteilen abzuschotten. Das funktioniert nur, weil hier Lebensmittelpakete ankommen.

Banken bezahlen diese Pakete, freiwillige Helfer wie Eduardo verteilen sie. "Die Behörden dort haben nicht auf die Pandemie reagiert, die Geschäfte sind alle offen, es gibt kaum Leute mit Maske, denn die Behörden kümmern sich bisher überhaupt nicht um die Bevölkerung. Dutzende Freunde haben wir da verloren - das ist ein vergessener Teil der Welt."

Hohes Risiko für indigene Gebiete

Nicht nur in den Favelas, auch in den entlegensten Teilen des Amazonasgebiets ist das Virus inzwischen angekommen. Dort, wo die Menschen tagelang zum nächsten Krankenhaus unterwegs sind, sind die Fallzahlen am höchsten. Viele indigene Stämme haben sich tief in die Wälder zurückgezogen, weil sie Angst haben, dass weiße Eindringlinge die Seuche einschleppen.

Der Arzt Lucas Albertoni hat lange Indigene für den staatlichen Gesundheitsdienst betreut. "Solange man die Isolierung aufrecht hält, sind sie sicher. Da darf es keinerlei Einmischung in ihren Gebieten geben, weder durch den Staat noch durch Eindringlinge wie Goldsucher und Holzhändler, die sie auch mit anderen Krankheiten anstecken können, die ebenso sehr gefährlich für sie sind."

Bolsonaro nutzt Krise für eigene Interessen

Doch tatsächlich scheint die Zahl der Eindringlinge in die Naturschutzgebiete und die Reservate der Indigenen noch zuzunehmen. Die Abholzung im Amazonasgebiet schreitet immer schneller voran - von Januar bis April wurden 55 Prozent mehr Flächen gerodet als im Vorjahr. Eine Entwicklung, die schon vor Corona eingesetzt hatte. Doch die Regierung Bolsonaro will tatsächlich die Pandemie ausnutzen, um Umwelt-Auflagen und Regeln aufzuweichen oder abzuschaffen.

Jedenfalls hat Umweltminister Ricardo Salles das in einer Kabinettssitzung selbst gesagt. "Wir haben gerade Ruhe, da die Presse ja nur über Covid redet, und deshalb sollten wir jetzt die Rinderherde durchwinken und die ganzen Regeln ändern. Und die Normen vereinfachen."

Tatsächlich bringt Bolsonaro die Brasilianer also nicht nur durch schlechtes oder fehlendes Krisenmanagement in Gefahr. Er und seine Hintersassen versuchen, die Krise zu nutzen, um eigene Interessen voran zu bringen.

Das neue Corona-Epizentrum - Die Lage in Brasilien
Ivo Marusczyk, ARD Buenos Aires
28.05.2020 14:25 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 28. Mai 2020 um 11:20 Uhr.

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