Massenbegräbnis von Corona-Toten auf einem Friedhof in Manaus | Bildquelle: REUTERS

Coronavirus und indigene Völker Schutzlos ausgeliefert

Stand: 31.05.2020 18:27 Uhr

Immer wieder haben eingeschleppte Krankheiten Brasiliens Indigene bedroht. Nun melden Dutzende Gemeinschaften einen Ausbruch des Coronavirus. Experten befürchten das Aussterben ganzer Völker.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Stundenlang gleitet das schmale Holzboot von André Sateré Mawé parallel zum Ufer des Amazonas durchs Wasser. Vorbei an Indigenen-Dörfern, die an den weit verzweigten Flussläufen kaum abgelegener wirken könnten. Dennoch ist das Corona-Virus längst bis in entfernte Indigenen-Reservate vorgedrungen.

Der Stamm von André Sateré Mawé lebt an einem Nebenarm des Amazonas. Als die Corona-Krise aufkam, riegelten sie das Gebiet ab und ließen nur noch Stammesangehörige hinein. Dennoch klagen seitdem einige von ihnen über Fieber und Husten. Offenbar ist das Virus hier angekommen. Es waren wohl die Indigenen selbst, die es hierherbrachten, als Stammesmitglieder in den vergangenen Wochen aus den Städten zurück in den Dschungel kamen. Oft sind es aber auch Kriminelle, die die tödliche Krankheit einschleppen.

Personen der indigenen Volksgruppe Yanomami | Bildquelle: REUTERS
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Yanomami in Brasilien: Indigene sind besonders vom Coronavirus bedroht.

In Reservate eingedrungen

"Während der Corona-Krise sind zunehmend Invasoren - also Holzfäller, Goldgräber und illegale Jäger - in Reservate eingedrungen und haben das Virus mitgebracht", sagt Lucas Albertoni. Der Arzt hat zahlreiche staatliche Expeditionen zu isoliert lebenden Urvölkern begleitet und fordert: "Der brasilianische Staat muss dringend alle Kriminellen von dort vertreiben."

Doch stattdessen treibt Präsident Jair Bolsonaro ein Gesetz voran, das illegale Landnahme nachträglich legalisieren soll. Es wäre ein Affront für Brasiliens Ureinwohner, die ohnehin schon den Angriffen der Invasoren beinahe schutzlos ausgeliefert sind

Auf Traktoranhängern werden die Toten zum Massenbegräbnis auf dem Friedhof Parque Taruma in Manaus gebracht. | Bildquelle: REUTERS
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Auf Traktoranhängern werden die Toten zum Massenbegräbnis auf dem Friedhof Parque Taruma in Manaus gebracht.

Yanomami sind besonders bedroht

Besonders bedroht ist der Stamm der Yanomami an der Grenze zu Venezuela. Dort sind Tausende Goldsucher aktiv. Auch am Dreiländereck Brasilien-Kolumbien-Venezuela werden immer mehr Invasoren gesichtet. Dort befinden sich die meisten der mehr als 100 unkontaktierten Urvölker Brasiliens.

Häuptling André Sateré Mawé fühlt sich seit dem Ausbruch der Krise vom Staat allein gelassen. "Offenbar entscheiden die Behörden, wem sie helfen. Uns lassen sie im Stich. Wir müssen allein mit dem Virus fertig werden - allein dagegen kämpfen."

Wissenschaftler befürchten dramatische Konsequenzen, weil das Immunsystem der Indigenen womöglich anfälliger für Covid-19 ist. Als in den 1970er-Jahren viele indigene Stämme erstmals kontaktiert wurden, starben unzählige Ureinwohner an eingeschleppten Krankheiten.

Juliana Radler vom Institut "Socioambiental" befürchtet daher, "dass ganze Völker aussterben, wenn in den kommenden zwei Wochen keine Ärzte und Hilfen der Regierung hier in den Indigenen-Gebieten eintreffen." Bislang haben laut der Indigenen-Vereinigung APIB 38 Urvölker 92 Tote gemeldet.

Mit "Wildem Knoblauch" gegen das Virus

Bernardino Perreiro kommen die Tränen, als er von seinem verstorbenen Nachbarn erzählt. Dieser war Vize-Häuptling seines Stammes der Tikuna und im April nach heftigem Fieber plötzlich verstorben. Ob er sich mit dem Corona-Virus angesteckt hatte, weiß Bernardino nicht. Die Behörden haben keinen Virus-Test durchgeführt. Sicher ist, dass kurz darauf immer mehr Tikuna unter Fieberschüben und Gliederschmerzen litten.

Bernardino lebt seit 22 Jahren in einem Armenviertel der Amazonas-Hauptstadt Manaus - so wie der Rest des Stammes. Der westlichen Medizin vertraut er noch immer nicht. Sein wichtigstes Medikament - jetzt in der Krise - steht in seinem kleinen Garten und nennt sich "Wilder Knoblauch". Ein Strauch dessen Blätter sie für ein heilendes Bad verwenden, das das Virus vertreiben soll.

Ein Angestellter der Gesundheitsbehörde untersucht Mitglieder der Tikuna-Community in dem Ort Lago Grande im Staat Amazonas. | Bildquelle: AFP
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Ein Angestellter der Gesundheitsbehörde untersucht Mitglieder der Tikuna-Community in dem Ort Lago Grande im Staat Amazonas.

Eine Messe für den Häuptling

Die Tikuna gehören in Manaus zu den ärmsten Einwohnern der Millionenmetropole. Sie wurden vor Jahren bereits von Missionaren zum evangelikalen Glauben bekehrt. Deshalb feiern sie für ihren verstorbenen Vize-Häuptling eine religiöse Messe. Bernardino sagt: "Der Tod unseres Stammesmitglieds ist ein großer Schmerz. Wir bleiben hier unten. Er aber ruht dort oben in Frieden - ohne Leid oder Schmerz."

Dann singen sie gemeinsam in der alten Tikuna-Sprache, die sie noch beherrschen. Und nehmen Abschied. Es ist eine der vielen Abschieds-Zeremonien derzeit im Amazonas Brasiliens, während Brasilien auf den schrecklichen Höhepunkt der Virus-Krise zusteuert.

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