Das Jüdische Flüchtlingsmuseum in Shanghai

Verfolgte Juden 1939 Letzter Zufluchtsort Shanghai

Stand: 21.06.2019 03:53 Uhr

Shanghai war 1939 der letzte sichere Hafen, wo verfolgte Juden Zuflucht fanden. In keiner anderen Stadt überlebten so viele den Holocaust. Eine Zeitzeugin wurde dort mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Von Markus Pfalzgraf, ARD-Studio Shanghai

Das alte jüdische Viertel von Shanghai ist heute von Hochhäusern umringt. In den Straßen deutet fast nichts mehr darauf hin, dass hier Ende der 1930er-Jahre Tausende jüdische Menschen lebten. Shanghai, schon länger Heimat orientalischer Juden, damals von Japan besetzt, nahm als eine der letzten Städte auf der Welt jüdische Geflüchtete auf - teilweise mit rettenden Visa des chinesischen Generalkonsuls in Wien, aber auch ohne Papiere.

Das Jüdische Flüchtlingsmuseum Shanghai von außen
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Im Jüdischen Flüchtlingsmuseum Shanghai wird die Geschichte der Juden in Shanghai erzählt.

Die meisten wurden im Ghetto im Stadtteil Hongkou angesiedelt. Eines der wenigen, heute noch sichtbaren Zeichen ist eine alte Synagoge, die seit Jahrzehnten hier steht. Mit Bimah in der Mitte, dem Podest, auf dem früher die Thora gelesen wurde, und hinter dem auch hier eine Thora-Rolle aufbewahrt wird. Hier ist heute auch das Museum für jüdische Geflüchtete beherbergt. Auf sechs großen Kupfertafeln stehen mehr als 13.000 ihrer Namen, auch wenn es mehr als 20.000 waren. Eine Führerin erzählt, warum:

"Die Namen wurden damals von drei jüdischen Mädchen aufgeschrieben. Sie machten absichtlich Fehler, damit die japanischen Soldaten sie nicht für schlimme Dinge wie Hinrichtungen nutzen konnten."

In Shanghai waren Juden sicher

Doch obwohl Japan mit Nazi-Deutschland verbündet war, passierte den Juden in Shanghai nichts. Unter den Tausenden Namen an der Wand am Museum finden sich auch die zweier Männer, die später in den USA als Popart-Künstler Peter Max und Minister Michael Blumenthal bekannt wurden und der von Sonja Mühlberger, unter ihrem Geburtsnamen Krips.

1939 wurde sie in Shanghai geboren. Ihre Eltern hatten aus Frankfurt am Main über Italien vor der Verfolgung der Nationalsozialisten fliehen können, kamen nach einer mehrwöchigen Schiffsfahrt in Shanghai an und lebten mehrere Jahre im Ghetto in Hongkou, Seite an Seite mit der chinesischen Bevölkerung. Dort war ihr Leben einfach, aber glücklich, sagt Sonja Mühlberger:

"Wir sind in den Kindergarten und in die Schule gegangen. Wir haben auf der Straße spielen können, ohne Autos und ohne Fahrräder. Später hab ich sogar chinesische Rollschuhe bekommen und auf der Straße Rollschuh laufen können. Also für mich war das ein normaler Alltag."

"Großer Verdienst, diese Erinnerung wach zu halten"

Sonja Mühlberger zeigt ihr Bundesverdienstkreuz
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Sonja Mühlberger hat im deutschen Konsulat Shanghai das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen.

Ein entbehrungsreicher Alltag allerdings, mit wenigen guten geretteten Kleidungsstücken, der Rest selbstgenäht. Immerhin bekamen die Eltern Arbeit. Die Familie ging nach dem Krieg zurück nach Deutschland. Jahrzehnte später kam Sonja Mühlberger, inzwischen Lehrerin, wieder öfter in ihre Geburtsstadt zurück. Um Spuren zu suchen, darüber zu schreiben und zu berichten.

Dafür bekam sie jetzt das Bundesverdienstkreuz verliehen, im deutschen Konsulat in Shanghai, sichtlich bewegt, von Generalkonsulin Christine Althauser:

"Das ist ihr großer Verdienst, diese Erinnerung wach zu halten. Zu zeigen, dass es couragierte Menschen gab und für sich selbst Versöhnung zu finden und einen Weg in die Zukunft zu finden. Das halte ich für immens wichtig."

Auch ganz praktisch: Sonja Mühlberger hat viele Namen aufgeschrieben, die alten Listen aus dem Ghetto für die Erinnerungstafeln korrigiert und ergänzt. Aber diese Arbeit ist noch lange nicht beendet. "Inzwischen habe ich auch noch viele andere Namen gefunden. Immer mehr Menschen kommen, die ihre Verwandten suchen oder nach ihren Vorfahren fragen. So konnte ich schon sehr vielen Menschen helfen, die Adressen zu finden."

"Klein-Wien" in China

Auch wenn inzwischen fast alle Straßen andere Namen tragen. Das Viertel war einst als "Klein-Wien" bekannt, Juden öffneten nach und nach Geschäfte, auf alten Fotos sind deutschsprachige Schilder zu sehen. Doch heute sind fast alle Spuren verschwunden. Gegenüber der Synagoge und dem Museum steht nur noch ein Nachbau des Weißen Rössl und verströmt Wiener Kaffeehaus-Charme. Für die meisten Jüdinnen und Juden war Shanghai die Rettung, aber höchstens eine vorübergehende Heimat. Noch einmal die Führerin im Museum:

"Zwischen 1946 und 1951 haben die meisten der mehr als 20.000 Juden Shanghai verlassen. Viele gingen in ihre Heimat zurück oder zogen weiter in die USA. Es gibt nur noch drei Familien in Shanghai, die von den jüdischen Familien abstammen." Umso wichtiger, diese Erinnerungen am Leben zu halten, durch Bilder, Namenstafeln und Zeitzeuginnen. 

Letzter Zufluchtsort Shanghai 1939: Eine Jüdin erzählt und bekommt Bundesverdienstkreuz
Markus Pfalzgraf, ARD Shanghai
19.06.2019 07:54 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 23. Juni 2019 um 05:52 Uhr.

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