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Evakuierung nach zehn Tagen Vertuschter Chemieunfall auf der Krim?

Stand: 07.09.2018 14:49 Uhr

In der Nacht auf den 24. August ereignete sich auf der Krim offenbar ein Chemieunfall. Anwohner berichteten von Beschwerden, doch zehn Tage geschah nichts. Nun wurden Tausende in Sicherheit gebracht.

Von Oliver Soos, ARD-Studio Moskau

Die Evakuierungen in der Stadt Armjansk sind im ukrainischen Fernsehen ein großes Thema - in den russischen Medien spielen sie kaum eine Rolle. Vor zwei Wochen, kurz nach dem Chemieunglück, gab es einen Bericht im russischen Fernsehen, in den Lokalnachrichten aus der Krim. "Die Stadt Armjansk wirkt heute wie die Kulisse eines Filmes über die Apokalypse", sagte die Sprecherin. "Alle Metallgegenstände wurden über Nacht mit einer klebrigen Substanz überzogen."

Zwei Frauen aus Armjansk erzählen, was sie erlebt haben. Beide halten kleine Kinder auf dem Arm. "Wir hatten Atemnot, die Nase war gereizt, der Hals war gereizt", sagt die eine. "Es begann gestern Abend, als der Wind kam, so gegen acht Uhr." Die andere Frau erzählt, sie habe sich unwohl gefühlt, als sie morgens aufgewacht sei. "Die Kleine hier hat einen Ausschlag bekommen. Wir werden ins Krankenhaus gehen."

Schnell war klar, dass das Titanwerk in Armjansk, "Krimski Titan", dafür verantwortlich sein muss. Das Werk mit fast 5000 Mitarbeitern produziert Titanoxid für die chemische Industrie. Doch die Sprecherin des Werks, Julia Dmitrijewa, zeigte sich im russischen Fernsehen ahnungslos: "Ausnahmesituationen oder Zwischenfälle, die dazu geführt haben könnten, dass Schadstoffe in die Luft entweichen, wurden nicht festgestellt", sagte sie.

Russland weist Vorwürfe zurück

Zehn Tage lang passierte nichts. Die Anwohner tauschten sich in sozialen Netzwerken über ihre Beschwerden aus, es gab Proteste. Erst Anfang dieser Woche wurden Tausende Menschen aus Armjansk in Sicherheit gebracht. Im ukrainischen Fernsehen ist die Empörung groß. Immer wieder ist die Rede vom Umweltskandal auf der okkupierten Halbinsel. Die Ukraine sperrte Grenzübergänge zu der Halbinsel, Schulen und Kindergarten im ukrainischen Grenzgebiet wurden geschlossen.

Auch der ukrainische Präsident Petro Poroschenko meldete sich zu Wort. "Wir brauchen eine internationale Kommission, die die ökologische Katastrophe auf dem eroberten Territorium stoppt und aufklärt", forderte er. Man habe aus zuverlässigen Quellen erfahren, dass Übungen des russischen Militärs das Unglück ausgelöst hätten. "Ich werde darum bitten, dass ukrainische Kinder über die Grenze gelassen werden. Wir müssen sie retten, sie müssen die Fürsorge des ukrainischen Staats spüren."

Die russische Seite weist diese Vorwürfe zurück. Der Gouverneur der Halbinsel Krim, Sergej Aksjonow, macht die Ukraine für das Chemieunglück verantwortlich. Das Titanwerk in Armjansk nutze einen künstlichen See, um Schwefelsäure zu verdünnen. Nachdem die ukrainische Regierung den Versorgungskanal zum See gesperrt habe, sei der Wasserpegel gesunken. Dadurch steige das Risiko, dass giftige Stoffe in die Umwelt gelangen.

Chemieunglück auf der Krim
Oliver Soos, ARD Moskau
07.09.2018 13:10 Uhr

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Über dieses Thema berichtete das MDR Fernsehen am 07. September 2018 um 17:45 Uhr.

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