Angst vor Covid-Ausbruch Neujahr in China fällt für viele aus

Stand: 05.02.2021 07:53 Uhr

Ein Jahr nach Ausbruch der Corona-Krise läuft in China der Alltag wieder weitgehend normal, doch die Angst bleibt. Die Behörden fordern deshalb die Menschen auf: Bleibt zum Neujahrsfest zuhause!

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai.

Liu Xin Hong ist die Enttäuschung anzumerken. Für die 47-Jährige ist das chinesische Neujahrsfest eigentlich der Höhepunkt des Jahres. Die Feiertagswoche Ende Januar/Anfang Februar ist normalerweise der einzige echte Urlaub im Jahr und die einzige Gelegegenheit, nach Hause zu fahren. Liu und ihr Mann arbeiten in Shanghai, sie ist Putzfrau, er ist Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes. Ihr Heimatort in der Nähe von Anqing liegt rund 400 Kilometer westlich, im chinesischen Landesteil Anhui. Der Ortsvorsteher ihres Heimatdorfes habe ihrem Mann per Textnachricht ganz deutlich gemacht: Bleibt wo ihr seid, in Shanghai, kommt bloß nicht nach Hause.

Steffen Wurzel, SWR

Falls sie doch heimführe, müsste sie 14 Tage in Heimquarantäne: "Zwei Wochen zuhause herumsitzen, und dann kommen sie zweimal am Tag, um die Temparatur zu messen. Das ist mir zu viel Hickhack. Und einfach rausschleichen kann ich mich auch nicht. Denn alle im Dorf wissen ja, dass ich in Shanghai war – die hätten alle Angst vor mir und keiner würde mich treffen wollen."

Vor allem Niedriglohnarbeiter sind betroffen

Es ist eine etwas kuriose Situation: Im Ursprungsland der Covid-19-Pandemie gibt es zwar nur noch sehr wenige Neuinfektionen, Corona spielt im Alltag der meisten Menschen in China kaum noch eine Rolle, aber landesweit sind die Behörden so nervös wie seit Monaten nicht mehr. Denn neue Infektionsherde sollen auf jeden Fall vermieden werden. In Shanghai, wo rund 25 Millionen Menschen leben, gab es Stand Donnerstag gerade einmal 21 aktive Covid-Fälle. Trotzdem sehen die Behörden auf Provinzebene in Rückkehrern aus den großen Städten eine potenzielle Gefahr. Von dieser Logik vor allem betroffen sind Menschen wie die Putzfrau Liu Xin Hong. Für sie und die meisten anderen rund 300 Millionen Niedriglohnarbeiter, die fern von zuhause arbeiten, fällt der Heimaturlaub zum Chinesischen Neujahr dieses Mal aus.

Angst vor Quarantäne

Und auch besser verdienende Chinesinnen und Chinesen zögern angesichts der Corona-Warnungen, übers Neujahr zu verreisen. So auch Zhou Wenyu. Sie arbeitet bei einer internationalen Steuer- und Finanzberatungsfirma. Noch habe sie nicht entschieden, ob sie während der Feiertagswoche, die am 11. Februar beginnt, Shanghai verlassen soll. Eigentlich wollte Zhou ihre Eltern in Südchina besuchen. "Wer weiß", sagt die 27-Jährige, "vielleicht bricht dann ja dort ja das Virus neu aus." Und wer in China auch nur in die Nähe einer infizierten Person kommt, muss fest damit rechnen, für mindestens zwei Wochen in Zwangsquarantäne gesteckt zu werden. Stress mit den Chefs wäre programmiert: "Meine Chefs zwingen sie mich zwar nicht, in Shanghai zu bleiben. Aber trotzden habe ich arbeitsmäßig Angst, dass ich vielleicht nicht zurück kann."

Luftaufnahme Shanghai, Jing'an-Tempel | Bildquelle: ALEX PLAVEVSKI/EPA-EFE/Shutterst
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Eine mit einer Drohne aufgenommene Luftaufnahme zeigt Shanghais berühmtes Wahrzeichen, den Jing'an-Tempel.

Alternative: Urlaub in der eigenen Stadt

Busstationen, Bahnhöfe und Flughäfen wie der Airport Hongqiao in Shanghai sind dieses Jahr coronabedingt auffällig leer. Normalerweise ist in der Neujahrssaison in ganz China die Hölle los. Um zumindest etwas in Ferienstimmung zu kommen, machen viele chinesische Großstätder dieses Jahr einfach Urlaub in der eigenen Stadt. "Die Behörden haben die Menschen in China aufgefordert, nicht groß zu reisen während der Neujahrstage", sagt Peng Xiaoming vom chinesischen Online-Reiseportal Ctrip. "Das hat dazu geführt, dass es immer mehr Suchanfragen für Kurzurlaube in der Region gibt. In Shanghai zum Beispiel sind entsprechende Suchen nach Hotels in der Stadt um 61 Prozent hochgegangen."

Die Putzfrau Liu Xin Hong hat sich etwas anderes ausgedacht, um für zumindest etwas Urlaubsstimmung zu sorgen: "Weil ich ja schon weiß, dass wir dieses Jahr nicht nach Hause nach Anhui reisen können, habe ich meiner Familie gesagt, dass sie uns ein paar Kilo von dem geräuchtern Schwein schicken sollen, das wir dort immer essen. Am Neujahrsfest sehne ich mich nach Essen von zuhause. Hier in Shanghai schmeckts einfach nicht so gut wie daheim."

Angst vor neuem Covid-Ausbruch: Chinesisches Neujahr fällt für viele aus
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
05.02.2021 06:37 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Februar 2021 um 07:50 Uhr.

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