Geschäft mit buddhistischen Devotionalien in Peking | Bildquelle: Axel Dorloff, ARD

Coronavirus in China Das Virus kann überall sein

Stand: 18.02.2020 11:16 Uhr

Ein Nudelladen ohne Gäste, eine Stadtautobahn ohne Autos, ein Wohnkomplex, den nur bestimmte Menschen verlassen dürfen: Das Coronavirus prägt das öffentliche Leben in Peking.

Von Axel Dorloff, ARD-Studio Peking

"Hefu Nudeln" heißt der kleine Nudelladen im Pekinger Stadtteil Sanlitun. Es ist eines der wenigen Restaurants, die momentan geöffnet haben. Eigentlich stehen die Menschen hier mittags Schlange, um einen Platz für die begehrte Nudelsuppe mit Rindfleisch oder Schweinerippchen zu ergattern. Jetzt sitzen zwei Kunden wie verloren an einem Tisch.

Vor dem Eingang steht Restaurant-Manager Wang mit einer Schutzmaske. "Wir sind aufgefordert worden, einmal pro Stunde die Tische und den Boden zu desinfizieren", sagt er. Auch Kunden und die Fahrer vom Lieferservice müssten mit Alkohol ihre Hände desinfizieren. "Wir messen bei allen in den Ohren die Körpertemperatur. Es dürfen nur die mit unauffälliger Temperatur hinein."

Lama-Tempel seit 24. Januar geschlossen | Bildquelle: Axel Dorloff, ARD
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Angst vor Ansteckung: Der Lama-Tempel ist seit dem 24. Januar geschlossen.

Körpertemperatur wird notiert

Für jeden Gast werden Telefonnummer und Körpertemperatur auf einer Liste notiert. Auch die Mitarbeiter müssen alle zwei Stunden ihre Werte eintragen. Derzeit kommen etwa zehn Kunden pro Tag, dazu nochmal etwa zwanzig Online-Bestellungen. Sonst gehen hier allein zum Mittagessen Hunderte Nudelsuppen über den Tresen.

Es ist eine kurze Autofahrt von Sanlitun in Richtung Westen. Hier liegt der Lama-Tempel, eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Peking. Einer der größten lamaistischen Tempel außerhalb Tibets. Die Stadtautobahn, sonst fast immer verstopft, ist wie leergefegt. Am Lama-Tempel ist das hohe, rote Eingangstor verschlossen. "Seit dem 24. Januar", steht auf einem Zettel. Die buddhistischen Verse aus einem Lautsprecher scheinen dem zu trotzen.

Wachmann sorgt für Quarantäne der Rückkehrer | Bildquelle: Axel Dorloff, ARD
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Ein Wachmann überwacht die Quarantäne von Rückkehren in die Stadt.

"Jetzt sind nirgendwo Menschen"

Genau wie Frau Gui, die gegenüber vom Lama-Tempel buddhistische Devotionalien verkauft: "Die Epidemie hat uns im Griff", sagt sie. "Das war selbst bei der SARS-Epidemie nicht so schlimm. Damals konnte man noch spazieren gehen, es gab Leben in der Stadt. Jetzt sind nirgendwo Menschen."

Infografik Verbreitung neues Coronavirus Stand 18.2.2020
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Bestätigte Fälle gibt es bislang (Stand 18.02.20) hauptsächlich in China. Dann folgen mit deutlichem Abstand Japan, Singapur, Thailand, Südkorea, Malaysia, Taiwan, Vietnam, Deutschland, USA, Australien, Frankreich, Großbritannien, Vereinigte Arabische Emirate, Kanada, Philippinen, Indien, Italien, Russland, Spanien, Belgien, Nepal, Sri Lanka, Schweden, Ägypten, Kambodscha und Finnland.

Viele Bewohner sind nach dem Frühlingsfest immer noch nicht in die Stadt zurückgekehrt. In Peking fehlen weiter Millionen Arbeitskräfte. Seit Ende vergangener Woche gibt es eine Zwangsquarantäne für alle, die die Stadt neu betreten. Egal, ob aus der chinesischen Nachbarprovinz oder dem Ausland.

Wenige Meter vom Laden mit den buddhistischen Devotionalien steht ein Schreibtisch mitten auf einer Altstadtgasse. Davor ein Wachmann in schwarzer Uniform und mit roter Armbinde. "Ich muss dafür sorgen, dass die Rückkehrer sich in Peking entsprechend anmelden", sagt er. "Sie tragen sich erst hier in diesem Heft ein, dann scannen sie den QR-Code ihrer Gemeinde und melden sich beim zuständigen Nachbarschaftskomitee an."

Menschenleere Straße Wudaoying Hutong in Peking | Bildquelle: Axel Dorloff, ARD
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Menschenleer: Die Straße Wudaoying Hutong in Peking

Zweiwöchige Quarantäne

Und dann geht es ab in die zweiwöchige Quarantäne, immerhin in der eigenen Wohnung. Zuwiderhandlungen werden bestraft. Eine eigene Vorschrift gibt es für Rückkehrer aus der am meisten betroffenen Provinz Hubei. Dort, wo mehr als 80 Prozent aller Infektionen mit dem neuartigen Corona-Virus verzeichnet werden. "Die Leute aus Hubei müssen in ihrer Nachbarschaft in eine einheitliche Quarantäne, die von speziellen Personen verwaltet wird", sagt der Wachmann.

Mit drakonischen Maßnahmen versucht China, die Ausbreitung des Coronavirus in den Griff zu bekommen. Und außerhalb der Provinz Hubei konnte die Verbreitung des Virus bislang tatsächlich stark eingedämmt werden. Laut offiziellen Zahlen hat die Millionenmetropole Peking gerade mal 380 bestätigte Infektionen.

SARS, MERS und das neuartige Coronavirus im Vergleich
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Inzwischen sind an dem neuartigen Coronavirus mehr Menschen gestorben als bei der weltweiten SARS-Pandemie.

Ganze Wohnblocks werden desinfiziert

Seit einer Woche steigt die Zahl kaum noch. Ähnlich ist das in vielen anderen Millionenstädten. Über eine App lässt sich nachvollziehen, wo genau in Peking die Infektionsfälle aufgetreten sind. Einer davon im Apartmentkomplex Hengda Jiangwan im Stadtteil Chaoyang.

Eine junge Frau in blauer Winterjacke kommt hier gerade vom Einkaufen, sie wohnt in der riesigen Anlage mit mehreren Hochhäusern. "Jeden Tag desinfizieren sie unseren ganzen Wohnblock und die komplette Nachbarschaft, ein bis zweimal täglich", berichtet sie. "Wir haben spezielle WeChat-Gruppen, über die wir dringende Mitteilungen und Informationen bekommen. Eine eigene Eintrittskarte haben wir auch."

Eintrittskarten bekommen die, die bereits in Quarantäne waren. Der Rest darf nicht raus. Kurier-Lieferungen müssen an der Straße abgeholt werden, auf dem Bürgersteig liegen dutzende Päckchen auf einem Haufen. Kein Unberechtigter darf die Anlage betreten, wie fast überall besteht hier derzeit Besuchsverbot. Das Coronavirus hat den Alltag in Peking auf den Kopf gestellt - und ein Ende ist derzeit nicht in Sicht.

Das Virus kann überall sein: Alltagsszenen aus Peking
Axel Dorloff, ARD Peking
18.02.2020 10:54 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 18. Februar 2020 um 07:51 Uhr.

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